Fahrtberichte

Fahrtbericht

Ohne Experimente auf solidem Kurs

Von Michael Kirchberger

11. Mai 2004 Fiat scheint wieder zur eigenen Identität zu finden. Der jüngst vorgestellte Panda aus der neuen Generation (er läuft gerade durch unser Prüfprogramm) wirkt pfiffig, und sein größerer Bruder Punto soll nach einer umfassenden Renovierung, die freilich kein wirklicher Modellwechsel ist, das Rüstzeug für weiteren Erfolg haben. Die sanften Rundungen der aus dem Jahr 1999 stammenden Ausführung sind strafferen Linien gewichen.

Ungewohnt ist die Kombination des 3,84 Meter langen zweitürigen Punto mit einem sehr kleinen Dieselmotor. Der neu konstruierte Vierzylinder mit Common-Rail-Einspritzung, Vierventiltechnik, Abgasturbolader und zwei obenliegenden Nockenwellen darf als High-Tech-Statement im Segment der kleinen Selbstzünder gelten. Er hat knapp 1,25 Liter Hubraum, leistet sehr beachtliche 51 kW (70 PS) und liefert ein stämmiges Drehmomentmaximum von 180 Newtonmeter bei 1.750 Umdrehungen in der Minute. Das reicht für eine Beschleunigung von 0 bis 100 km/h in 13,3 Sekunden und für 166 km/h. Das 1080 Kilogramm wiegende Auto kostet mit zwei Türen in der Ausstattungsvariante Dynamic 13.100 Euro, mit vier Türen 650 Euro mehr.

Staumöglichkeiten reichlich vorhanden

Im Innenraum bietet der neue Punto die alten Vorzüge. Der Sitzplatz für den Fahrer ist nicht zu knapp geschnitten, selbst große Menschen können sich nicht über einen Mangel an Raum beschweren. Allerdings findet der Fahrer nicht auf Anhieb seine beste Position: Um das Volant in adäquater Reichweite zu haben, muß die Lehne arg steil gestellt oder der Sitz relativ weit nach vorn geschoben werden. Das wiederum führt zu einer angewinkelten Beinhaltung, die nicht wirklich elegant aussieht. Man müßte das Lenkrad nicht nur in der Höhe (serienmäßig), sondern auch in der Neigung (nicht zu haben) verstellen können. Zudem geht es eng zu im Fußraum, da scheuern beim Kuppeln schon mal die Schuhspitzen an der voluminösen Lenksäulenverkleidung. Darauf beschränkt sich aber auch schon die Kritik an der Bedienbarkeit des Punto. Fast alle Hebel und Tasten finden sich gut erreichbar dort, wo sie vermutet werden.

Daß Fiat die Wippschalter für die elektrischen Scheibenheber in der Mittelkonsole unter dem Radio positioniert, daran muß man sich gewöhnen. Die neugestalteten Instrumente kann man gut ablesen, bei starker Sonneneinstrahlung kommt es allerdings zu Spiegelungen in der Windschutzscheibe. Die großflächigen Ablagen sind gut gemeint, aber nicht besonders praxisgerecht ausgeführt. Sie bieten viel Stauraum, ihr glatter Boden kann aber das Verrutschen des Inhalts nicht verhindern. Wie es scheint, will sich Fiat über die Staumöglichkeiten definieren. Außer dem großen Handschuhfach und den Fächern im Armaturenbrett gibt es solche in der Mittelkonsole sowie auf dem Mitteltunnel, kombiniert mit Dosenhaltern.

Zu fünft 100 Euro mehr

Die Sitze sind komfortabel, aber nicht zu weich gepolstert, die Lehnen bieten ordentlichen Seitenhalt. Die Höhenverstellung für den Fahrer ist serienmäßig, hinten finden zwei Passagiere bei ordentlicher Kopf- und Kniefreiheit ausreichend Platz, zumal man die Füße bequem unter die Vordersitze schieben kann. Zu dritt wird es hinten freilich zu eng, und Fiat will dafür 100 Euro Aufpreis: Nur wer hier in Kopfstütze und Sicherheitsgurt extra investiert, darf den 1.3-Multijet-Punto als Fünfsitzer nutzen. Der Weg zur Rückbank läßt sich dank ausgeklügelter Mechanik zum Verschieben des Sitzes halbwegs würdevoll absolvieren, das Umklappen der hinteren Lehnen und Sitzflächen (im Verhältnis 40 zu 60 sind sie geteilt) gelingt mühelos. Die Ladefläche ist beinahe eben, wenn vorher die Kopfstützen aus ihren Halterungen gezogen wurden, das Stauvolumen steigt dann von 264 auf 1.080 Liter. Beim Beladen gilt es eine rund 20 Zentimeter hohe Kante an der Rückwand zwischen Prallfläche und Kofferraumboden zu überwinden.

Der Federungs- und Fahrkomfort der überarbeiteten Radaufhängungen im Punto ist gut. Allerdings sind Abrollgeräusche unüberhörbar, das liegt jedoch nicht zuletzt an der breiteren Bereifung. Statt der serienmäßigen Pneus im Format 165/70 R 14 waren auf dem von uns gefahrenen Exemplar 185/60-Reifen montiert. Die Federung bügelt grobe Unebenheiten mühelos weg. Sanftere Wellen mag der Punto dagegen nicht, dann gerät das kurze Auto in Hoch-Tief-Bewegungen, was meist harmlos ist, aber für eine gewisse Unruhe sorgen kann. Am stabilen Geradeauslauf kann dies nichts ändern, der Punto schnurrt bei schneller Fahrt unbeirrt dahin, Seitenwind perlt von ihm ab. Die Lenkung arbeitet in der Über-Land-Stellung ausreichend direkt, sie vermittelt einen guten Straßenkontakt und wird nur leicht von Antriebseinflüssen tangiert.

Braver Sparer

Wenn es mal zu schnell in die Kurve geht, reagiert der Fahrer mit Gaswegnehmen, und der Fiat antwortet mit ruhigem Untersteuern, artig baut er dabei Tempo ab. Trotz dieses unkomplizierten Fahrverhaltens sollte ESP serienmäßig an Bord sein, es kostet leider in Verbindung mit weiteren Assistenzsystemen 500 Euro Aufpreis. In der Stadt wirkt die stärkere Lenkhilfe in der Einstellung "City" sehr angenehm, man muß sich allerdings daran gewöhnen. Denn die Lenkung vermittelt dann weniger Kontakt zur Straße, sie fordert aber kaum noch Kraft und verleiht dem ohnehin agilen Kompaktwagen beim Einparken eine Leichtigkeit, die selbst den schärfsten Kritiker dieser Lenkhilfe begeistern sollte.

Der neue Common-Rail-Dieselmotor, der künftig auch im Panda und im Lancia Ypsilon zu finden sein wird, meldet sich beim Start unüberhörbar zu Wort und teilt sich während der Fahrt durch sanfte Vibrationen in Lenkrad und Schalthebel dem Fahrer mit. Überraschenderweise nimmt seine Laufruhe beim Hochdrehen deutlich zu, er schnurrt wie eine gut geölte Nähmaschine. Spontan und ohne Denkpause reagiert er auf Leistungsanforderungen und schlenzt den leichten Punto mit Turboschub am Vordermann vorbei. Mit 2.250 Umdrehungen in der Minute tourt er im fünften Gang bei 100 km/h frei von Hektik dahin und zeigt sich dabei beachtlich durchzugsstark. Das Drehmoment wartet zwischen 1.700 und etwa 3.000/min mit größter Einsatzbereitschaft, darüber nimmt das Kraftangebot spürbar ab, deshalb benötigt der Punto auch eine Weile, bis er seine Höchstgeschwindigkeit erreicht. Dann zeigt der Drehzahlmesser 4.000/min, Windgeräusche halten sich mit den akustischen Meldungen des Motors in etwa die Waage, auf langen Strecken wird das lästig. Der Treibstoffverbrauch ist mehr als in Ordnung: 4,1 Liter als Minimal- und 6,1 Liter als Maximalwert ergaben einen Durchschnitt von 4,9 Liter Diesel auf 100 Kilometer. Auch sehr kleine Selbstzünder in alltagstauglichen Autos können sparsam sein.

Sicherer Kurs

Das manuelle Fünfganggetriebe mit seiner präzisen, von kurzen Wegen geprägten Schaltung paßt hervorragend zum agilen Diesel des Punto. Beide gehen eine harmonische Verbindung ein, dazu fügt sich das Ansprechverhalten der standhaften Bremsen. Sie packen gut zu, sind aber weit von böser Giftigkeit entfernt.

Die Ausstattung der Dynamic-Version (Aufpreis im Vergleich zur Active-Basis 610 Euro) ist ausreichend, aber nicht von Üppigkeit geprägt. Auch in der Punto-Klasse sind die Ansprüche gewachsen, daß zum Beispiel ABS und vier Airbags serienmäßig an Bord sind, wird nicht mehr lobend erwähnt. Wer sich etwas aus der Zubehörliste (Klimaanlage für 1.290 Euro) oder schickere Räder gönnt, der kann seinen Punto schnell auf heftige 15.440 Euro bringen. Materialwahl und Verarbeitung zeigen, daß sich Fiat zumindest hier auf solidem Kurs befindet.

Der entscheidend überarbeitete Punto bringt die Kernkompetenz der italienischen Marke in der Tat auf den Punkt: Die Italiener haben nicht verlernt, wie man Kleinwagen baut.

Daten und Meßwerte

Empfohlener Preis: 13100 Euro

Preis des Testwagens: 15 440 Euro

Vierzylinder-Common-Rail-Diesel, Abgasturbolader, 1248 Kubikzentimeter Hubraum

Leistung 51 kW (70 PS) bei 4000/min

Höchstes Drehmoment 180 Nm bei 1750/min, 90 Prozent davon ab 1650 bis 3000/min

Erfüllt Euro 3/D4, Steuerersparnis 600 Euro

Manuelles Fünfganggetriebe

Antrieb auf die Vorderräder

Länge/Breite/Höhe 3,84/1,66/1,48 Meter

Radstand 2,46, Wendekreis 10,5 Meter

Leergewicht 965 (tatsächlich 1080), zulässiges Gesamtgewicht 1475, Anhängelast 1000 Kilogramm; Kofferraumvolumen 264 bis 1080 Liter

Reifengröße 185/60 R 14 82 H

Höchstgeschwindigkeit 166 km/h

Von 0 auf 100 km/h 13,3 s, von 50 auf 100 km/h im 4./5. Gang 12,4/19,8 s

Verbrauch 4,1 bis 6,1, im Durchschnitt 4,9 Liter Diesel je 100 km; Tankinhalt 49 Liter

Versicherungs-Typkl. HP 17, TK 33, VK 21

Vollkosten je km (bei 16000 km/Jahr) 0,27 Euro



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.12.2003, Nr. 286 / Seite T3
Bildmaterial: F.A.Z., Hersteller

 
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche