Von Michael Kirchberger
11. März 2003 Irgendwo zwischen Herrenchiemsee und Neuschwanstein muß die Wahrheit verborgen liegen. Es ist die Frage nach dem Sinn der Üppigkeit und nach dem Inhalt des Überautos. Über viele Kilometer sind wir der Antwort hinterhergefahren, auf jeder Geraden sind wir ihr nahegekommen, an jeder scharfen Ecke ist sie uns wieder entwischt. Das Suchgerät war der 7er - wohl der größte BMW, der je gebaut wurde, mit Sicherheit jedoch die schwerste BMW-Limousine - und er wird nun auch von Dieselmotoren angetrieben. Besonders machtvoll gelingt das Streben nach vorn im 740d mit dem größeren von zwei Selbstzündern, einem V8 mit vier Liter Hubraum und 190 kW (258 PS), für 76.500 Euro steht er in der Preisliste. Diesel-Alternative ist im 730d ein Dreiliter-Sechszylinder mit 160 kW (218 PS) für 58.600 Euro.
Über die wagnerianischen Formen des Spitzenmodells haben wir uns bereits an anderer Stelle geäußert, die Kombination mit dem Hyper-Diesel verleiht dem Wagen etwas Prickelndes. Denn nun gesellt sich zu 5,03 Meter Länge, gut 1,9 Meter Breite und einem Leergewicht von 2.180 Kilogramm das gewaltige Drehmoment von 600 Newtonmeter: Diese Kraft hätte noch vor gar nicht langer Zeit jedes herkömmliche Getriebe in einem Personenwagen zerrissen. Bei seiner Einführung im vorigen Jahr konnte BMW noch Superlative und Premierenanspruch reklamieren: der erste direkteinspritzende V8-Diesel in einer Serienlimousine, das erste sechsstufige Automatikgetriebe; mittlerweile haben andere Hersteller aufgeholt. Der nachhaltige Eindruck wird noch verstärkt, wenn der mit vier Ventilen in jedem Brennraum bestückte Motor mit dem Druck auf den Startknopf zur Arbeit gerufen wird. Er klingt immer noch wie ein Diesel, wenn man draußen steht. Nicht so metallen hämmernd wie frühere Aggregate dieser Bauart, eher konzentriert und wachsam, auf die eigene Befindlichkeit horchend, rasselt er vor sich hin. Zur Beschleunigungsmessung wird das DSC abgestellt, der rasche Druck aufs Gaspedal läßt es sonst sofort in Aktion treten. In 7,4 Sekunden, so die Werksangabe, sei der Sprint von 0 auf 100 km/h zu absolvieren. Daß wir das nicht schneller als 7,8 Sekunden schafften, mag am höheren Rollwiderstand der 18 Zoll großen Winterreifen gelegen haben, vielleicht auch am Leistungsverlust durch die Klimaanlage, deren virtuelle Abschaltfunktion in den Tiefen der iDrive-Menüs uns verborgen blieb.

Wie von Zauberhand lange Strecken mühelos bewältigen
Bei derlei energieintensiven Übungen schnalzt der Leuchtbalken der Verbrauchsanzeige wie der Blitz über die Skala, dennoch kamen wir auf unseren Fahrten über einen maximalen Wert von 11,8 Liter je 100 Kilometer zwischen zwei Tankstopps nicht hinaus. Dafür sorgte der kleinste erzielte Verbrauch für Begeisterung. Knapp unter neun Liter ergab die Berechnung, im Durchschnitt wurden daraus 9,9 Liter Diesel, was immer noch ein sehr guter Wert für einen schweren Oberklassewagen ist. Mit 88 Liter im Tank ist die Reichweite groß, eine der wichtigsten Anforderungen an einen Langstreckenläufer. Die Abgase entsprechen trotz optimierter Verbrennungsabläufe, mehrfacher Einspritzung bei jedem Arbeitstakt und dem von 1.350 auf 1.600 bar erhöhten Druck in der Zuleitung nicht den höchsten Ansprüchen. Der 740d erfüllt Euro 3, die Euro-4-Hürde wird er wohl erst mit einem Partikelfilter nehmen können.
Breite Straße und immer geradeaus - auf freien Stücken der A3 kann man fast mit dem ICE 3 um die Wette fahren. Die Kurbelwelle rotiert bei Tempo 200 mit etwa 3.500 Umdrehungen in der Minute, notwendiges kurzes Verzögern mit der höchst effektiv und fein dosierbaren Bremsanlage führt niemals zu Verstimmungen. Denn sobald der Weg wieder frei ist, treibt das gewaltige Drehmoment den 7er in Windeseile wieder auf die gewünschte Geschwindigkeit. Hier liegen die Stärken des großen BMW mit dem V8-Diesel: lange Strecken entspannt, mühelos und mit vergleichsweise geringem Treibstoffverbrauch zurückzulegen. In allen Situationen hält die Maschine genügend Kraftreserven bereit. Die hervorragende Geräuschdämmung sowie aerodynamische Feinarbeit an der Karosserie, die übermäßiges Windrauschen verhindert, schonen das Nervenkleid obendrein, und die Automatik versteht es trefflich, ihre Anwesenheit zu verbergen. Heimlich wechselt sie die Gänge, vom Fahrer beinahe unbemerkt, fast so wie einst der Eßtisch im königlichen Inselschloß auf geheimnisvolle Weise verschwand und verborgen vor den Augen seiner Majestät gedeckt wurde.
Dem entgegen steht die Bedienung, denn der Wählhebel für die Getriebesteuerung sitzt ungewöhnlich weit oben hinter dem Lenkrad. Wenn ein 7er beim Ausparken trotz trockener Witterung plötzlich heftig mit den Scheibenwischern winkt, weiß der Fachmann, daß der Mensch am Volant beim Umstellen von Rückwärts- zur Vorwärtsfahrt mal wieder den falschen Hebel erwischt hat.
Gestrandet in der City
So entspannt es mit dem großen Diesel auf der Fernstraße dahingeht, so gespannt sitzt der Fahrer in der Stadt auf seinem elektrisch verstell-, beheizbaren und gebläsegekühlten Komfortsitz. Die Karosserie ist unübersichtlich, die Außenspiegel wünscht man sich mindestens doppelt so groß, und bescheiden äußert der Aufsteiger in diesen Oberklassewagen den Wunsch nach einem Lotsen. Den gibt es freilich nicht in der langen Liste für Sonderausstattung, wohl aber den dringend zu empfehlenden Parkpiloten, der über akustische Signale und mit farbenfrohem Spiel (grün, gelb, rot) an der auf dem Monitor abgebildeten Karosserie anzeigt, an welcher Ecke es eng wird. In einer durchschnittlich groß bemessenen Parkhauszufahrt ergibt das eine eindrucksvolle Lichtschau, untermalt von nervendem, monotonem Gepiepse. Seine wahre Größe offenbart der 7er aber auf verengten Fahrspuren von Baustellen: Wenn die linke Spur nur mit maximaler Fahrzeugbreite von zwei Metern befahren werden darf, bleiben links und rechts weniger als fünf Zentimeter Toleranz. Nur Hartgesottene fahren dann nicht rechts.
Mit vorzüglichen Federungseigenschaften und einer präzisen Lenkung versucht der 7er wieder zu versöhnen. Auf schlechter und kurvenreicher Strecke gelingt ihm das. Die schwere Limousine wirkt dank des Einklangs von Leistung und spontaner Gasannahme überaus agil, Kurven lassen sich zielgenau und auf harmonischer Linie durcheilen. Die Federung schiebt sich behutsam zwischen Schlagloch und Sitzpolster, die Passagiere werden keineswegs geschüttelt, was manchen durchaus rührt. Dieses Komfortangebot ist willkommen, was gleichermaßen für die elektrische Kofferraumschließung gilt: Sie verhindert, daß die frisch manikürte Hand den Staub oder das Salz der Straße zu spüren bekommt.
Jugend forscht, und im 7er besonders gern. Während ältere oder weniger technisch zu begeisternde Menschen sich eher über das Bedienrad der iDrive-Steuerung ärgern (wenn sie es beim Griff zur Brillenablage versehentlich berührt haben, was gelegentlich zu bemerkenswerten Folgen führt), wecken Monitor und Menüs beim jugendlichen Internet-Surfer den Entdeckergeist. Unser junger Freund Lukas zumindest zeigte sich ob der vielfältigen Möglichkeiten des System zutiefst beeindruckt, was in einem Ausdruck höchsten Lobes gipfelte:"Cool". Wenn es die Tiefe des Raums zu durchmessen gilt, bewegt sich der große BMW schnell und unaufhaltsam wie ein Orkan vor der Küste Floridas. Im enggesteckten Slalom der Großstadt dagegen wird er zum Wal, dem das Stranden droht. Wenn schon City, dann soll es die weite Vorfahrt vor Hotel oder Oper sein, allenfalls der großzügige Besucherparkplatz der Bundesbank. Tiefgaragen und Parkhäuser nehmen ihm die Lebensfreude und - besonders der Dieselversion - die Chance zum Ausspielen ihrer Stärken. Die Wahrheit liegt also doch nicht in der Weite des bayerischen Königreichs, sondern in der Breite aller Garagen dieser Welt.
Daten und Meßwerte
Empfohlener Preis 76 500 Euro,
Preis des Testwagens 95 200 Euro
V-Achtzylinder-Dieselmotor, vier Ventile je Zylinder, 3901Kubikzentimeter
Hubraum
Leistung 190 kW (258 PS) bei 4000/min
Höchstes Drehmoment 600 Nm bei 1900/min, 90 Prozent davon ab 1600 bis
3100/min
Erfüllt Euro 3
Automatisches Sechsstufengetriebe
Antrieb auf die Hinterräder
Länge/Breite/Höhe 5,03/1,90/1,49 Meter
Radstand 2,99, Wendekreis 12,1 Meter
Leergewicht 2015 (tatsächlich 2180), zulässiges Gesamtgewicht 2595,
Anhängelast 2100 Kilogramm; Kofferraumvolumen 500 Liter
Reifengröße 245/55 R 17 102 W
Höchstgeschwindigkeit 250 km/h
Von 0 auf 100 km/h in 7,8 s
Verbrauch 8,9 bis 11,8, im Durchschnitt 9,9 Liter Diesel je 100 km;
Tankinhalt 88 Liter
Versicherungs-Typkl. HP 23, TK 39, VK 33
Kosten je km (bei 20 000 km/Jahr) 0,71 Euro
Text: 11. März 2003, Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bildmaterial: F.A.Z., Hersteller