Von Gerold Lingnau
20. Juni 2007 Um die Krone der Auto-Schöpfung in Limousinengestalt wird am deutschen Markt seit je ein bitterernster Prestigekampf ausgefochten. Seit einer Reihe von Jahren machen ihn die drei einheimischen Widersacher - Mercedes-Benz S-Klasse, 7er-BMW, Audi A8 - nicht mehr allein unter sich aus. Zunächst wenig beachtet, hat sich Toyotas Luxusmarke Lexus (erstmals vor 17 Jahren) mit ihrem Top-Modell dazwischengeschlichen, das jetzt LS 460 heißt und die dritte oder, wenn man die Auffrischung von 1994 mitzählt, vierte Generation repräsentiert.
Lexus hat sich mit dem LS 460 alle Mühe gegeben, seine Position unter den Großen zu rechtfertigen. Es gibt zur Zeit kein anderes Modell auf dem Weltmarkt, das ähnlich mit elektronischen Hilfen und Komfortdetails befrachtet wäre. Das ist gewiss ein schöner Fortschritt, wenn es der Sicherheit dient. So hat der Lexus mit seinen Pre-Crash-Vorkehrungen die Spitze vor der S-Klasse übernommen: Ein Heck-Kollisions-Warnsystem haben die Stuttgarter ebenso wenig zu bieten wie eine optische Überwachung der Fahrer-Aufmerksamkeit oder zehn Airbags statt nur acht.

Auch eine Beeinflussung von Federung und Lenkung kurz vor einem Ausweichmanöver (oder Aufprall) gibt es bei dem Konkurrenten noch nicht, ebenfalls keinen aktiven Lenkeingriff im Grenzbereich oder beim Ignorieren von Fahrbahnmarkierungen. Diese Zusammenballung von sicherheitsrelevanten Fähigkeiten verdiente Misstrauen, wenn nicht die Marke Lexus einen untadeligen Ruf für Funktionssicherheit hätte. Wir erlebten nur einmal einen unmotivierten autonomen Bremsvorgang, dazu ein paar Hinweise zum vorübergehenden Ausfall der adaptiven Geschwindigkeits- und Abstandsregelung.
93 Seiten um die Einparkhilfe zu verstehen
Ein weniger überzeugendes Elektronik-Beispiel ist die Einparkhilfe entweder über den Farbmonitor des Navigationssystems oder automatisch mit Übernahme der Lenkfunktion. Für die richtige Nutzung dieses Angebots müssen in der Bedienungsanleitung nicht weniger als 93 Seiten gelesen werden. Da würden wir uns nicht wundern, wenn die LS-Eigner weiterhin lieber konventionell einparkten und sich allenfalls vom Bildschirm helfen ließen.
Aber auch Elektronikverweigerer können nicht umhin, den Lexus für seine Basistugenden zu loben. Seine Oberklassenausmaße - gut fünf Meter, die verlängerte Version gibt es in Deutschland nicht - spiegeln sich im Innenraumkomfort: Vorn wie hinten sitzt man auf den Lederbezügen sehr bequem, sobald man ohne entwürdigende Umstände eingestiegen ist, Vordersessel und Rücksitze (in der Ambience-Ausstattung ist der Mittelplatz stark benachteiligt, so dass dieser LS 460 praktisch ein Viersitzer ist) sind elektrisch einstell-, heiz- und belüftbar, allerdings ist die Kopfhöhe im Fond nicht überreichlich und auch der Platz für die Füße unter den Vordersitzen knapp.
Der Fahrer hat ein vorbildlich gestaltetes und beleuchtetes Instrumenten-Ensemble vor Augen, die hinten Sitzenden - zum Aufpreis von 4000 Euro - haben einen 22-Zentimeter-Bildschirm am Dach, der für DVD-Unterhaltung sorgt. Aber auch die Live-Aussicht aus dem Lexus ist wenig behindert, keine Selbstverständlichkeit bei der rekordverdächtigen Windschlüpfigkeit der an europäischen Vorbildern orientierten und fehlerlos verarbeiteten Karosserie. Beim Kofferraumvolumen setzt der LS mit 505 Liter keine Bestmarke, es ist zudem nicht variabel, und die hohe Ladekante verlangt nach kräftigen Armen beim Verstauen des Gepäcks. Als Zuladung waren bei unserem Exemplar nur 375 Kilogramm erlaubt, eine Unmöglichkeit für einen Reisewagen.
Federung nicht ganz polterfrei
Dieser Titel wird auch am Fahrkomfort gemessen, und da sieht es insgesamt nicht schlecht aus. Zur Luftfederung des Lexus mit automatischer Niveauregulierung und Wankausgleich gehört eine sowohl adaptive als auch manuell in drei Stufen beeinflussbare Dämpfung. Die Option Sport vergisst man am besten gleich - dem Charakter des Wagens unangemessen. Die Normaleinstellung ist akzeptabel, nur kurze, harte Stöße lässt sie passieren. Auch die Comfort-Einstellung wird damit nicht besser fertig, sie passt sonst am besten zum Anspruch des LS. Auf sehr schlechten Wegen ist die Federung nicht ganz polterfrei.
Die - auch energiesparende - elektrische Servolenkung profiliert sich nicht nur mit einem preisenswert engen Wendekreis von 10,8 Meter, sondern auch mit einer variablen Übersetzung, mit der sie je nach Lenkwinkel und Geschwindigkeit mehr oder weniger direkt anspricht. In Kurven bewahrt der Lexus souveräne Figur, er verhält sich neutral und ruft das ESP - das nur bis 50 km/h abschaltbar ist - erst bemerkenswert spät zur Hilfe. Die Seitenneigung der Karosserie bleibt zur Freude der Reisenden ebenso gering wie bei schneller Autobahnfahrt das Windgeräusch. Die elektrohydraulische Bremsanlage hat es bei mehr als 2100 Kilogramm Leergewicht des LS nicht leicht, doch zeigt sie keine Schwächen.
Fast-Unhörbarkeit vorbei
Die lassen sich auch dem Antrieb nicht nachsagen. Der Achtzylindermotor wurde für den LS 460 neu konstruiert, er hat 0,3 Liter mehr Hubraum und mit 280 kW (380 PS) 35 Prozent mehr Leistung als der Vorgänger. Bisher ein Unikat ist sein Partner auf der Getriebeseite: die erste achtstufige Automatik am Weltmarkt. Beide zusammen sind ein in Kraft und Komfort kaum zu schlagendes Team. Die acht Stufen - die beiden obersten sind extrem lang übersetzt und würden theoretisch bis 340 und 405 km/h reichen - werden unmerklich gewechselt. Der manuell zu wählende Power-Modus treibt die Schaltdrehzahlen des Motors höher (unter Kickdown bis 6500 je Minute), Snow lässt den Lexus drehmomentreduziert anfahren.
Auch Schalten von Hand ist in einer Parallelkulisse des Hebels möglich, hier wählt das Getriebe alle Stufen bis zur jeweils höchsten eingestellten, schaltet aber zwangsweise hoch, wenn die Grenzdrehzahl erreicht wird. Das moderne Getriebe hat nicht nur Anteil an den ausgezeichneten Fahrleistungen - 6,0 Sekunden aus dem Stand auf 100 km/h, die Höchstgeschwindigkeit ist auf 250 km/h begrenzt -, sondern begünstigt auch den Verbrauch. Wir erreichten im Durchschnitt 12,7 Liter Super je 100 Kilometer, einen für die Statur des Wagens hoch befriedigenden Wert, der auch mit den 84 Liter Tankinhalt harmoniert.
Wenn der Motor überhaupt ein Stirnrunzeln provoziert, dann beim Geräuschkomfort, einer traditionellen Stärke aller Lexus. Wegen der Steigerung der spezifischen Leistung ist Schluss mit der Fast-Unhörbarkeit der früheren Modelle, bei hohen Drehzahlen ist sogar so etwas wie Anstrengung wahrzunehmen: Eines der Alleinstellungsmerkmale des großen Lexus ist dahin.
Schlüsselloser Zugang
Mit seinem Grundpreis von 82.000 Euro ist der LS 460 kein All-inclusive-Modell. Da gibt es zunächst die Ausstattungsversionen Ambience und Impression, die kombinierbar sind und in unserem Wagen auch so auftraten. Ambience umfasst unter anderem Schiebedach, spezielles Leder und vor allem die Komfortsitzausstattung im Fond mit beispielsweise Vierzonen-Klimaautomatik und einer Schalttafel in Gestalt der Rückbank-Armlehne; zu Impression gehören der aufwendige Einparkassistent, ein Audio-/Videosystem des edlen amerikanischen Hauses Mark Levinson und zum schlüssellosen Zugang ein nur scheckkartengroßes Transponder-Bedienteil.
Mit diesen beiden Paketen kommt der LS schon auf 95.000 Euro. Nimmt man alles, was es sonst noch an Extras gibt, werden die 100.000 Euro um 7600 überschritten. Das kann sich im Kreis der Konkurrenz aber immer noch sehen lassen - wie der ganze Lexus. Und so wird es nicht bei dem einen Prozent Anteil bleiben, den er 2006 am europäischen Oberklasse-Markt erreicht hat.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z., Hersteller
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