Fahrtberichte

Fahrtbericht

Aus Italien für die deutschen Momente im Leben

Von Wolfgang Peters

11. Mai 2004 Ein überzeugender Kombi mit den Werten nach innen Freude am Detail, teutonische Qualität und ganz ohne "amore" ischen Details für den Alltag als Nachfolger der Ritmo, Tipo und Brava/Bravo verkauft werden sollten. Außerdem hatten die Marketingstrategen nicht daran gedacht, die Kunden auf den Preis vorzubereiten. In ihrem Bemühen, ein Höchstmaß an Fortschritt und Komfort in ihr neues Flaggschiff zu packen, hatten die Turiner Strategen ein bißchen spät mit dem Rechnen begonnen. Da sind dann Preise herausgekommen, die auch Menschen in Verlegenheit brachten, die sich längst an die Tarife des VW Golf gewöhnt hatten. Man hatte vergessen: Ein Fiat kann noch so wohltönend ausstaffiert sein, er muß im Markt billiger sein. Der deutsche Mensch erwartet das, und nichts ist schlimmer, als ihn in seinen Erwartungen zu enttäuschen.

Nach den Stilo-Versionen mit zwei oder vier Türen ist der Multi Wagon (vulgo: Kombi) die dritte Variante. Aber er ist mehr als lediglich eine weitere Ableitung, er wirkt fast schon wie ein eigenständiges Auto. Das wurde erreicht mit einer um etwa 26 Zentimeter längeren Karosserie und einem steil und kräftig aufragenden Heck. Die Höhe ist praktisch unverändert geblieben, wegen der serienmäßigen Dachgalerie reckt sich der Multi Wagon um zusätzliche vier Zentimeter nach oben. Durch das Längenwachstum läuft der Stilo optisch besser, er findet mit dem deutlich längeren Überhang hinten einen schönen Abschluß und hört nicht einfach nur auf. Im Vergleich zur viertürigen Limousine ist der Multi Wagon 800 Euro teurer, das ist gut angelegtes Geld.Die Motorenauswahl ist geringer als bei der Limousine, man kann sich für einen von je zwei Otto- und Dieselmotoren entscheiden. Nicht jedes Triebwerk ist mit jeder der drei Ausstattungsvarianten zu kombinieren.

Auftritt als Kombi

Der scharf gepreisten und keineswegs unattraktiven Einstiegsversion für 16.500 Euro mangelt es am ESP, man kann es für 550 Euro separat kaufen. Der von uns bewegte Multi Wagon Dynamic ist am besten ausgestattet, er führt zum Beispiel eine manuell zu justierende Klimaanlage mit sich, die sonst mit 1.100 Euro zu bezahlen ist. Das Studium der Varianten und Aufpreislisten ist durchaus lohnend. Der direkte Konkurrent zum Fiat Stilo Multi Wagon mit dem starken 1,9-Liter-Selbstzünder ist der Peugeot 307 SW. Vergleichbar ist der SW Prémium HDi FAP 110 mit Zweiliter-Diesel und 79 kW (107 PS) für 22.600 Euro, allerdings mit Partikelfilter. Die interessantesten Extras für den Stilo Multi Wagon sind das 900 Euro kostende Lamellen-Schiebedach und das Navigationssystem, das ohne TFT-Display und ohne Spracherkennung 2.090 und sonst 2.550 Euro kostet. Diese Aufpreise sind üppig geraten, aber man fährt damit an der Spitze der Bewegung.

Auch wenn dieser Stilo als Multi Wagon auftritt, ist er ein Kombi. Und da geht es um die Lust am Laden. Das voluminöse Heck enttäuscht nicht: Die mit einer separat zu öffnenden Scheibe (praktisch zum restlosen Auffüllen des Laderaums) versehene Heckklappe öffnet sich nach dem Druck auf eine Taste, die im Klappengriff sitzt. Es wird Stehhöhe geboten, und die Öffnung ist respektabel. Unten gibt es 112 Zentimeter, oben 91 in der Breite, in der Höhe sind es 90 Zentimeter. Dahinter liegt ein großer Raum des variablen Ladens. Denn die im Verhältnis ein zu zwei Drittel geteilte Rücksitzbank ist in Längsrichtung um bis zu 16 Zentimeter zu verschieben. Wenn die Sitze der ersten Reihe nun etwas nach vorn rücken, ist die Rückbank auch für drei Figuren noch ein angenehmer Aufenthaltsort. Wird die hintere Bank umgeklappt, entsteht allerdings eine Stufe im Ladeabteil, ein Zwischenraum wird mit einem Stück Teppich zuverlässig abgedeckt. Bleibt die Bank in ihrer hintersten Position, dann hält der Laderaum eine Tiefe von 90 Zentimeter bereit, ist die Bank verschoben, werden es bis zu 106 Zentimeter. Ist die Bank geklappt, reicht die Ladetiefe bis zu den beiden vorderen Sitzen, das macht dann fast 1,70 Meter. Und lange, schmale Gegenstände bis zu 2,20 Meter schiebt man von hinten bis auf den zusammengefalteten Beifahrersitz durch.

Unitalienisch nicht aber unbequem

Die Ladehöhe beträgt bis zu 87 Zentimeter, bis zur mit wenigen Handgriffen demontierten Abdeckung sind es 54 Zentimeter. Der Stauraum mit Zurrösen ist an den Seiten glattflächig und sehr solide verkleidet, unter seinem Boden gibt es ein Notrad und kleine Fächer. Auch wenn wir nicht glauben, daß irgend jemand Liter in seinen Laderaum kippt, es sind so schöne Zahlen: Das Volumen reicht von 510 über 550 (Rückbank ganz vorn) bis zu 1.480 Liter. Die Zuladung fällt da vergleichsweise knapp aus, eine Ladehilfe mit beweglichen Bodenteilen ist nicht anwesend, die Ladekante liegt freundliche 50 Zentimeter über dem Boden.

Bequem gepolstert und reichlich dimensioniert sind die Sitze, man sitzt hoch in diesem Stilo, das ist eher unitalienisch, aber nicht unangenehm. Die Schaltung arbeitet mit langen Wegen, auf ihnen begegnet man manchem Knorpel, sechs statt fünf Vorwärtsgänge wären wahrscheinlich besser, eine Automatik wird nicht angeboten, das ist zu tadeln. Das vertikal und axial zu verstellende Lenkrad liegt gut zur Hand. Vor dem Fahrer ist alles übersichtlich ausgebreitet, Armaturenträger und Mittelkonsole geben keine Rätsel auf. Unnötig ist die serienmäßige Stilo-Eigenart, zwei unterschiedlich starke Hilfen beim Lenken zu bieten, wir sind auch ohne City-Modus beim Einparken nicht entkräftet zusammengebrochen. Überall gibt es ausreichend dimensionierte Ablagen, die Kunststoffe wirken modern und wertvoll, auch die Verarbeitung im Fiat Stilo Multi Wagon ist tadellos.

Der 1,9-Liter-Diesel mit Abgasturbolader und Vierventiltechnik wird mit Hilfe der Common-Rail-Einspritzung gefüttert und sollte weniger ruppig laufen. Es mangelt ihm an jener Geschmeidigkeit, die zum Beispiel der Diesel im Mazda6 aufweist. Nach dem Kaltstart klackert die Fiat-Maschine wie der alte Fendt-Traktor vom Nachbarn, bei dem wenig willig vorangehenden Hochdrehen entstehen häßliche Geräusche und heftige Vibrationen. Erst jenseits von 130 km/h kommt der Motor zur Ruhe. Die Fahrleistungen sind ausreichend, der Verbrauch geht in Ordnung, begeisternd sind die Werte nicht. Volltanken ist kein Vorgang, nach dem man sich sehnt, er ist zeitraubend, und wenn man glaubt, es geschafft zu haben, rülpst der Tank mal heftig auf, schluckt dann noch nach und zögert auch nicht, wieder ein Gläschen dem Fahrer auf die italienischen Halbschuhe zu spucken.

Fiat lauwarm

Das Fahrwerk des frontgetriebenen Stilo Multi Wagon hält hohe Mengen an Sicherheit und Komfort bereit. Es wurde wohl absichtlich auf eine ausgeprägte Neigung zum Untersteuern ausgelegt, der Multi Wagon fährt am liebsten geradeaus, agil und wendig gibt er sich gar nicht. Das liegt auch an der träge reagierenden Lenkung, deren Hilfskraft elektrisch aufgebracht wird, was zwar im Vergleich zu einem hydraulischen System einen Verbrauchsvorteil bedeutet, aber zu einem synthetischen Lenkgefühl führt. Die Bremsen sind ihrer anstrengenden Aufgabe selbst unter längerer Belastung gut gewachsen.

Fiat hat sich mit dem Stilo Multi Wagon zu einem Auto entschlossen, das wenig italienisch ist. Es folgt eher der deutschen Lehre vom Funktionsauto, als daß es die südliche Idee vom Freudewagen verbreitete. Das ist bestimmt nicht der schlechteste Inhalt, den man einem Kombi mitgeben kann. Aber da, wo der Stilo Multi Wagon hinwill, da macht sich doch längst VW breit, wo Funktion die Form verkümmern läßt. So weit darf es bei Fiat nicht kommen, denn Kombis mit deutschem Charakter gibt es längst. Ein Multi Wagon aus Turin muß heißer sein und aussehen.

Daten und Meßwerte

Empfohlener Preis 20 900 Euro

Preis des Testwagens 25 470 Euro

Vierzylinder-Diesel, vier Ventile je Brennraum, Common-Rail-Einspritzung,
Abgasturbolader, 1910 Kubikzentimeter Hubraum

Leistung 85 kW (115 PS) bei 4000/min

Höchstes Drehmoment 255 Nm bei 2000/min, 90 Prozent davon ab 1500 bis
3500/min

Erfüllt Euro 3

Manuelles Fünfganggetriebe

Antrieb auf die Vorderräder

Versicherungs-Typkl. HP 16, TK 34, VK 17

Kosten je km (bei 20 000 km/Jahr) 0,32 Euro



Text: 29. April 2003, Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bildmaterial: F.A.Z., Hersteller

 
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