Fahrtberichte

Fahrtbericht Fiat Sedici 1.9 Multijet

Mit munterer Form auf neuen Wegen

Von Michael Kirchberger

25. Januar 2007 Die 16 soll zur Glückszahl für Fiat werden. Nach dem fulminanten Start des Grande Punto im vorigen Jahr folgte umgehend der erste kompakte SUV der Marke, Fiat wagt sich mit dem Sedici (italienisch für 16) auf neues Terrain, das für den italienischen Hersteller ebenso unbekannt wie erfolgversprechend ist. Zwar hat man mit dem Panda 4×4, dem Arbeitsgerät der italienischen Bergbauern, in den achtziger Jahren einige Erfahrung im Allrad-Markt sammeln können, doch ist die Nachfrage des Jahres 2007 von ganz anderen Bedürfnissen geprägt. Aus der Verbindung eines Kompaktwagens mit einem Geländeauto erfüllt der Sedici die Forderung nach neuen formalen Lösungen. In Gestalt und Technik gleicht er weitgehend dem Suzuki SX4 und entsteht wie dieser im ungarischen Werk Esztergom der japanischen Marke. Antrieb und Karosserie stammen vom Kooperationspartner, für die Innenraum-Gestaltung und die Motoren trägt Fiat Sorge.

Der Allradantrieb ist serienmäßig mit von der Partie, und zur Wahl stehen bei Fiat ein Benziner (79 kW/107 PS) sowie ein Dieselmotor. Die Version mit dem 88 kW (120 PS) starken Selbstzünder kostet genau 22.000 Euro und ist, zumindest was das Durchzugsvermögen betrifft, die bessere Wahl, um den 1410 Kilogramm schweren Sedici in Schwung zu bringen.

Eindrucksvolle Begleitmusik

Das Einsteigen in den Crossover-Fiat fällt leicht. Die erhöhte Sitzposition ermöglicht Fahrer und Beifahrer, ihre Plätze flink und mühelos einzunehmen. Im Fond ist die gebotene Kopffreiheit gut, Platz für Knie und Füße ist vorhanden, wenn die vorn Sitzenden ihre Sessel nicht zu weit nach hinten schieben. Auf längeren Strecken erweist sich die Polsterung als sehr frugal, der Rücken dankt für regelmäßige Pausen. Der Innenraum verwöhnt zwar nicht mit edelster Materialwahl, aber die Verarbeitung macht einen guten Eindruck. Das Interieur wirkt wie aus einem Guss, Schwarz dominiert. Farbenfroher sind die Instrumente, gut ablesbar sind sie obendrein. Alle Hebel und Schalter finden sich dort, wo es der Fahrer in einem Fiat erwartet. Eine Fernbedienung für das Radio ist in den Lenkradspeichen integriert, sein Kranz ist mit einem Leder bezogen, das sich nicht mit den Qualitäten der Schwestermarken Alfa Romeo oder Lancia messen kann. Dennoch liegt das Volant gut in der Hand, seine Größe ist wohl bemessen.

Der Motor startet selbst bei niedrigen Temperaturen willig, er dreht im Leerlauf nicht ganz leise, aber selbst im kalten Zustand kennt er kein nerviges Nageln. Die Geräuschentwicklung ändert sich allerdings nicht, wenn die Maschine ihre Betriebstemperatur erreicht hat. Sie klingt dann immer noch knurrig und kraftvoll zugleich. Bei höheren Drehzahlen stellt sich ein sattes Dröhnen ein, das in Verbindung mit den Windgeräuschen eine eindrucksvolle Begleitmusik auf Reisen erzeugt, die eine Unterhaltung erschwert. Schreiben wir diese Beschwerde der Intoleranz des Alters zu, der Sedici ist ja für junge Menschen gemacht, und die sind gewiss weit weniger lärmempfindlich.

Serienmäßiger Rußpartikelfilter

Im Gegenzug begeistert der Diesel mit einem beachtlichen Durchzugsvermögen. Schon bei 1600 Umdrehungen in der Minute nimmt er willig den Befehl zum Beschleunigen entgegen, ohne Murren dreht er hoch und behält bis weit über 3400/min einen langen Atem. Der schnelle Zwischenspurt fällt ihm leicht, Überholvorgänge auf der Landstraße gelingen mit erheblichen Sicherheitsreserven. Stets spricht der Diesel feinfühlig und spontan an. Trotz der Kraftentfaltung bleibt sein Spritkonsum maßvoll, mit einem Verbrauch von 6,0 Liter Diesel je 100 Kilometer unterwegs zu sein, ist keine anspruchsvolle Übung. Wer den Sedici allerdings häufig auf sein Spitzentempo von 180 km/h treibt oder die Strecken zwischen den Ampeln im Eiltempo zurücklegen will, muss mit einem bis auf 8,6 Liter Diesel für 100 Kilometer steigenden Verbrauch rechnen. Der Mittelwert in Höhe von 6,9 Liter ist keine Meisterleistung, aber für einen gut 1,4 Tonnen schweren und vor allem hochbauenden SUV durchaus angemessen. In den Tank passen 50 Liter, einen wartungsfreien Rußpartikelfilter bekommt der Sedici serienmäßig mit auf seinen Weg.

Das manuelle Sechsganggetriebe gehört beim Diesel zur Standardausstattung, es hat kurze Schaltwege, die einzelnen Gänge lassen sich in einer etwas knochig geratenen Schaltkulisse hinreichend präzise einlegen. Gleich hinter dem kurzen Schaltstock auf der Mittelkonsole findet sich der Wahlschalter für die gewünschte Antriebsart. In der Position „2WD“ werden ausschließlich die vorderen Räder angetrieben. In der mittleren Stellung „Auto“ übernimmt ein Rechner die Kraftverteilung.

Extrasicherheit für Extrageld

Melden die Sensoren einen Drehzahlunterschied zwischen den vorderen und hinteren Rädern, schließt eine Lamellenkupplung und leitet die Kraft zu maximal 50 Prozent an die Hinterachse weiter. Dies geschieht vom Fahrer völlig unbemerkt. Auffällig ist nur, mit welcher Traktionsstärke sich der Sedici über rutschigen Untergrund bewegt und Steigungen trotz Schotter- oder Sandauflage ohne durchdrehende Räder meistert. Selbst das Anfahren in steilen Lagen auf nasser Fahrbahn gelingt mühelos. Als nochmals traktionssteigernde Option legt die Stellung „Lock“ die Kraftverteilung zwischen Vorder- und Hinterachse auf 50 zu 50 fest, um in besonders schwierigem Gelände ein Weiterkommen zu ermöglichen. Diese Funktion steht bis zu einem Tempo von 60 km/h bereit, darüber schaltet sie sich automatisch aus. Der Allradantrieb des Sedici erfüllt die an ihn gestellten Anforderungen stets zu voller Zufriedenheit - er arbeitet im Verborgenen und ist da, wenn er gebraucht wird. Eine Fehlbedienung ist nicht möglich, der Mehrverbrauch bei konstantem Fahren in der Stellung „Auto“ marginal.

Die sorgsame Abstimmung des Fahrwerks beschert dem Sedici feine Fahreigenschaften. Zwar begleitet die Geradeausfahrt eine gewisse Unruhe, die elektrisch unterstützte Lenkung trägt nicht eben zur Stabilität bei. In Kurven aber gibt sich der kleine SUV keine Blöße. Munter flitzt er um die Biegungen, das Volant vermittelt dann etwas mehr Gespür für den Fahrbahnzustand. Das grundlegende, sachte Untersteuern stellt den Fahrer bei zu zügiger Umrundung der Ecken nicht vor unlösbare Aufgaben. Dennoch wäre die serienmäßige Ausstattung mit einem ESP wünschenswert, es wird als Sicherheitspaket zusammen mit den Kopfairbags für 500 Euro Aufpreis nur in der Version „Emotion“ angeboten.

Klassenlose Automobil-Gesellschaft

Die Bremsen arbeiten mit hinreichend präzisem Ansprechverhalten und der gewünschten Wirksamkeit, die Federung des Sedici ist dagegen eindeutig auf zu hart getrimmt. Sobald die Fahrbahn leichte Alterungserscheinungen aufweist, dringen Stöße durch die dünnen Sitzpolster bis ins Rückenmark, wir meinen, dass die straffe Haut der Jugend keineswegs immer und grundsätzlich nach strammen Dämpfern und Federn verlangt. Erst im beladenen Zustand wird der Sedici komfortabler und kommt als Langstrecken-Verkehrsmittel in Betracht. Dabei sollte beim Zuladen das Augenmaß nicht verlorengehen, denn insgesamt dürfen nur 400 Kilogramm an Bord gehievt werden. Das allerdings gelingt dank eines weitgehend ebenen Laderaumbodens und der asymmetrisch umklappbaren Rückbank ohne Mühe.

So fehlen dem Sedici einige geschätzte Tugenden, er kann jedoch mit seiner guten Ausstattung (Klimaautomatik, elektrische Fensterheber, Radio, Dachreling und Leichtmetallräder) sowie einer ordentlichen Portion Fahrvergnügen aufwarten. Seine frische Form rückt ihn in die Nähe einer klassenlosen Automobil-Gesellschaft, und vielleicht lockt er die Nachkömmlinge jener Generation von Menschen an, die sich einst für die flinken, spartanischen Allradler von Suzuki begeistern konnten.



Text: F.A.Z., 23.01.2007, Nr. 19 / Seite T3
Bildmaterial: F.A.Z., Hersteller

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche