25. Oktober 2004 Die zweite Generation des kleinen Mercedes-Benz macht fast alles anders. Formale Unebenheiten wurden ausgebügelt, mit knackigen Proportionen geht die A-Klasse linientreu auf den modernisierten Kurs der Marke. Den allzu knuffigen Charakter des Debütanten hat sie abgelegt, das Design verspricht mehr Dynamik, das tut besonders der viertürigen Version recht gut. Im Vergleich zum Vorgänger ist der Wagen um 23 Zentimeter länger und 4,5 Zentimeter breiter geworden, das Raumgefühl hat dadurch erheblich gewonnen. Macht die A-Klasse II also alles besser?
Den Fahrer erwartet ein sehr aufgeräumter Arbeitsplatz. Die klare Gestaltung des Armaturenbretts mit vorzüglich abzulesenden Instrumenten und zweifelsfrei positionierten Bedienungselementen gibt keine Rätsel auf, selbst aus dem kleinsten Winkel am unteren Rand der schrägen Windschutzscheibe wird deutlich: Auch der kleinste Mercedes ist jetzt ein Mercedes. Das gilt auch für Details: Das Handschuhfach hat eine angemessene Größe. Wohlbemessene Türtaschen und etliche kleine Ablagefächer helfen, die nötigen Reiseutensilien zu verstauen. Die Ellenbogenfreiheit, beim Vorgänger oft bemängelt, ist erheblich gewachsen, der ungewollte Körperkontakt mit dem Beifahrer bleibt aus. Auch der Sitzkomfort hat das erwartet hohe Niveau erreicht, das gilt buchstäblich, denn die Sitzposition liegt wie bisher über dem Normalmaß der Klasse. Die Lehnen unterstützen bei Kurvenfahrten tadellos, ihre Maße sind ebenso üppig wie die der Sitzflächen, das ist einer entspannten Sitzhaltung förderlich und ermöglicht lange Distanzen mit geringer Ermüdung. Der Schritt in den A 170 will wohl bemessen sein, denn der wegen des doppelten Sicherheitsbodens höher liegende Einstieg erfordert eine etwas modifizierte Bewegungsroutine. Dank großer Türöffnungswinkel gelingt dies jedoch auch weniger gelenkigen Menschen. Sehr empfehlenswert ist die aufpreispflichtige Ausstattung mit einem zusätzlich zur Höhe in axialer Richtung verstellbaren Lenkrad (156,60 Euro), damit findet sich die beste Position leichter.

Der Kofferraum des kompakten Mercedes-Benz legt mit 435 Liter minimalem Volumen ein ordentliches Maß vor, die meisten seiner Klassenkameraden können da nicht mithalten. Als Zusatzausstattung steht das sogenannte Easy Vario System für 348 Euro bereit, dann können ein Sitz der Rückbank sowie der Sessel des Beifahrers herausgenommen werden. Das Volumen steigt ohne dieses Extra schon durch einfaches Klappen der Rücksitzbank auf 1370 Liter, nach dem einfachen Ausbau des etwa zehn Kilogramm schweren Rücksitzes und der etwas aufwendigeren Demontage des Beifahrersitzes wächst das Transportvermögen gar auf 1995 Liter. Die niedrige Ladekante und die weit öffnende Heckklappe fördern freudvolles Verstauen des Gepäcks.
Den A 170 treibt ein 1,7 Liter großer Vierzylindermotor mit zwei Ventilen in jedem Brennraum an. Mit kräftigem Ton meldet er sich bei Leistungsabruf zu Wort und hält beim Beschleunigen das akustische Versprechen. Die kompakte Maschine beschleunigt den rund 1,3 Tonnen schweren Wagen in 10,9 Sekunden von 0 auf 100 km/h. Munter dreht das vorne quer eingebaute Triebwerk hoch bis zur erlaubten Grenze von 6100/min, es wird dabei nicht übermäßig laut und läßt kaum Vibrationen spüren. Doch Drehzahlhatz muß nicht sein, denn trotz des vergleichsweise geringen Hubraums schöpft der Motor auch aus dem Drehzahlkeller Kraft. Schon bei 2000/min gibt er ausreichende Leistung ab, reagiert spontan und willig beim Druck auf das leichtgängige Gaspedal. Diese Agilität beruht auf einer Getriebeübersetzung, die für hohe Motordrehzahlen sorgt. Das führt zu höherem Treibstoffverbrauch. Ein Durchschnitt von 8,1 Liter Super für 100 Kilometer kann nicht als besonders günstig eingestuft werden, bei forcierter Fahrt sind Werte über neun Liter keine Seltenheit, und nur mit großer Zurückhaltung erreichten wir den Norm-Wert als minimalen Verbrauch. Wie zum Ausgleich dafür war unser Proband ein besonders flinkes Exemplar, 193 km/h schaffte er, vier km/h mehr als Mercedes für dieses Modell verspricht.
Die Schaltung des Fünfganggetriebes mit dem kurzen Hebel in der Mittelkonsole des Armaturenträgers ist ein Vorbild an leichtgängiger Präzision. Aus dem Handgelenk heraus läßt sich der wohlpositionierte Schaltgriff flink in die gewünschte Gangstufe bewegen. Allein das Anfahren und das schrittweise Vorankommen im stockenden Verkehr verlangen Konzentration und routinierte Bewegungskoordination. Das Kupplungspedal steht der Leichtgängigkeit des Gaspedals in nichts nach, und anfangs setzt sich der Wagen entweder mit zu hoher Drehzahl oder mit leichtem Wippen in Bewegung, bevor sich eine Harmonie einstellt. Die Scheibenbremsen vorne und hinten wirken mit einem fein definierten Druckpunkt und beweisen bei jedweder Art von Verzögerung eine hervorragende Dosierbarkeit. Daß sie obendrein bei übergroßer Beanspruchung standfest bleiben, haben wir nicht anders erwartet.
Die Lenkung arbeitet mit einer geschwindigkeitsabhängigen Unterstützung, die wir bei hohem Tempo jedoch als zu kräftig empfunden haben. Bei mittlerer Geschwindigkeit, etwa auf der Landstraße, erfreut sie mit Genauigkeit und einem feinen Einlenkverhalten, das eine erstaunliche Agilität vermittelt. Das kleine Volant liegt dabei gut in der Hand, für 208,80 Euro ist es ebenso wie Schaltknauf und Handbremshebel mit Leder bezogen. Beim Rangieren läßt es sich beinahe mit einem Finger drehen, was den nicht eben kleinen Wendekreis von fast elf Metern zumindest teilweise kompensiert. Auf der Autobahn dagegen ist der Fahrer stets auf der Suche nach der geraden Linie, kleine Kurskorrekturen sind ständig notwendig, der Wagen wirkt leicht nervös und aufgeregt. Das wird von der straffen Federung noch verstärkt. Das Fahrwerk der A-Klasse ist keineswegs unkomfortabel abgestimmt, aber auf schlechter Fahrbahn mit Querrillen schluckt die Federung die Stöße nicht vollends und teilt an die Insassen stets einen leichten Klaps beim Überfahren von Fugen aus. Dafür macht sie ihre Sache in Belangen der Sicherheit und Straßenlage überaus gut. In Kurven hält der kleine Mercedes-Benz selbst bei flottem Tempo unbeirrbar seine Spur, beherrschbares Untersteuern wird in keiner Situation von überraschenden Lastwechselreaktionen beeinträchtigt. Der A 170 animiert daher zu durchaus sportlicher Fortbewegung, das serienmäßige ESP tritt erst spät und dann fein abgestimmt zur Arbeit an.
Für die komfortablen Seiten des Lebens im Auto hält Mercedes-Benz eine ganze Reihe von Extras bereit. Für 1090 Euro gibt es ein Panorama-Glaslamellendach, die Automatikfunktion der serienmäßigen Klimaanlage muß mit 568,40 Euro erkauft werden. Sitzheizung vorne kostet 319 Euro. Der Aufpreis für den Tempomat (290 Euro) ist erklärbar, daß jedoch eine 12-Volt-Steckdose im Kofferraum nur gegen Zuzahlung von 23,20 Euro und eine Gepäckraumabdeckung für 110,20 Euro zu haben ist, entspricht nicht den Erwartungen an die Serienausstattung. Für Sicherheit sorgen vier Airbags, ESP und ABS mit Bremsassistent, Fenster- und Fond-Airbags sind für 261 und 388,60 Euro im Angebot.
Mit dem Studium der Preisliste stellt sich Premiumanspruch ein. Der wird schon beim Blick auf die Verarbeitung erfüllt. Hier leistet sich die Marke keine Schwächen: Der Mercedes A II kann alles besser als A I. Und wenn die Tür mit sattem Klang ins Schloß fällt, dann erkennen wir an, daß der kleine Mercedes die Tugenden seiner größeren Brüder besitzt. Raum für Verbesserungen bleibt dennoch.
Nächste Woche: Skoda Octavia 1.6 Elegance; weitere Artikel unter www.faz.net./Fahrtberichte
Daten und Meßwerte
Empfohlener Preis 20 010 Euro Preis des Testwagens 25 236 Euro
Vierzylinder-Ottomotor, 1699 Kubikzentimeter Hubraum
Leistung 85 kW (115 PS) bei 4000/min
Höchstes Drehmoment 155 Nm bei 3500/min, 90 Prozent davon ab 2900 bis 4000/min
Erfüllt Euro 4
Manuelles Fünfganggetriebe
Antrieb auf die Vorderräder
Länge/Breite/Höhe 3,84/1,76/1,57 Meter
Radstand 2,57, Wendekreis 10,95 Meter
Leergewicht 1165 (tatsächlich 1280), zulässiges Gesamtgewicht 1705, Anhängelast 1300 Kilogramm; Kofferraumvolumen 435 bis 1370 Liter
Reifengröße 185/65 R 15 88T
Höchstgeschwindigkeit 192 km/h
Von 0 auf 100 km/h in 10,9 s, von 50 auf 100 km/h im 4./5. Gang in 13,9/19,3 s
Verbrauch 6,6 bis 9,3, im Durchschnitt 8,1 Liter Super je 100 km; Tankinhalt 54 Liter
Versicherungs-Typkl. HP 12, TK 15, VK 14
Kosten je km (bei 20 000 km/Jahr) 0,29 Euro
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.10.2004, Nr. 250 / Seite T3
Bildmaterial: F.A.Z., Mercedes