Fahrtberichte

Fahrtbericht VW Golf Plus 1.9 TDI Comfortline

Verliebt in den Raum zur rechten Zeit

Von Michael Kirchberger

01. Juni 2005 Aus der Tiefe des Raumes kommen nicht nur Fußballspieler, sondern auch Vorteile. Versehen mit einem "Plus", gewinnt der VW Golf der fünften Generation, verglichen mit seiner zusatzfreien Version, 9,5 Zentimeter an Höhe. Sein Dach buckelt sich 1,58 Meter über der Straße. Die übrigen Abmessungen beider Versionen sind identisch, nur im Innenraum gibt es ein deutlich besseres Platzangebot. 23150 Euro kostet die Plus Version 1,9 TDI in Comfortline-Ausstattung, wenn der 77 kW (105 PS) starke Diesel mit dem Direktschaltgetriebe DSG kombiniert wird.

Die Form des in Deutschland meistverkauften Kompaktwagens bleibt trotz des Hangs zu Höherem gewahrt. Der Golf Plus sieht aus wie einer, wirkt allenfalls ein wenig fülliger als seine niedrigeren Geschwister. Immerhin seien 70 Prozent der Bauteile beider Modelle identisch, sagt VW. Auf eine Plus-Kennzeichnung mit Schriftplakette wurde verzichtet. So offenbart der Viertürer (keine Zweitür-Version) nach dem Einsteigen seine inneren Werte. Vorn sitzt der Fahrer um 7,5 Zentimeter höher als im Golf ohne Plus, die Passagiere im Fond thronen gar 8,5 Zentimeter weiter oben. Dennoch bleibt die Kopffreiheit sehr üppig bemessen, auf allen Plätzen geht es höchst großzügig zu. Der Trick des Raumgewinns liegt an der veränderten Sitzgestaltung. Dank der gewonnenen Höhe sitzen die Mitfahrer mit steiler stehender Rückenlehne. Das ist sehr bequem und sicher obendrein, denn die Übersichtlichkeit der Karosserie gewinnt aufgrund der gehobenen Position deutlich. Das Einsteigen fällt überdies leichter als im Normal-Golf, gerade der nicht mehr ganz so rüstige Mensch dürfte daran Gefallen finden.

Variabilität des Innenraums

Der Innenraum bietet eine für VW bisher untypische Variabilität. Die Rückbank kann um 16 Zentimeter in Längsrichtung verschoben werden, das modifiziert Kniefreiheit oder Kofferraumvolumen. Der Golf Plus hat ein schon in der Konfiguration als Fünfsitzer 395 Liter fassendes Gepäckabteil, 45 Liter mehr als der weniger hohe Namensvetter. Die Rückbank läßt sich geteilt umklappen, ohne daß hierzu die Sitzflächen senkrecht gestellt werden müßten. Dies gelingt in einem Handgriff, eine feine Mechanik schließt dabei die Lücke zwischen Bank und Kofferraumboden, eine weitgehend ebene und durchgehende Ladefläche entsteht. Darunter gibt es bei der Comfortline-Ausstattung eine zweite Ebene, in deren Fächer vom Abschleppseil bis zur Warnweste so ziemlich alles rutschsicher verstaut werden kann. Im tiefsten Keller unter dem Kofferraum schließlich ist das Reifen-Pannen-Set Tirefit festgezurrt.Der mittlere Teil der Rückbanklehne dient als Armauflage oder Durchreiche, außerdem kann die Lehne des Beifahrersitzes bei anspruchsvolleren Transportaufgaben mühelos entriegelt und nach vorn geklappt werden. Wer die für diese Option zu zahlenden 155 Euro investiert, kann sich über eine maximale Ladelänge von 2,3 Meter freuen. An der Unterseite der Gepäckraumabdeckung ist ein hilfreiches Gepäcknetz montiert. Über einen Mangel an Ablage- und Staufächern kann sich keiner beklagen. Das durchschnittlich dimensionierte Handschuhfach ist wie der Kasten unter der Mittelarmlehne vorn klimatisiert. Die leicht aufschwingende Heckklappe hat einen Griff zum Zuziehen, der sich über die gesamte Innenverkleidung erstreckt. Das zulässige Gesamtgewicht von 2030 Kilogramm erlaubt eine Zuladung von rund 500 Kilogramm, allemal genug für die Urlaubsfahrt einschließlich des Einkaufs von Souvenir-Getränken. Mit Klapptischen, die in die Lehnen der Vordersitze integriert sind, gibt sich der Golf Plus familienfreundlich. Und selbst wenn sich der riesigste Riese hinter dem Lenkrad von der elektrischen Sitzverstellung in eine angenehme Position fahren läßt, bleibt im Fond eine überdurchschnittliche Beinfreiheit.

Agil trotz Mehrgewicht

Beim Fahren ist vom Plus des Golf kaum etwas zu bemerken. Die etwa 75 Kilogramm Mehrgewicht reduzieren keineswegs die Durchzugsstärke des Pumpedüsediesels, allenfalls die Karosserieneigung in stramm gefahrenen Kurven wird als stärker empfunden. Das Mehrgewicht hat keinen negativen Einfluß auf die Golf-Agilität. Die Sitze bieten einen guten Seitenhalt, sie sind nicht zu hart gepolstert und vermitteln bei der Entscheidung für die Lederausstattung (2170 Euro) einen hohen Qualitätsstandard. Das Lenkrad ist in Höhe und Tiefe einstellbar, eine gute Sitzposition ist schnell gefunden.

Der Vierzylinder schnurrt ohne Aufgeregtheit, aber deutlich hörbar los, mit dem Direktschaltgetriebe DSG beweist er einen beeindruckenden Antritt. Flink spurtet der Golf Plus auf die 100-km/h-Marke zu und läßt auch dann nicht wirklich locker. Das ohne Zugkraftunterbrechung schaltende Getriebe arbeitet präzise wie ein schweizerischer Zollbeamter, allerdings deutlich schneller. Ruckfrei und unbeirrbar eilt es durch die Übersetzungen. Schon in der normalen Stellung sind die Schaltzeitpunkte angenehm, wer es zügiger liebt, der drückt die Sport-Taste neben dem Wahlhebel, dann läßt die Elektronik die Gänge höher ausdrehen und der Golf Plus gewinnt an Munterkeit. Die größere Stirnfläche setzt dem Fahrtwind jedoch mehr Widerstand entgegen. Deshalb verliert der 1.9 TDI jenseits von 130 km/h doch an Temperament, zum Erreichen der Höchstgeschwindigkeit braucht er eine lange Anlaufstrecke, und er gerät an kräftigeren Steigungen schon mal außer Atem. Zum entspannten Reisen und im Nah- oder Mittelstreckenverkehr reicht die Leistung des Dieselmotors jedoch allemal. Erfreuliche Zurückhaltung zeigt er beim Treibstoffkonsum. Trotz zügiger Fahrweise stiegen unsere Werte nie über 8,3 Liter Diesel für 100 Kilometer. Der Durchschnittskonsum von 6,8 Liter ist angesichts des Fahrzeuggewichts ein sehr anständiger Wert. Der Motor erfüllt Euro 4, ein Partikelfilter wird jedoch erst in der zweiten Jahreshälfte für etwa 550 Euro angeboten.

Präzise Lenkung

Mit feiner Genauigkeit agiert die Lenkung. Sie ist leichtgängig und doch stramm, so daß nie Zweifel über den Fahrbahnzustand und die Haftung der Vorderräder aufkommen. Leise Korrekturen in zu schnell angefahrenen Kurven genügen, um das untersteuernde Fahrverhalten und den Kurs zu korrigieren, das serienmäßige ESP geht dem Fahrer notfalls sanft unterstützend zur Hand. Seitenwind beeindruckt den Golf Plus kaum, dies zeigt, welche Sicherheitsreserven in der aufwendigen Fahrwerkskonstruktion stecken. Die Bremsen sprechen weich an und fordern erhöhten Pedaldruck, vor allem in Notsituationen sollten sie aktiver ansprechen. Keinen Anlaß zu Tadel geben sie bei der Standfestigkeit.

Hohe Qualität

Bei der Verarbeitung gibt sich der Golf Plus keine Blöße. Feine Materialien, sorgsame Auswahl und Gestaltung schaffen einen hochwertigen Eindruck des Interieurs. Besonders schick sind die kleinen Chromringe um die acht Luftausströmer am Armaturenbrett, deren Funktion verbessern sie freilich nicht. Die Belüftung sorgt leider für lästige Zugluft.

Die Sicherheitsausstattung ist komplett. Vorn sind aktive Kopfstützen am Platz, die dem Schleudertrauma bei einem Unfall entgegenwirken sollen. Hinten gibt es für jeden der drei möglichen Mitfahrer einen Automatikgurt und wohl bemessene Kopfstützen. Front-Airbags für Fahrer und Beifahrer sowie Kopfairbags vorn und hinten gehören zur Serienausstattung, Seitenairbags im Fond kosten 265 Euro.

Der Golf Plus stellt sich selbstbewußt in die Lücke zwischen dem normalen Golf und dem Minivan Touran. Das gilt auch für den Preis: Vergleichbarer Touran oder konventioneller Golf kommen auf 24875 oder 21930 Euro. Der Touran hat allerdings den Platz- und Image-Vorteil seines Konzeptes. Der größte Nachteil des Plus-Charakters: Man sieht dem Mehrwert-Golf seine Vorzüge nicht an.

Nächste Woche: BMW 535 d; weitere Artikel unter www.faz.net/Fahrtberichte



Text: F.A.Z., 31.05.2005, Nr. 123 / Seite T3
Bildmaterial: F.A.Z.

 
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