Von Michael Kirchberger
18. Februar 2003 Nein, die Fenster lassen wir lieber zu. Sonst hämmerte der harte, metallische Klang doch zu ungedämpft aufs Trommelfell, der ganze Spaß an einer mit prächtigem Drehmoment verknüpften Sparsamkeit wäre dahin. Also bleiben die Scheiben oben, die Klimaautomatik sorgt für das Wohlbefinden der Passagiere, und so wollen wir die - mit vollem Tank theoretisch möglichen - 1.000 Kilometer bis zur nächsten Zapfsäule auf komfortable, sichere Art im Opel Vectra 2.2 DTI genießen.
Was nicht jeder weiß: Opel ist einer der frühen Anbieter von Dieselmotoren. Mit der Rekordfahrt eines Versuchsfahrzeugs, das mit einem Selbstzünder bestückt war, schärfte man vor 31 Jahren die Sinne möglicher Kunden für das nagelnde Dieselgeräusch, das wenig später unter der Haube der Baureihe mit dem Namen Rekord hervordringen sollte. Eine besondere Kompetenz bei dieser Motorenart hat die Rüsselsheimer Marke freilich in der Folgezeit nicht entwickelt. Vielmehr legte man Ende der neunziger Jahre auf Geheiß der Muttergesellschaft General Motors den Schwerpunkt der Dieselentwicklung in die Hände des Tochterunternehmens Isuzu in Japan. Ungeachtet der Tatsache, daß die Söhne Nippons sich mit der Akzeptanz des selbstzündenden Verbrennungsmotors arg schwertun.

Sei's drum, das 2,2-Liter-Triebwerk im Vectra ist ein Opel-Gewächs der jüngsten Generation, der stärkste Diesel, der in dieser Baureihe zu haben ist. 21.950 Euro kostet die so motorisierte Mittelklasse-Limousine in Basisausstattung, ein etwas größerer, geringfügig kräftigerer VW Passat (gut zehn Zentimeter länger, 3,7 kW/5 PS mehr) schlägt gleich mit 24.700 Euro zu Buche.
Akustisch auffällig geworden
Beim Vergleich der gefahrenen Ausstattungsstufe wird der Unterschied noch deutlicher. 24.450 Euro kostet der Vectra in Elegance-Ausführung, die in vergleichbarer Weise bestückte Passat-Variante Highline steht für 27.400 Euro in der Liste. Und der um 0,3 Liter größere Hubraum des Opel ist seiner Sache dienlich. Denn er entfaltet seine Kraft wesentlich harmonischer, als dies beim kleineren VW-Aggregat geschieht. Die Leistung zupft weniger heftig an den Köpfen der Insassen, die Drehmomentkurve hat einen harmonischeren Verlauf, der Einsatz des Turboladers führt zu nachdrücklicher, aber nicht brachialer Beschleunigung. Am oberen Ende des gut nutzbaren Drehzahlbereichs bricht die Leistung wiederum nicht plötzlich völlig weg, das Drehmoment fällt nicht ohne Vorwarnung in den Keller. Im Alltag ermöglicht dies eine komfortable Art der Fortbewegung, das Kopfnicken auf dem Beifahrersitz zeugt nicht von überraschender Leistungsexplosion, sondern signalisiert Sympathie für die zügige, doch komfortable Art des Beschleunigens. In Kauf nehmen müssen Umstehende freilich die akustische Auffälligkeit des Opel-Diesels. Zum Innenraum hin ist die Geräuschisolierung nahezu perfekt; ein sonores Schnurren, das Vertrauen weckt und fast beruhigend wirkt, ist alles, was vom Nageln ankommt. Am kalten Wintermorgen ist das gemeine Hämmern jedoch dazu angetan, die Nachbarschaft aus den Betten zu holen.
92 kW (125 PS) stellt der mit vier Ventilen in jedem Brennraum bestückte Vierzylinder bereit. Das maximale Drehmoment von 280 Newtonmeter wird von 1.500 bis 2.750 Umdrehungen in der Minute geliefert. Eine vernünftige Leistungsmenge gibt der mit Common-Rail-Technik arbeitende Motor bereits bei etwa 1.200/min ab, was den bewußt treibstoffsparenden Mobilisten vor gewisse Schwierigkeiten stellt. Denn im fünften Gang des handgeschalteten Getriebes rotiert die Kurbelwelle bei 50 km/h mit nur wenig mehr als 1.000/min. Zum Dahinrollen ohne besondere Leistungsanforderung reicht das, Gasgeben quittiert der Motor dann jedoch mit arg gequält klingenden Laufgeräuschen. Schaden tut's ihm nicht, aber der Fahrer muß Nervenstärke beweisen, um die mit verbrauchssenkenden Drehzahlen verbundenen Mißtöne zu ertragen.
Effizienter Kaltblüter
Der Lohn der konzentrierten, aber nicht provozierenden Sparfahrt stellt sich an der Zapfsäule ein. 5,4 Liter Diesel auf 100 Kilometer war der niedrigste von uns ermittelte Wert. Wohlgemerkt: Nicht nach sturer 80-km/h-Fahrt auf der Landstraße, sondern nach diversen Wegen des Alltags durch den abendlichen Berufsverkehr im Rhein-Main-Gebiet und ohne dabei von überdurchschnittlich vielen anderen Berufspendlern überholt zu werden. Der Höchstwert stellte sich mit 8,3 Liter für 100 Kilometer ein, bei einer flotten Fahrt über halbwegs freie Autobahnen; den von Opel angegebenen Normverbrauch von 6,5 Liter können wir gut nachvollziehen, unser Gesamtergebnis lag nach rund 2.000 Kilometer bei 6,7 Liter Diesel je 100 Kilometer. 61 Liter Tankinhalt erlauben eine ordentliche Reichweite, das Tanken selbst geht einfach. Schnell läßt sich der Treibstoffbehälter randvoll füllen.
Die möglichen Fahrleistungen des kräftigsten Diesel-Vectra bewegen sich auf gehobenem Niveau. In 11,1 Sekunden gelang uns der Sprint von 0 auf 100 km/h, 0,3 Sekunden mehr, als die Werksangabe verspricht. Das mag am stattlichen Gewicht des Diesel-Vectra liegen, rund 1,54 Tonnen bringt er in dieser vollausgestatteten Version auf die Waage, vielleicht lag es aber auch nur an unseren Extremitäten, denen die Beweglichkeit der Jugend fehlt. Die Höchstgeschwindigkeit übertraf der Testwagen dagegen um rund zwei Prozent und erreichte statt 206 sogar 210 km/h.
Der Vectra 2.2 DTI leidet wie viele Autos mit modernen Dieselmotoren unter einer gewissen Kaltblütigkeit. Das Durchzugsvermögen der Maschine ist selbst bei höheren Geschwindigkeiten tadellos, Anfahrschwächen erlaubt sich dieser Opel ebenfalls nicht, aber das thermische Verhalten des Diesel läßt die Heizung an kalten Tagen erst nach wenigstens drei Kilometer Fahrt wirken. Bis dahin muß sich der Fahrer mit der Sitzheizung wärmen. Die arbeitet schnell und effizient, kostet aber 215 Euro für die beiden vorderen, komfortablen und guten Seitenhalt bietenden Sitze. Bei Schmuddelwetter fällt die großflächige Scheibenreinigung positiv auf. Das von den Wischern bearbeitete Feld ist groß, das bei vielen anderen Autos häufig unberührte Dreieck rechts oben an der Frontscheibe, auf dem Spritzwasser und Regen dem Beifahrer die Sicht nehmen, hat beim Vectra allenfalls die Größe einer Käseecke.
Spaßiger Sparer
Die Schaltung des Fünfganggetriebes funktioniert recht präzise, ohne knackig zu wirken, der kurze Hebel liegt gut in der Hand, seine Wege sind kurz. Etwas ungenauer arbeitet die Lenkung. Bei schneller Geradeausfahrt ist häufiges Korrigieren notwendig, der Weg durch die Kurve gelingt auf einer sauberen Linie erst nach einer gewissen Gewöhnung an die Leichtgängigkeit des Volants. Die Bremsen arbeiten dagegen tadellos, sie gefallen mit einem feinen Ansprechverhalten, bringen den Wagen auch nach heftiger Beanspruchung ohne spürbares Nachlassen der Wirksamkeit zum Stehen. Der Federungskomfort ist ebenfalls einwandfrei, straff und definiert rollt der Vectra ab, ohne seine Passagiere über Gebühr durchzuschütteln. Für die Sicherheit sind Front-, Seiten- und Kopfairbags mit von der Partie, Traktionskontrolle und ESP greifen ein, wenn es brenzlig wird; das Fahrverhalten des Diesel-Vectra ist wie das seiner ottomotorisierten Brüder tadellos und fein kontrollierbar.
Zusätzlich zur Serienausstattung bekommt die Elegance-Version elektrische Fensterheber hinten, Nebelscheinwerfer, Leichtmetallräder, eine Klimaanlage, Sitze mit Lendenwirbelstütze und eine Mittelarmlehne vorn mit Ablagefach. Mit einfacher Bedienung und gut ablesbaren Instrumenten ist der Vectra ein angenehmer Reisewagen. Bei der Dieselversion gesellt sich zum Spaß- der Sparfaktor, was in Zeiten knapper Budgets ein durchaus willkommener Charakterzug ist.
Daten und Meßwerte
Empfohlener Preis 24 450 Euro,
Preis des Testwagens 26 380 Euro
Vierzylinder-Dieselmotor, vier Ventile je Zylinder, 2171 Kubikzentimeter
Hubraum
Leistung 92 kW (125 PS) bei 4000/min
Höchstes Drehmoment 280 Nm bei 1500/min, 90 Prozent davon ab 1200 bis
3000/min
Erfüllt Euro 3
Manuelles Fünfganggetriebe
Antrieb auf die Vorderräder
Länge/Breite/Höhe 4,59/1,79/1,46 Meter
Radstand 2,7, Wendekreis 10,8 Meter
Leergewicht 1430 (tatsächlich 1535), zulässiges Gesamtgewicht 2000,
Anhängelast 1500 Kilogramm; Kofferraumvolumen 500 Liter
Reifengröße 215/55 R 165 93 H
Höchstgeschwindigkeit 210 km/h
Von 0 auf 100 km/h in 11,1 s, von 50 auf 100 km/h im 4./5. Gang in
10,6/18,1 s
Verbrauch 5,4 bis 8,3, im Durchschnitt 6,7 Liter Diesel je 100 km;
Tankinhalt 61 Liter
Versicherungs-Typkl. HP 18, TK 33, VK 21
Kosten je km (bei 20 000 km/Jahr) 0,35 Euro
Text: 18. Februar 2003, Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bildmaterial: F.A.Z.