Fahrtberichte

Fahrtbericht Chrysler C 3.5

Das Selbstbewußtsein leidet unter Leistungsmangel

Von Michael Kirchberger

Kraftvoll: Chrysler 300 C 3.5

Kraftvoll: Chrysler 300 C 3.5

18. November 2004 Ein Donner hallt durch die Luft. Dafür sorgt Chrysler mit der opulenten Form des neuen Spitzenmodells 300 C. Der Glanz vergangener Jahre wird beschworen, ein mächtiger Kühlergrill signalisiert amerikanisches Selbstbewußtsein in dem von deutschen Managern bestimmten Unternehmen. Niedrige Fenster und mächtige Dachsäulen lassen den Eindruck einer Festung entstehen, die sich wehrhaft den Verfechtern eines sozialverträglichen Autodesigns entgegenstellt.

Neue Wege fährt der 300 C bei der Verteilung seiner Antriebskraft: Chrysler kehrt jetzt auch in der oberen Mittelklasse zum Hinterradantrieb zurück, die vor etwa 20 Jahren begonnene völlige Hingabe an den Frontantrieb wird allmählich von einer differenzierteren Sichtweise abgelöst.

Knapp 50 000 Euro kostet die Spitzenversion des 300 C, der 5.7 Hemi mit einem 250 kW (340 PS) starken V8, der aus rund 5,7 Liter Hubraum 525 Newtonmeter Drehmoment schöpft. Den fulminanten Auftritt gibt es schon für weniger Geld. Wir waren mit dem 300 C 3.5 unterwegs, der für 38 600 Euro einen V6-Benziner mit immerhin 183 kW (249 PS) bietet.

Übersichtliche Architektur des Innenraums

Übersichtliche Architektur des Innenraums

Die von außen versprochene Größe hält der Chrysler beim Einsteigen. Die Türen öffnen sich weit, erst nachdem der Zündschlüssel ins Schloß gesteckt wurde, rücken Lenkrad und Fahrersitz, elektrisch angetrieben, in die vorher eingestellte Position. Das bringt den Chauffeur zwar näher ans Volant, aber die tiefe Abdeckung des Armaturenträgers schafft Distanz und ein beeindruckendes Raumgefühl, verringert jedoch die Übersichtlichkeit der Karosserie. Die Ausmaße des Chrysler lassen sich auch wegen der kleinen Fenster von innen kaum abschätzen.

Die Architektur des Innenraums ist klar gegliedert, glatte und große Flächen, Kunststoff, der sich fein anfühlt, aber in zarter Narbung und tristem Grau weniger gut aussieht, dominieren. Die Lederbezüge der Sitze sind in der gleichen Farbe gehalten, nur die aluminiumfarbenen Einfassungen in der Mittelkonsole und Walnuß-Einlagen an den Türgriffen und am Lenkrad (350 Euro Aufpreis) sorgen für einen optischen Kontrapunkt. Ablagen in üppigem Format, das gefällt nicht nur dem Amerikaner, gibt es reichlich. Das Armaturenbrett ist übersichtlich, die Instrumente sind gut ablesbar, die Bedienung der serienmäßigen Zwei-Zonen-Klimaautomatik und der Audio-Anlage mit CD-Spieler erweist sich als selbsterklärend, wenngleich bisweilen umständlich. Dabei finden sich einige wohlbekannte Details im 300 C. Die Fußfeststellbremse, die Bedienung der Geschwindigkeitsregelanlage und der Kombihebel für Blinker und Scheibenwischer sind alte Freunde aus dem Hause Mercedes-Benz. Für das Glasschiebedach über dem automatisch abblendenden Rückspiegel sind 1150 Euro extra fällig, die Lederausstattung einschließlich Heizung für die vorderen Plätze kostet 1700 Euro Aufpreis.

Nicht für enge Pässe sondern für die Weite der Distanzen gedacht

Nicht für enge Pässe sondern für die Weite der Distanzen gedacht

Ohne Zuzahlung gibt es die umklappbaren Rücklehnen im Fond des Chrysler, sie erleichtern den Transport sperriger Güter dank der Durchlademöglichkeit. In den sauber verkleideten Kofferraum passen 504 Liter Gepäck, eine hohe Kante behindert das Verstauen schwerer Koffer, die Klappe des Gepäckraums hat keinen Griff, der das Schließen erleichterte.

Die Sitze bieten vorn wie hinten guten Komfort, im Fond hätte Fred Astaire genügend Beinfreiheit und Fußraum für ein paar Stepübungen, den Hut muß er dabei nicht abnehmen. Angenehm ist die lange Auflagefläche für die Oberschenkel auf allen Plätzen, die angenehmes Reisen ohne vorzeitige Ermüdung ermöglicht. Seitenhalt gewähren die Sitze jedoch kaum, zumal das glatte Leder ein Rutschen des Körpers bei flotter Kurvenfahrt begünstigt. Schon die Form des großen Chrysler gibt eindeutige Hinweise: Dieser Wagen ist nicht für die zügige Fahrt über enge Bergstraßen gedacht. Er sucht sein Heil in der Weite der Distanzen, und das findet er vorzugsweise auf breiten, gut ausgebauten Straßen. Die Lenkung vermittelt wenig Gefühl für die Straße, sie wirkt unpräzise, kann nur bei Schleichfahrt mit großzügiger Servounterstützung dienen und bei schnellem Tempo mit noch akzeptabler Direktheit einen ordentlichen Geradeauslauf fördern. In Kurvenkombinationen lenkt der 300 C ungenau ein, häufiges Korrigieren ist gefragt. Die Federung ist zudem unnötig hart. Lange Bodenwellen verkraftet sie noch halbwegs anständig, kurze Stöße versteht sie nicht zu meistern, der Wagen wird unruhig, und in Kurven mit schlechtem Straßenbelag stuckert die Vorderachse, als würde der Regionalexpreß über die Weichen am Bahnhof Zoo fahren. Dies bleibt nicht ohne Folgen für die im Grunde sicheren Fahreigenschaften des Chrysler. Das gutmütige Untersteuern wird von einem nach außen drängenden Heck abgelöst, wenn die Federn und Dämpfer bei Unebenheiten die Räder nicht mehr ordentlich am Boden halten können. Immerhin zeigt die Lenkung noch genügend Wirkung, um den Kurs zu korrigieren. Das serienmäßige ESP hilft nur sehr zurückhaltend aus.

Ein mächtiger Kühlergrill signalisiert amerikanisches Selbstbewußsein

Ein mächtiger Kühlergrill signalisiert amerikanisches Selbstbewußsein

Das Abrollgeräusch der 18 Zoll großen Leichtmetallräder übertönt oft das Rauschen des Fahrtwinds. Das ist bemerkenswert, weil schon bei Tempo 160 der Fahrtwind sehr gut vernehmbar um die A-Säulen und die Vorderkante des Dachs pfeift.

1780 Kilogramm wiegt der 300 C in der V6-Version. Sie ist deutlich leichter als andere Automobile dieser Größe. Aber dem mit vier Ventilen in jedem Brennraum arbeitenden Triebwerk ist die Mühe anzumerken, mit der es für Tempo sorgt. Ein Beschleunigungswert von 9,1 Sekunden von 0 auf 100 km/h ist zwar noch angemessen, der Überholvorgang auf der Landstraße oder das Beschleunigen nach dem Ausscheren auf die linke Spur der Autobahn sind dem 300 C 3.5 anstrengende Übungen. Dem Motor allein ist dies nicht anzulasten. Immerhin 340 Newtonmeter stehen bei 3800 Umdrehungen in der Minute als maximales Drehmoment bereit, das sollte für agilere Fahrleistungen genügen. Der Krafträuber an Bord ist ein Automatikgetriebe mit nur vier Übersetzungsstufen, das dem Triebwerk jede Munterkeit nimmt. Die betont auf Drehzahlreduzierung ausgelegte vierte Stufe taugt nicht zum Beschleunigen, selbst der kleinste Druck auf das leichtgängige Pedal veranlaßt den Automaten zum Zurückschalten. Das geht mit einer erheblichen Geräuschentwicklung des spontan hochdrehenden Leichtmetallmotors einher. Er klingt nicht gerade unangenehm, auf Dauer ist die nervöse Schalterei jedoch unangenehm und vom Oberklassen-Anspruch des 300 C weit entfernt. Immerhin wechselt die Automatik die Übersetzungsstufen mit sanfter Eleganz, so daß ein Ruck beim Schalten beinahe ausbleibt. Vibrationen initiiert der V6 zudem sehr maßvoll, Laufkultur fehlt ihm - abgesehen vom metallischen Sägen bei hoher Drehzahl - kaum, nur eben der etwas längere Atem und eine Portion Leichtfüßigkeit. Die Anstrengungen schlagen sich im Treibstoffkonsum nieder. Trotz aller Mühen und streng reglementierter Bewegungen des rechten Fußes war ein Verbrauch von 11,3 Litern für 100 Kilometer nicht zu unterschreiten. Den Maximalkonsum ermittelten wir mit 16,9, im Durchschnitt verlangte der V6 nach 14,1 Liter Super für 100 Kilometer.

Der kleine Motor im großen Chrysler ist also eher zweite Wahl. Denn er bricht mit Tugenden großer amerikanischer Limousinen, deren edelste Eigenschaften immer dicke Leistung und sattes Durchzugsvermögen waren. Wenn man die Ausstattungen von V6- und V8-Varianten berücksichtigt, dann ist der stärkere 300 C nur noch rund 6000 Euro teurer. Mit V8-Motor donnert er so, wie er aussieht.

Nächste Woche: Renault Modus; weitere Artikel unter www.faz.net/fahrtberichte

Daten und Meßwerte

Empfohlener Preis 38 600 Euro Preis des Testwagens 44 350 Euro

V-Sechszylinder-Benzinmotor, vier Ventile je Zylinder, 3518 Kubikzentimeter Hubraum

Leistung 189 kW (249 PS) bei 6400/min

Höchstes Drehmoment 340 Nm bei 3800/min, 90 Prozent davon ab 2400 bis 5200/min

Erfüllt Euro 4

Automatikgetriebe mit vier Stufen

Antrieb auf die Hinterräder

Länge/Breite/Höhe 5,06/1,88/1,48 Meter

Radstand 3,05, Wendekreis 11,9 Meter

Leergewicht 1740 (tatsächlich 1780), zulässiges Gesamtgewicht 2180, Anhängelast 1425 Kilogramm; Kofferraumvolumen 504 Liter

Reifengröße 225/60 R 18 100 V

Höchstgeschwindigkeit 210 km/h

Von 0 auf 100 km/h in 9,3 s

Verbrauch 11,3 bis 16,9, im Durchschnitt 14,1 Liter Superbenzin je 100 km; Tankinhalt 68 Liter

Versicherungs-Typkl. HP 19, TK 23, VK 27

Vollkosten je km (bei 20 000 km/Jahr) 0,57 Euro



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.11.2004, Nr. 268 / Seite T3
Bildmaterial: Daimler-Chrysler, F.A.Z.

 
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