06. März 2006 Schwaben scheuen das Risiko. Sie haben immer einen Schirm dabei, tragen Gürtel und Hosenträger und schaffen beim Daimler. Aber das ist Vergangenheit. In der Gegenwart regnet es weniger, den Gürtel kann man kaum noch enger schnallen, und beim Daimler wackeln die Arbeitsplätze. Vielleicht setzt deshalb die Marke Mercedes-Benz mehr als je zuvor auf Risiko (siehe auch A-Klasse mit zwei und vier Türen oder die B-Klasse) und Zukunft.
Vor sechs, sieben Jahren hat das den damaligen Mercedes-Chef Jürgen Hubbert schon umgetrieben: Wird das Kerngeschäft der Marke, wird die souverän-konservative, technisch-avantgardistische Stufenheck-Limousine wie bisher für die Zukunft stehen? Oder werden nicht andere, neue Konzepte die Fragen künftiger Kunden schlüssiger beantworten? Führen veränderte Mobilitätsprofile nicht auch zu anderen Forderungen an den Mercedes von morgen? Wenn man sich in dieses Thema vertieft, ist Atemlosigkeit nicht zu vermeiden: Dann stehen nämlich Entscheidungen an, die an den Grundpfeilern einer Marke rütteln und die existentielle Risiken bergen können. Dabei geht es doch nur darum, ob der Mercedes der Zukunft wirklich paßt, trägt, schmückt und Freude macht und sein Fahrer sich gern damit zeigt.

Freilich wissen wir, daß die R-Klasse vor allem in Amerika ihre Kunden finden soll. Dort ist ohnehin alles größer, wie wir das in Fernsehserien an den weiblichen Hauptpersonen zu erkennen glauben. Aber vielleicht ist auch Europa reif für sie. Daß sie auf Teile der Technik mit der ebenfalls in Amerika gefertigten M-Klasse zurückgreift, muß kein Nachteil sein. So gibt es zum Beispiel den hauseigenen Allradantrieb 4matic und die vorzügliche Luftfederung an der Hinterachse. An der Qualität von Fertigung und Materialien gab es bei dem von uns gefahrenen Exemplar nichts zu mäkeln. Die Verarbeitung war tadellos, die Architektur des Innenraums mit genügend Ablagen, bequemen Sitzen, akkurat passenden Verkleidungen und dieser Mischung aus Leder, Kunststoff und Holzanmutung sorgt für eine entspannte Atmosphäre des zügigen Wohnens, kein Weg kann hier zu lang werden. Das liegt auch an den Sitzen und am Konzept. Denn unser Testwagen bot die große Freiheit Nummer sechs. Drei Sitzreihen mit jeweils zwei Sesseln sind breite, gemütliche Aufenthaltsorte, nirgendwo mangelt es an freiem Raum. Man steigt vorn und in der Mitte (Plätze drei und vier kann man um eine Handbreite in Längsrichtung verschieben) würdevoll ein, nur nach ganz hinten muß man kraxeln, für ältere Menschen ist das eine Zumutung, bequem ist der Weg nach ganz hinten nur, wenn man noch im Krabbelalter ist. Wenn man schließlich doch sitzt, wird man auch in der letzten Reihe für die Mühsal belohnt: wie vorn sind auch hier die Sitze gut gepolstert, sie bieten festen Halt für den Körper sowie Armstützen, und der Abstand ihrer Fläche zum Boden ist reichlich. Das große umbaute Volumen angemessen zu temperieren schaffte die Klimaanlage auch bei strengem Frost. Sie vermied heftige Zugluft und verhinderte zuverlässig ein Beschlagen der Scheiben.

Neue Sichtweise: An die die Linien und Proportionen der ungewöhnlichen R-Klasse muß man sich erst noch gewöhnen.
Der Fahrer thront in der angenehm erhöhten Sitzposition vor seinem Kommandostand wie Captain Kirk auf der Enterprise. Er hat gut abzulesende Instrumente vor sich und für die Automatik (sie reiht beinahe nahtlos sieben Gänge wie schimmernde Perlen der Performance aneinander) ein schüchternes Hebelchen am Volant. Diese zunächst ungewohnte Position birgt keinen Nachteil. Raumschiffmäßig mutet mitunter die Bedienung an. Es gibt zwar einen zentralen Stellknopf, aber dennoch zählten wir in einer ruhigen Stunde etwa siebzig Tasten nur auf der Mittelkonsole, allein in der linken Tür lauert mehr als ein Dutzend Drücksteller auf den zielenden Finger des im Idealfall pianospielenden Fahrers. Das erscheint uns zuviel.
Wer sich bei kaltem Wetter vornimmt, eine R-Klasse zu Fuß zu umrunden, sollte sich warm anziehen und heiße Getränke mitnehmen. Länge und Breite des Wagens sorgen für hohe Unübersichtlichkeit, und damit der Besuch im Parkhaus nicht wirklich teuer kommt, ist Vorsicht die Mutter der großen Kiste. Man muß mitunter sorgfältig peilen in den Kurven, und mit der R-Klasse merkt man, wie schmal normierte Parkbuchten sind. Aber im Stadtverkehr, auf der Landstraße und vor allem auf der Autobahn wirkt sie handlicher als erwartet. Der Wendekreis ist zwar relativ knapp, aber die Autodimensionen schränken die Beweglichkeit doch ein, dann reversiert man halt mal mit der Ruhe eines dicken Mannes. Dabei kamen wir noch in den Genuß der kürzeren Ausführung: 4,92 Meter stehen der Lang-Version mit 5,16 Meter gegenüber. Die Sitze im Fond kann man einzeln umklappen, dann entsteht eine ebene Ladefläche. Als Viersitzer bietet der R 500 im Kofferraum eine Ladetiefe von 96 und als Sechssitzer von eher knappen 36 Zentimeter. Daraus resultieren respektable Staumengen. Die riesige Heckklappe gibt auf Knopfdruck mit warnendem Piepsen eine großzügige Öffnung frei, eine Abdeckung für den Kofferraum ist nicht vorgesehen, Einladen ist eine einfache Übung. Allerdings saute sich das gesamte Heck des Autos unerwartet intensiv ein.
Insgesamt sechs Versionen gibt es von der R-Klasse, man kann sich zwischen einem Diesel und zwei Ottos entscheiden, zudem den kurzen oder den langen Radstand wählen. Bei als angemessen empfundenen 51504 Euro beginnt die R-Klasse mit dem R 350. Das ist unsere Empfehlung für Raum- und Komfort-Forderungen. Ohne diese Variante jetzt bewegt zu haben: der V6 ist zwar drehmomentstark, aber mit dem hohen Leergewicht hat er kein leichtes Spiel. Wer dann noch einen niedrigeren Verbrauch (um elf Liter für 100 Kilometer) und ein Schäufelchen mehr Schmalz sucht, der nehme doch den 320 CDI für 52200 Euro. Alles zusammen plus noch mehr Dampf in jeder Lebenslage bietet der R 500 mit dem Dreiventil-V8: 64960 Euro mit kurzem und 66700 Euro mit langem Radstand, der Unterschied zwischen lang und kurz liegt immer bei 1740 Euro. Daß unser R-Exemplar auf ungefähr 82000 Euro kam, hat nicht gestört, Komfort ist uns keine Belastung. Beim Vergleich mit der S-Klasse fällt auf: Ein neuer S 500 kommt ohne Extras auf fast 90000 Euro, das ist durchaus ein Argument für die Erfahrung mit der R-Klasse.
Rund 2,2 Tonnen Leergewicht sind nicht die besten Voraussetzungen für Agilität. Sollte man meinen. Aber das auf europäische Bedingungen vorzüglich abgestimmte Fahrwerk, der Motor und die tadellos schaltende Automatik machen aus der R-Klasse einen behenden Riesen. Der V8 sorgt für außergewöhnliche Fahrleistungen, er läuft leise und säuft dabei nur ein bißchen: wir kamen auf 15,9 bis 20,7 Liter Super für 100 Kilometer, zuviel für einen Personenwagen, erträglich für einen Raumwagen dieses Kalibers. Die Domäne der R-Klasse ist die lange Distanz. Ehe man es sich versieht, hat man die ersten 200 Kilometer schon überwunden. Das gilt zumindest für die Autobahn. Auf schlechter Landstraße neigt der Wagen zu einem tolerablen, aber doch störenden Wanken, kein Wunder bei seinen Dimensionen. Sehr komfortabel arbeitet das Fahrwerk, es bietet zudem hohe Fahrsicherheit; Lastwechsel in Kurven werden mit großer Ruhe akzeptiert. Unangenehm ist das Entstehen von Windlärm bei 180 km/h.
Mit welchen Chancen die R-Klasse nun tatsächlich in die Zukunft fährt, das kann niemand sagen. Bei Mercedes-Benz wirbt man intensiv für sie. Und man bemüht sich dabei, ihr Entstehen quasi als ein Naturereignis ("Kohle trifft Druck") zu interpretieren. Wir schätzen die R-Klasse als eine Ergänzung der bewährten Konzepte ein, deren Ablösung ist nicht zu erkennen. Ein Rest-Risiko bleibt bestehen, und so sind die Schwaben für ihren Mut zu loben.
Text: F.A.Z., 07.03.2006, Nr. 56 / Seite T3
Bildmaterial: F.A.Z.