Fahrtberichte

Fahrtbericht Mercedes-Benz CL 600

Emotion, Vernunft und zwölf Zylinder

Von Gerold Lingnau

07. Februar 2007 Auch große Coupés haben bei Mercedes-Benz eine große Tradition. Und eine kleine, aber treue Kundschaft. Wer eine S-Klasse ohne Dienstwagen-Geruch fahren will, kann sich seit vergangenem Herbst aus der jüngsten CL-Generation bedienen, Coupés klassischer Definition, also mit zwei Türen und eigenständigem Karosserie-Design. Dem Renommee dürfte keineswegs abträglich sein, dass die Zwölfzylinder-Version CL 600 mit 153 510 Euro das teuerste Modell im „normalen“ Angebot der Marke ist: Nur der SLR McLaren und einige AMG-Versionen verlangen nach noch mehr Geld.

Als tröstliche Nachricht mag man dagegen werten, dass dieser CL im Vergleich zu 2+2-sitzigen Kleinserien-Coupés mit zwölf Zylindern wie dem Ferrari Scaglietti oder dem Bentley Continental GT geradezu ein Sonderangebot ist - mit weniger, aber durchaus genug Exklusivität. Zugleich ist der neue CL einfach ein schönes Auto - er übernimmt Styling-Elemente, die mit dem CLS aufgekommen sind, ohne sie überzustrapazieren. Man kann sich ihm also sehr wohl auch mit emotionalem Impetus nähern. Andererseits hat die Großserien-Verwandtschaft des Mercedes-Benz ihr Gutes, sobald es um Komponentenzuverlässigkeit oder Ersatzteilpreise geht. Und damit spricht für den, der sich ein Spitzen-Coupé leisten kann und will, vieles für den Kauf eines CL 600.

Sitze taugen nicht nur für Kurzstrecke

Zur Vernunft bei dieser Entscheidung gehören zwei durchaus bequeme Sitze im Fond des CL, die für Erwachsene nicht nur auf Kurzstrecke taugen. Natürlich darf man bei einem Coupé nicht Limousinen-Maßstäbe anlegen: Die Kopfhöhe auf den beiden Rücksitzen ist ausreichend, aber auch nicht mehr, die Kniefreiheit muss mit den Vornsitzenden ausgehandelt werden. Fahrer und Beifahrer, die übliche Besetzung, sind dagegen allerbestens umsorgt: Langbeinige können die Tiefe ihrer Sitzfläche auf bis zu 58 Zentimeter vergrößern, und starke Figuren haben bei 55 Zentimeter Breite genug Leibesunterstützung. Die riesigen Türen rücken zwar die Sicherheitsgurte in fast unerreichbare Ferne, doch findet sich auch hier der bewährte Gurtbringer, der weniger Beweglichen das Umdrehen erspart und auch allen anderen willkommen ist.

Der Zugang zum Fond ist so bequem, wie er bei einem Coupé nur sein kann - die Vordersitze rücken elektrisch aus dem Weg, wenn man ihre Lehne klappt, und nehmen dann ihren alten Platz wieder ein. Beim Einsteigen vorn will die recht geringe Türhöhe bedacht sein, das Lenkrad fährt auf Wunsch nach oben, damit der Mensch ungehindert Platz nehmen kann. Auf die Bedürfnisse der eher älteren CL-Käuferschaft ist somit ausreichend Rücksicht genommen, ebenso wie auf die Tauglichkeit des Coupés als Reisewagen: 450 Kilogramm Zuladung und 490 Liter Kofferraum sind Limousinenwerte. Vergrößerbar ist das Gepäckvolumen nicht, es gibt aber eine Durchladeöffnung für Ski oder ähnliches Ladegut.

Für den Mercedes-Gewohnten keine Überraschungen

Das serienmäßige Leder-und-Holz-Ambiente im Innenraum des CL 600 bietet für den Mercedes-Gewohnten keine Überraschungen. Das gilt auch für die sonstige Einrichtung, die hier alles aufbietet, was bei Daimler-Chrysler Stand der Technik ist. Dynamische Multikontursitze vorn mit Heizung, Belüftung und Massagefunktion sind ebenso aufpreisfrei an Bord wie die perfekt arbeitende Klimaautomatik, das Schiebedach, das geräuschdämmende Verbundglas ringsum, das Comand-System für Navigation, Unterhaltung und Kommunikation - mit Festplatte und Farbbildschirm -, eine Surround-Anlage mit überirdischem Klang und ein Sechsfach-DVD-Wechsler. Bi-Xenon-Scheinwerfer mit Kurven- und Abbiegelicht gehören ebenso zur Serienausstattung. Für 1785 Euro zusätzlich kann man den Nachtsichtassistenten anheuern, der bei Dunkelheit mit seinem Infrarotlicht weit vorausschaut, ohne den Gegenverkehr zu stören, und ein Bild wie am Tage ins Instrumentenfeld projiziert: nach Gewöhnung ein hochkarätiges Sicherheits-Plus.

In Sachen Sicherheit zieht Mercedes-Benz beim CL ohnehin alle Register. Acht Airbags sind da geradezu selbstverständlich, ebenso die Pre-Safe-Vorkehrungen für die Milderung von Unfallfolgen noch kurz vor dem Aufprall. Für 1940 Euro lassen sie sich weiter ausbauen bis hin zur Pre-Safe-Bremse, die dem Fahrer im Notfall zuvorkommt und mit autonomer Verzögerung das Schlimmste zu verhindern sucht. Auch an der aktiven Sicherheit fehlt nichts. Das Fahrwerk mit der Luftfederung Airmatic bietet eine tadellose Symbiose von Komfort und hochwertigem, neutralem Kurvenverhalten, nur ganz grobe Fahrbahnstöße überfordern die Radaufhängungen und provozieren polternde Durchschläge. Das ESP respektiert die sportliche Grundstimmung des CL und greift nicht zu früh ins Geschehen ein, doch rechtzeitig genug, um den Folgen eines allzu brachialen Einsatzes der Motorleistung entgegenzuwirken. Die Lenkung könnte ausgeprägtere Haltekräfte in Kurven und mehr Rückstellmoment aufbieten. Der Wendekreis ist klein genug, um den CL überraschend handlich zu machen. An den Bremsen enttäuschten die hohe Pedalkraft und der weiche Druckpunkt, zudem minderten die Winterreifen deutlich ihren Biss.

Fast erschreckende Masse

Mit 2170 Kilogramm Leergewicht stellte unser CL 600 eine fast erschreckende Masse dar - Schattenseite der Super-Ausstattung. Kein Problem damit hatte der aus der S-Klasse bekannte Biturbo-Zwölfzylinder mit seinen 380 kW (517 PS) und 830 Newtonmeter Drehmoment. Es gibt nur wenige Wagen, die das Feld zwischen 200 und 250 km/h (hier greift bei den Serienmodellen von Mercedes-Benz die freiwillige Selbstbeschränkung) so souverän und elegant beherrschen. Mit eindrucksvoller Nonchalance kann der CL jede Gelegenheit zu kraftvollen Zwischenspurts nutzen. Die moderne Siebengang-Getriebeautomatik der Marke bekommt er zwar nicht mit, er muss sich mit dem älteren fünfstufigen, auch manuell mit Lenkradpaddeln zu schaltenden Aggregat begnügen, doch das ist beim Leistungsniveau des Motors kein ernsthafter Nachteil. Die Automatikprogramme C(omfort) und S(port) haben auch Auswirkungen auf Motorsteuerung und Fahrwerksabstimmung. In jedem Fall genügen fünf Sekunden, um aus dem Stand auf 100 km/h zu beschleunigen, in drei Sekunden geht es von 50 auf 100 km/h.

Das wird untermalt von einem tief grollenden, nach innen gut gedämpften Motorgeräusch. Es ist zwar keine Coverversion etwa der Ferrari-Musik, doch auch nicht allzu weit weg von ihr. Was den Verbrauch betrifft - Super Plus ist Vorschrift -, wird sich wohl niemand Illusionen machen. Die 16,8 Liter je 100 Kilometer, die unser Durchschnitt waren (mit Autobahnspitzen bis an 19 Liter), mag man ungehörig oder angesichts von Gewicht und Leistung voll angemessen finden. Wir neigen zur zweiten Ansicht, ohne eine Diskussion darüber eröffnen zu wollen, welchen Sinn Autos dieses Kalibers heute überhaupt noch haben. Fakt ist: Nur wenige Jahre zuvor hätte ein Wagen solcher Machart erheblich mehr Benzin verbrannt. Der Fortschritt ist auch in dieser Klasse nicht aufzuhalten.

Von der Serienausstattung war schon die Rede: Sie ist so vollständig, wie man es bei einem Basispreis jenseits der 150 000 Euro schließlich erwarten darf. Die Liste der möglichen Extras ist denn auch für Mercedes-Benz-Verhältnisse extrem kurz. Nicht in unserem CL 600 anwesend waren Dinge wie der Fernseh-Tuner (1178 Euro), die Rückfahrkamera (982 Euro) und die Spracheingabe Linguatronic (470 Euro). Ebenso aufpreispflichtig sind die Lenkradheizung (ob es wohl viele laternenparkende CL gibt?) für 298 oder Neun-Speichen-Leichtmetallräder für 476 Euro. Selbst wer sich alles Verfügbare gönnt, kann den Preis für diesen teuersten Mercedes nicht mehr sehr weit über die 158 895 Euro hinaustreiben, die unser Wagen gekostet hätte. Und auf die paar Cent zusätzlich käme es dann gewiss auch nicht mehr an.



Text: F.A.Z., 06.02.2007, Nr. 31 / Seite T3
Bildmaterial: F.A.Z., Hersteller

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche