Von Gerold Lingnau
28. Juli 2004 Zum Erfolg gehören zehn Prozent Genie und neunzig Prozent harte Arbeit: Nach diesem Rezept hat sich Audi seinen Platz neben den etablierten Edelmarken Mercedes-Benz und BMW erobert. Kaum mehr jemand, der es nicht für angemessen hielte, die drei Namen in einem Atemzug zu nennen. Und wenn dazu ein weiterer Beweis nötig gewesen wäre: Der neue A6 liefert ihn. Weder in der angebotenen Technik noch in der Verarbeitungsqualität und in der Anfaß-Sympathie steht er seinen Wettbewerbern nach, und beim Design hält man es mit den bayerischen Kollegen aus München: Ein bißchen Schock sorgt zumindest für Aufmerksamkeit. So entstand der harte Kontrast zwischen der fließend-eleganten, ruhigen Seitenlinie des Audi und dem aggressiven (und künftig Audi-typischen) Kühlergrill, eindeutig einem materialisierten Überholbegehren. Das kann man gut finden - oder auch nicht.
Entgegen diesem Augenschein ist der A6 aber alles andere als ein Maulheld. Seine technischen Vorzüge sind Punkt für Punkt zu belegen. Zum Beispiel der neue V-Sechszylinder-Dieselmotor, den unser Exemplar mitbrachte. Er wird auch im A8 angeboten, und in diesem Zusammenhang haben wir ihn schon ausführlich beschrieben (F.A.Z. vom 9. März). Mit seinem Start debütierte zugleich die moderne Piëzo-Technik der Einspritzventile, die das elektromagnetische Vorläufersystem bald allenthalben ablösen wird. So unterschreitet das Dreiliter-Triebwerk die Abgasvorgaben nach Euro 4, was in dieser Hubraum- und Gewichtsklasse bisher durchaus nicht selbstverständlich ist. Dem verbreiteten Wunsch nach einem Partikelfilter will Audi noch im laufenden Jahr nachkommen - als Option und gegen Aufpreis.

Ein angenehmer Diesel ist der Motor schon jetzt: Er läuft in allen Drehzahlen ungemein leise, gibt dank einer Ausgleichswelle seine Leistung auch geschmeidig ab und liefert den an Selbstzündern so geschätzten Überfluß des Drehmoments: 450 Newtonmeter bereits bei 1400 Umdrehungen je Minute und dann unverändert bis 3250/min. Vernünftigerweise vertraut Audi diese Kraftentfaltung serienmäßig einem Automatikgetriebe mit sechs Stufen an, das sie wohldosiert der Fahrbahn zuführt und in ansehnliche Meßwerte umsetzt: 8,4 Sekunden aus dem Stand auf 100 km/h, nur 6,3 Sekunden mit Kickdown von 50 auf 100 km/h, Höchstgeschwindigkeit 240 km/h. Von Anfahrschwäche ist kaum etwas zu spüren, und das Schalten läuft meist ruckfrei ab. Das Sport-Programm des Getriebes, das vor allem mehr Verbrauch mit sich bringt, erweist sich als total überflüssig, und weitgehend unnötig sind ebenso manuelle Eingriffe mit der Tiptronic-Funktion, für die außer dem Wählhebel (und gegen Aufpreis) Paddel am Lenkrad zur Verfügung stehen. Konsequent zudem, daß Audi diesen A6 ausschließlich mit dem hauseigenen Allradantrieb verkauft. Traktion ist also unter fast allen Umständen garantiert. Daß die geballte technische Ausrüstung den Verbrauch nicht gerade positiv beeinflußt, ist klar. Doch die Fahrpraxis überraschte angenehm: 8,9 Liter je 100 Kilometer waren unser Durchschnitt. Unter 7 sind bei gelassenem Dahinrollen möglich, scharfe Landstraßenfahrt fordert bis zu 10, freies Autobahntempo auch einmal 12 Liter. Die 80 Liter Tankinhalt sind aber selbst solchen Exzessen gewachsen.
Im Dreigestirn der deutschen Premium-Marken glaubt Audi den sportlichen Part spielen zu sollen - und das ist auch für den neuen A6 eher schädlich als von Nutzen. Das Fahrwerk ist zu straff für ein Auto, das mit jetzt 4,92 Meter Länge (zwölf Zentimeter mehr als der Vorgänger) fast schon zur Luxusklasse gehört. Testfall Kanaldeckel: Der Audi holpert darüber hinweg, statt sie sanft zu egalisieren. Größere Straßenschäden werden besser geschluckt als kleine, und bei hohem Tempo passen Federung und Dämpfung dann haargenau - doch das normale Leben spielt sich meist unterhalb von 150 km/h ab. Man sollte in Ingolstadt seine Philosophie noch einmal überdenken, zumal es die beiden Konkurrenten besser verstehen, Komfort und Fahrsicherheit zu kombinieren. An dieser fehlt es dem A6 natürlich nicht. Das leicht untersteuernde, fast neutrale Eigenlenkverhalten in Kurven und der Allradantrieb sorgen dafür, daß dem ESP keine Überbeschäftigung droht. Wenn es einmal eingreifen muß, geschieht das spät und nicht zu harsch. Die präzise Lenkung ist beinahe zu leichtgängig, doch mehr Gewöhnung verlangt der Wendekreis von 11,9 Meter. Zu den Bremsen nur ein Wort: hervorragend. Allein der etwas milde Druckpunkt am Pedal kann stören.
Die Karosserie des neuen A6 ist nicht nur schön, sondern mit ihrem großzügigen Schnitt auch von hohem Annehmlichkeitswert. Das fängt beim Kofferraum an: Mit 545 Liter Inhalt übertrifft er die gesamte Luxusklasse, beim Einladen hat man Mühe, sein entferntestes Ende zu erreichen. Als ob dieses verschwenderische Volumen noch nicht genügt, ist die geteilte Rückbanklehne serienmäßig klappbar, so daß Gegenstände bis zwei Meter Länge Platz finden. Als Extra ist dazu eine Durchladeöffnung mit Skisack zu haben. Zusätzlichen verborgenen Stauraum gibt es dort, wo statt eines Reserverads nur Füllmittel und Kompressor warten. Und wer etwa seine Winterräder selber wechseln will, muß sich erst einen Wagenheber kaufen. Audi liefert keinen mehr mit - eine ärgerliche Form von Sparsamkeit.
Im Fond gibt es reichlich Freiraum für Knie und, trotz des gerundeten Dachs, für Köpfe. Der mittlere Platz disqualifiziert sich jedoch schon auf den ersten Blick, und Probesitzen bestätigt diesen Eindruck: bequem wie ein Kamelsattel. Warum das so sein muß, kann wohl nur Audi erklären. Der Einstieg genügt Oberklasse-Erwartungen, auch (oder sogar besonders) hinten. Die Türen sind außen allerdings völlig ungeschützt, da braucht man auf die ersten Parkschäden nicht lange zu warten. Vorn hat man das beste Leben im A6, die Sitze taugen für längste Strecken. Der Fahrer ist besonders angetan von dem, was sich vor ihm ausbreitet: ein höchst übersichtliches und bedienungsfreundliches Armaturenbrett, in dem besonders das klare Kartenbild des auch sonst rühmenswerten DVD-Navigationssystems (2800 Euro) ins Auge sticht. Ein Audi-Neuling fällt aber wieder auf die seltsame Teilung der Tachoskala herein: Wo er 85 km/h vermutet, sind es plötzlich schon 90. Zu den negativen Seiten des A6 zählen die Sichtverhältnisse. Überbreite vordere und mittlere Dachsäulen verstellen den Blick, die Außenspiegel sind ungewohnt klein, und beim Einparken sieht man nach hinten erst recht nichts - das "acoustic parking system" (Originalton Audi) für 350 Euro ist ein Muß. Weitere 1390 Euro sind gut angelegt in der Kombination von Bi-Xenon-Scheinwerfern und "adaptive light" (Abbiegelicht). Dagegen ist die Geschwindigkeitsregelanlage mit 240 Euro schier geschenkt. Eine tadellos arbeitende Klimaautomatik gibt es serienmäßig, ebenso wie sechs Airbags und aktive Kopfstützen vorn. Wer Holzdekor möchte, muß es extra bezahlen - das ist sinnvoll und rückt den A6 wieder dorthin zurück, wo er hingehört: in die (wenn auch gehobene) Mittelklasse.
Die Preise entsprechen dem Längen-, Hubraum- und Leistungszuwachs. Während der Vorgänger mit 2,5-Liter-TDI (132 kW/180 PS) noch für einen Basistarif von 38 080 Euro zu haben war, kostet der Neue 42 900 Euro. Daß es dabei nicht bleibt, haben schon die Beispiele von erwünschten Extras gezeigt. Nicht daß die Serienausstattung karg wäre: Leichtmetallräder gehören ebenso dazu wie Nebelscheinwerfer, die Zentralknopfbedienung (MMI) für Radio/Klima/Navigation, vier elektrische Fensterheber, Licht- und Regensensor und ein Bordcomputer mit zwei Speichern. Doch das Wecken zusätzlicher Wünsche gehört nun einmal zur Verführungskunst, die auch Audi perfekt beherrscht.
Nächste Woche: Mercedes-Benz SLK 350; weitere Artikel unter www.faz.net/Fahrtberichte
Daten und Meßwerte
Empfohlener Preis 42 900 Euro
Preis des Testwagens 54 975 Euro
Sechszylinder-V-Motor (Turbodiesel), vier Ventile je Zylinder, Common-Rail-Direkteinspritzung, 2976 Kubikzentimeter Hubraum
Leistung 165 kW (225 PS) bei 4000/min
Höchstes Drehmoment 450 Nm bei 1400 bis 3250/min, mindestens 90 Prozent davon ab 1200 bis 3800/min
Erfüllt Euro 4
Automatikgetriebe mit sechs Gangstufen
Permanenter Allradantrieb
Länge/Breite/Höhe 4,92/1,86/1,45 Meter
Radstand 2,85, Wendekreis 11,9 Meter
Leergewicht 1765 (tatsächlich 1860), zulässiges Gesamtgewicht 2345, Anhängelast 1900 Kilogramm; Kofferraumvolumen 545 Liter
Reifengröße 225/55 R 16 99 Y
Höchstgeschwindigkeit 240 km/h
Von 0 auf 100 km/h in 8,4 s
Verbrauch 8,5 bis 9,4, im Durchschnitt 8,9 Liter Diesel je 100 km, Tankinhalt 80 Liter
Versicherungs-Typkl. HP 20, TK 40, VK 29
Vollkosten je km (bei 20 000 km/Jahr) 0,51 Euro
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.07.2004, Nr. 172 / Seite T3
Bildmaterial: F.A.Z.