Von Michael Kirchberger
24. August 2005 Mit dem Außergewöhnlichen hat die französische Marke Citroen einen (hoffentlich) lebenslangen Vertrag. Den Hauch des Besonderen pflegt man nach einer kurzen Phase der Besinnung wieder verstärkt. Vorerst nur im Innenraum, vor allem am Fahrerplatz, geht Citroen wieder einen sehr eigenen Weg. Der junge Kompaktwagen C4 bietet sich mit seiner eher konservativ gestalteten viertürigen Form als Familienauto oder als Zweitwagen an.
Der Auftritt des C4 ist frei von Glanz und Glamour. Der breite Doppelwinkel des Lufteinlasses vorn kennzeichnet ihn als Mitglied der Citroen-Familie, und sein Gesicht ist faltenfrei, was ihm einen sehr guten Luftwiderstandsbeiwert von 0,29 beschert. Das Heck wirkt schlank und straff, hat aber nicht die Ausdrucksstärke der zweitürigen Coupe-Version, die mit der horizontal geteilten Heckscheibe und dem kürzesten Heckscheibenwischer der Welt mehr Eigenständigkeit aufweist. Dafür ist der Einstieg in den Fond der Limousine hinten angenehm einfach. Müßte man nicht über eine vergleichsweise hohe Schwelle stelzen, würde der Eintrittskomfort mit dem höherer Klassen erfolgreich konkurrieren. Der Kindersitz kann schnell und mühelos an den serienmäßigen Isofixhalterungen befestigt werden. Der Platz auf der Rückbank reicht für zwei, wenn erwachsene Menschen dort mitfahren. Knie- und Kopffreiheit sind gegeben, eine Armlehne in der Mitte mit Ablagefach und Getränkehalter ist der angenehmere Nachbar als ein dritter Passagier im Fond. Die Lehnen lassen sich im Verhältnis ein zu zwei Drittel umklappen. Wer eine ebene Ladefläche des dann von 320 auf über 1000 Liter Volumen gewachsenen Abteils wünscht, muß zusätzlich die Sitzflächen der Rückbank an unstabil wirkenden Halterungen nach vorn umlegen. Obendrein dürfen die Vordersitze nicht zu weit nach hinten gestellt sein, sonst haken die Kopfstützen der Rücksitze an den Lehnen des vorderen Gestühls ein.

Kein rückengerechter Sitz
Der Fahrer nimmt auf einem sehr weichen Sitz Platz, der rutschfeste Stoffbezug kann die mangelnde Seitenführung nicht wettmachen. Ein kurzes Ruckeln ist vielmehr nötig, um wirklich gerade hinter dem Lenkrad zu sitzen, wer darauf verzichtet, bemerkt spätestens in der ersten Rechtskurve, daß der Oberschenkelhals eine unangenehme Berührung mit der seitlichen, harten Einfassung der Sitzfläche erfährt. Das Lenkrad kann in Höhe und Tiefe eingestellt werden, so läßt sich zügig eine passende Position finden. Dann aber beginnt der C4 mit seinem Verwirrspiel.
Anstrengende Blicke
Denn die Instrumentierung liegt weit von sinnvoller Anordnung und klarer Ablesbarkeit entfernt. Auf der Nabe des Lenkrades ist der digitale Drehzahlmesser samt der Kontrolleuchten für Licht und Blinker angeordnet, die wichtigeren Informationen über Geschwindigkeit, Kühlmitteltemperatur und Treibstoffvorrat dagegen werden über eine in der Mitte der Armaturentafel plazierte, ebenfalls digitale Anzeige mitgeteilt. Wer beide Werte in Folge erfahren will, muß also nicht nur die Blickrichtung ändern, sondern auch wegen der unterschiedlichen Entfernungen zum Auge doppelt fokussieren. Damit nicht genug. Die Informationen über Außentemperatur und den Betrieb der Audioanlage sitzen oben in der Mittelkonsole, dies sind dritter Blickwinkel und Distanz, wieder ist abermaliges Scharfstellen notwendig. Zu guter Letzt wandern sie nach unten, dort hält in der Mittelkonsole ein Monitor die Werte der Fahrzeugklimatisierung bereit. Wir rollen mit den Augen, nicht nur um die aktuellen Fahrerinformationen zu erfassen. Die Liebe zum Besonderen kann fast blind machen.
Versteckte Hupe
Auch die Bedienung ist nicht durchgehend einfach. Blinkerhebel - das elektronisch erzeugte Akustik-Signal tickt wie das Tennis-Spiel mit dem Commodore-64-Computer in den achtziger Jahren und hat schon beim Opel Corsa nicht gefallen können - und Scheibenwischer-Schalter sitzen wohldefiniert neben der Lenksäule. Die dreht sich jedoch überraschenderweise nicht mit dem Lenkrad, sondern ist starr fixiert. Das griffige Volant kreist um eine feststehende Nabe, was zweifelsfrei Vorteile für den Einsatz eines Airbags bringt, der nicht rotationssymmetrisch geformt sein muß und so größere Schutzwirkung bietet. Daß aber die Hupentaste unten an dieser feststehenden Nabe als kleine und kaum ersichtlich gekennzeichnete Leiste eingelassen ist, wird den Fahrer eines Miet-C4 im Notfall in arge Bedrängnis bringen.
Angenehmer Fahrkomfort
Unterwegs genießen wir lieber den ausgeprägten Fahrkomfort des Kompaktwagens. Mit dem 1,6-Liter-Dieselmotor ist er ordentlich flott unterwegs, nervt nicht mit übermäßiger Geräuschentwicklung und findet den guten Weg zwischen einer straffen, fein definierten Fahrwerksabstimmung und entspannender Wirksamkeit der Federung. Höchstens kurze Stöße dringen durch, doch dann zeigen sich die weichen Sitzflächen auch von einer guten Seite. Die Straßenlage bleibt stets unkritisch, sanftes Untersteuern baut in zu schnell gefahrenen Kurven Tempo ab, die halbwegs präzise Lenkung erlaubt es, mit kleinen Korrekturen auf dem rechten Weg zu bleiben, sanft unterstützt das ESP. Die Bremsen greifen beherzt zu, verlieren nur nach heftigsten Gefälle-Strapazen etwas von ihrem Biß.
Diesel mit wenig Durchzugskraft
Bei Höchstgeschwindigkeit schrammt der C4 nur knapp am Prädikat des Mucksmäuschens vorbei. Der günstige Luftwiderstandsbeiwert läßt den Fahrtwind ohne geräuschvolle Verwirbelungen vorbeiströmen. Aber nur langsam nähert sich die Anzeige der Höchstmarke von 192 km/h, sie wird selten erreicht, denn gerne halten sich Langsamere vor dem C4 auf, offensichtlich wirkt er im Rückspiegel weniger schnell, als er sein kann. Bei Höchsttempo schnurrt der Diesel sehr verhalten, seine Vibrationen sind kaum der Rede wert. Was ihm aber fehlt, ist die Durchzugskraft über ein breites Drehzahlband. Er leistet sich unterhalb von 1500 Umdrehungen in der Minute eine Anfahrschwäche, und jenseits von 3000/min beginnt er unlustig zu wirken. Und wer sich gerne in die Nähe von 4000/min begibt, der sollte sich eher für eine Version mit Benzinmotor entscheiden.
Krach beim Schalten
Der Wechsel der fünf Gänge ist aufgrund der ungenauen Definition der Wege und Positionen von eher schwammiger Natur. Ein rumpelndes Geräusch aus den Kulissen der Kraftverteilung erklingt obendrein, wenn er eilig ausgeführt wird. Der Treibstoffverbrauch kam trotz betont niedertourigen Fahrens nicht an die Werte nach Meßnorm heran, sondern lag minimal bei 5,7 Liter. Das ist nicht schlecht, aber doch ein ganzer Maßkrug mehr als angegeben. Die Durchschnittsberechnung ergab einen Konsum von 7,1 Liter Diesel für 100 Kilometer, damit kann man leben.
Auto mit Parfum
Im Parkhaus leistet der im 1190 Euro günstigen Komfortpaket enthaltene Parkpilot hinten gute Dienste, denn die kleine Heckscheibe erschwert den rückwärtigen Ausblick. Bei dieser Ausstattungssammlung sind obendrein Metallic-Lack, elektrische Fensterheber hinten, Licht- und Regensensor sowie eine automatische Klimaanlage dabei. Ablagen gibt es serienmäßig in mehr als ausreichender Zahl, besonders gefallen haben uns die kleinen, auf Knopfdruck leise zischend ausfahrenden Schubladen links und rechts unter den Austrittsdüsen der Lüftung am Armaturenbrett. Ungewohnt und nicht jedermanns Geschmack ist dagegen der serienmäßige Duftspender, den Citroen dem C4 auf der Suche nach dem Außergewöhnlichen spendiert. Er soll mit drei wähl- und nachfüllbaren Parfums die Laune an Bord heben. Uns überraschte der penetrante Geruch nach Vanille immer wieder aufs neue und ließ Zweifel aufkommen, ob der morgendliche Griff nach dem Duschgel nicht doch ins falsche Fach geraten ist.
Nächste Woche: Opel Astra GTC 1.9 CDTI Sport; weitere Artikel unter www.faz.net/Fahrtberichte
Text: F.A.Z., 23.08.2005, Nr. 195 / Seite T3
Bildmaterial: F.A.Z.