09. November 2005 So richtig dick war der VW Passat bisher noch nicht auf den Einkaufszetteln notiert. Für das potentielle Passat-Publikum war der mittelgroße VW nur ungenügend anwesend. Das wird sich jetzt ändern. Und der Grund ist der König der Kombis: Der Variant beanspruchte bisher - und niemand kann sich eine Änderung vorstellen - auf dem deutschen Markt etwa zwei Drittel der gesamten Passat-Verkäufe für sich. Klar, daß die Passat-Präsenz auf der Straße und in der Statistik anziehen wird.
Das ist freilich auch auf das Produkt selbst zurückzuführen. Mit dem neuen Design für die Limousine haben die Markenmacher in Wolfsburg auch den Variant auf ein nobleres Niveau gehoben. Womöglich wirkt hier das Bemühen um die höheren Weihen des schöneren, leidenschaftlicheren und liebevolleren Wagens noch überzeugender als bei der Limousine - weil man es bei diesem Fahrzeugtyp, der sich gerade aus der Schublade des nur nützlichen Vehikels gerettet hatte, noch weniger erwartet hatte. Deshalb kann es durchaus zu Begegnungen der Verstörtheit kommen, die sich rasch wandeln. "Das ist nicht mehr mein alter Variant", sagte uns der Klempner vor der Haustür. Und nach einem Blick ins Innere: "Aber das wird mein nächster." Womöglich sollte der Mann trotz des goldenen Bodens, auf dem er sich mit seinem Handwerk bewegt, auch einen Blick auf die Liste der Preise und Pretiosen werfen.

Solide verarbeitet und hohe Nutzlast
Aus der Fülle von Ausstattungslinien, Motoren und Getrieben wurden mit Otto- 15 und mit Dieselmotor 20 Versionen geboren. Die Preise beginnen bei 22.900 oder 25.110 Euro. Und dann fängt das teure Blättern in der Liste an: Die von uns gefahrene Version hatte für ungefähr 6.000 Euro Sonderausstattungspositionen an Bord, und niemand hatte das Gefühl, im Luxus zu baden. So addierte sich der Gesamtpreis des Passat Variant 2.0 FSI mit Trendline-Ausstattung (die Basisofferte) auf einen Preis von 32 611 Euro, der vielleicht auch manchen Handwerker erschreckt. Teuerster Posten ist die Navigationseinheit mit Radio für 2670 Euro. Die kleinste Ausgabe betrifft den "Regenschirm, passend für Regenschirmfach" zu 33 Euro. Da kaufen wir lieber zwei Flaschen Jägermeister aus der Heimat von VW für den autolosen Abend und werden naß. So liefert auch dieser Passat Variant Grund zur Klage über die Autopreise. Aber die Konkurrenz ist nicht billiger, und "wie schön doch sein Chrom glänzt und dann diese Instrumente", unser Klempner köchelte vor seinem Objekt der Begierde. Er muß für den neuen Variant noch weniger mit den Händen werkeln als früher. Die neue Lust am Zierat und am Zelebrieren der feinen Details rückt diesen Kombi womöglich näher an nichtgewerbliche Einsätze heran als je zuvor.
Aber auch für Familie und Freizeit muß der Variant die Tiefe des Raumes aufweisen, aus der Freude am Laden entspringt. In Länge und Radstand entspricht der neue Variant der neuen Limousine. Und er ist damit im Vergleich zu seinem gleichnamigen Vorgänger fast zehn Zentimeter länger geworden. Das hat Auswirkungen der positiven Art: Sein Stauvolumen ist mit 603 Liter (nur Kofferraum) und mit 1.730 Liter bestmöglich den allermeisten Transportaufgaben mehr als gewachsen. Es liegt damit an der Spitze seiner Klasse und läßt in dieser Disziplin zum Beispiel den 5er-Touring von BMW hinter sich.
Fast 1,70 Meter tief ist der Laderaum, wenn die Rücksitzbank (geteilt zu klappen im Verhältnis 1:2) mit zwei einfachen Griffen aus dem Weg geräumt ist. Dabei steht die Sitzfläche aufrecht hinter dem Vordersitz und bietet Schutz. 102 Zentimeter mißt der sauber verkleidete und in Kommodenform gebrachte Kofferraum in der Breite, in der Tiefe sind es 87 Zentimeter, wenn der Rückbank ihre Sitzfunktion erhalten bleibt. Bis zur Abdeckung steht eine Stapelhöhe von 51 Zentimeter zur Verfügung. Die Ladekante liegt 61 Zentimeter über dem Boden und geht ohne entscheidenden Unterschied in den Stauraumboden über. Unter diesem hält sich ein weiteres, recht voluminöses Gelaß auf, hier hauste früher das Reserverad, heute hält sich in einer Nische eine Nothilfe zum Füllen des defekten Reifens auf, von der jeder hofft, sie niemals einsetzen zu müssen. Im Boden des Stauraums können nützliche, aufpreispflichtige Dinge installiert werden, mit denen man das Volumen unterteilen und Gepäckstücke sichern kann. In der Ausstattungssprache heißt das "Gepäckmanagement-Paket" und kostet 240 Euro, eine Ausgabe, die lohnend erscheint.
Zum sehr guten Platzangebot fügen sich andere Transportqualitäten des neuen Variant. So kam das von uns gefahrene Exemplar auf eine sehr respektable Nutzlast von 560 Kilogramm. Und der Fahrzeugschein weist eine Anhängelast von 1.500 Kilo aus.
Um die Mobilität machte sich ein Zweiliter-Vierzylinder mit Vierventiltechnik und direkter Benzineinspritzung verdient. Besondere Meriten konnte er allerdings bei uns nicht einfahren. Die mit den tuckernden Geräuschen eines Diesels startende Maschine soll ja für eine neue Generation der Ottomotoren stehen. Zwar kann man mit ihren Fahrleistungen durchaus zufrieden sein, aber nach unserer Meinung wird VW daran noch arbeiten müssen: Der Vierzylinder gibt sich bis etwa 4.000 Umdrehungen in der Minute durchzugsschwach und dreht nicht gerade temperamentvoll und begeisternd höher. Dabei läßt er zudem keinen Zweifel daran, daß er sich anstrengen muß. Er brummt eigentlich immer. Das ist nicht wirklich unangenehm, aber dieses Verhalten paßt einfach nicht mehr zu dem sonst sehr höflichen Auftreten des Autos. Zu diesem unerfreulichen Verhalten kommt der Kraftstoffkonsum dazu. Die Betriebsanleitung legt in sehr deutlichen Worten den Einsatz des teuren Super Plus nahe, und davon nimmt der Wagen reichlich zu sich. Wir sind nie unter zehn Liter für 100 Kilometer geblieben, selbst bei durchaus ziviler Fahrweise. Zügiges Bewegen bringt Werte von rund 13 Liter, und der Durchschnittsverbrauch von 11,2 Liter erscheint selbst angesichts der kräftigen Statur des Wagens als zu hoch.
Eine Segnung des ruhigen Fahrens sollte eigentlich das manuelle Sechsganggetriebe sein. Das ist es im Prinzip auch, weil es recht gut auf den Motor abgestimmt ist. Aber der Gangwechsel ist keine reine Freude. Denn das Schalten fordert recht hohen Kraftaufwand, es läuft nicht sonderlich präzise ab, und besonders im kalten Wagen sträubt sich das Getriebe nachhaltig gegen das Einlegen eines anderen Ganges. Da half nur Doppeltkuppeln.
Der Innenraum folgt weitgehend den Vorgaben der Limousine. So ist im Variant ebenfalls die von VW beschworene Liebe zum Automobil zu erkennen, und die Verarbeitung unseres Probanden war tadellos. Sehr angenehm arbeitete die Klimaanlage, Ablagen sind in großer Zahl vorhanden, der Passat Variant ist wie bisher ein Auto mit pragmatischen Talenten.
Ähnlich lobend ist das Fahrverhalten zu erwähnen. Die Aktionen des Fronttrieblers sind gleichzeitig von guter Richtungsstabilität, der Abwesenheit tückischer Reaktionen und hoher Agilität geprägt. Es kann Freude machen, den Variant mit seiner präzise arbeitenden und fein definierten Lenkung durch mancherlei Kurvengeschlängel zu führen. Den Bremsen läßt sich kein Mangel nachsagen, und sie waren unseren Prüfungen gewachsen.
Mit dem neuen Variant liefert VW den Kunden wieder den König der Kombis. In der Otto-Abteilung gibt es als Alternative zur FSI-Technik aber nur die mitunter ausreichende Einsteigerversion (75 kW/102 PS). Wer mehr und keinen Diesel will, muß warten. Das kann lohnend sein, und dann kann man ihn auch richtig dick auf den Einkaufszettel schreiben.
Nächste Woche: Peugeot 1007; weitere Artikel unter www.faz.net/Fahrtberichte
Text: F.A.Z., 08.11.2005, Nr. 260 / Seite T3
Bildmaterial: F.A.Z.