Von Michael Kirchberger
25. Juli 2003 Odins Atem ist mächtig. Er fegt über die Schären, kraust das Wasser des Vättarn-Sees und reicht weit nach Europa hinein, bis nach St. Gallen in der Schweiz. Dort nutzt ihn der Saab-Händler Hirsch, um dem Spitzenmodell der Marke, dem 9-5 Aero, einen kräftigen Leistungsschub zu versetzen. Eine Änderung der Motorelektronik und die Steigerung des Ladedrucks führen zum gewünschten Ergebnis. Das gibt dem großen Saab die Kraft des Berserkers, die Muskeln des 2,3 Liter großen Vierzylinders erstarken von 184 auf 224 kW (250 auf 305 PS) und lassen das Drehmoment von 350 auf 420 Newtonmeter zwischen 2.000 und 4.200 Umdrehungen in der Minute klettern. Das Spitzentempo wird bei 250 km/h elektronisch abgeregelt, die Beschleunigung des 1.710 Kilogramm wiegenden Kombis von 0 auf 100 km/h gelingt in Verbindung mit dem fünfstufigen Sentronic-Automatikgetriebe in 6,7 Sekunden, was den Hirsch-9-5 zum Wirbelwind macht.
Der Treibstoffverbrauch ist freilich gleichermaßen in höhere Sphären gedriftet. Ist der unbehandelte 9-5 noch mit rund 10 Liter Super plus auf 100 Kilometer zufrieden, genehmigt sich die gehirschte Variante im Durchschnitt 12,4 Liter, was dem sprichwörtlichen Durst des Schweden zur Ehre gereicht, den alltäglichen Betrieb des Skandinavien-Expreß jedoch mit gehobenen Kosten belastet. Allerdings bietet der Hirsch-Saab eine gewisse Planungssicherheit. Das Tuning geschieht mit dem Segen und im Auftrag des Herstellers, die Garantie gilt also in vollem Umfang, wie es bei den herkömmlichen Modellen der Marke ist.
Kraftakt
Die Ausstattung ist sportlich elegant geraten. Der Doppelrohr-Auspuffanlage entfahren bassige Töne, als würde Odin mächtig schnarchen, vergrößerte Schürzen vorn und hinten sowie breite Verkleidungen der Seitenschweller lassen den bearbeiteten 9-5 satt auf der Straße stehen. Leichtmetallräder im 18-Zoll-Format (225/40) geben dem optischen Eindruck den letzten Schliff, und zwischen ihren Speichen lugen mächtige Bremsscheiben mit Sätteln von Brembo hervor. Den Bremsweg von 100 auf 0 km/h gibt Saab mit 37,5 Meter an, nach 2,7 Sekunden steht der Wagen. Das verlangt allerdings einen kräftigen Tritt aufs Pedal, worunter die Dosierbarkeit der Bremse erfreulicherweise jedoch nicht leidet. Ein reaktionsschnelles Zusammenspiel zwischen unnachgiebiger Härte und zartem Fingerspitzengefühl erfordert unterdessen die Lenkung. Die brachialen Kräfte zupfen beim schnellen Antritt kräftig am Lenkrad, da verlangt der Saab eine zügelnde Hand, um auf einer geraden Linie loszueilen. Beim Einlenken dagegen verleitet der leichte Dreh am Volant, des Guten zuviel zu tun. Die große Harmonie ist dem Lenkverhalten fern.
Was dem Spaß mit dem kräftigsten aller Saab jedoch keinen Abbruch tut. Die Automatik schaltet hinreichend weich und feinfühlig, das beeindruckende Beschleunigungsvermögen selbst jenseits der 140- oder gar 160-km/h-Marke macht ihn zum König der Autobahn, der nicht mit Macht nach vorne will, sondern eher mit heiterer Gelassenheit seinen Weg macht. Daß die Kraftentfaltung überaus harmonisch und gleichmäßig geschieht, erfreut überdies. Von Turboloch oder dem Tritt in den Rücken ist nichts zu spüren, der Hirsch 9-5 geht mit seinen Fahrern eher pfleglich und schonend um.
Und daß Saab eine Leidenschaft fürs Fliegen hat, das Unternehmen ohnehin aus dem Flugzeugbau kommt, zeigt die Bordkarte mit den wichtigsten Sicherheitsanweisungen im 55.070 Euro teuren 9-5 Sportkombi Performance by Hirsch. "Die sieht aus", sagt die junge Pilotin auf dem Beifahrersitz, "wie in einem Airbus."
Daten und Meßwerte
2,3-Liter-Vierzylinder-Ottomotor mit Turbolader;
Leistung 224 kW (305 PS);
höchstes Drehmoment 420 Nm von 2.000 bis 4.200/min;
Beschleunigung von 0 auf 100 km/h in 6,7 s;
Höchstgeschwindigkeit 250 km/h;
Leergewicht 1.710 kg, Zuladung 460 kg;
Verbrauch 12,4 Liter Super Plus je 100 km;
empfohlener Preis 55.070 Euro.
Charakter: Sportkombi mit üppigen Kraftreserven, straffer Federung und
einer Lenkung, die nicht frei von Antriebseinflüssen ist. Hohe
Fahrleistungen, aber auch hoher Verbrauch und knappe Zuladung.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung
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