Fahrtberichte

Fahrtbericht Nissan Micra

Das kleine Nilpferd oder Ein neues Auto für Mister Bean

Von Boris Schmidt

06. Mai 2003 Nur wenige japanische Autos sind Größen auf dem deutschen Markt. Der kleine Nissan Micra ist eine. Seit 20 Jahren gibt es Kleinwagen mit diesem Namen, jetzt debütiert die dritte Generation. Schon das dokumentiert die Sonderstellung des im englischen Sunderland gebauten Autos: Sonst verschleißen die japanischen Hersteller in zwei Dekaden fünf bis sechs Modellreihen.

Daß auch der Micra III ein Erfolg wird, ist eine Wette, auf die englische Buchmacher allenfalls 100 für 90 zahlen. Der Neuling überzeugt und punktet mit seinem Äußeren viel sicherer als andere. Den Kleinen muß man einfach liebhaben. Er sehe wie ein kleines Nilpferd aus, sprach die Gattin eines Kollegen. Wir meinen, es seit Zeit für Mister Bean, seinen alten Dienstwagen zu wechseln: Solche Kulleraugen hat der englische Komiker sonst nur, wenn er bei Thomas Gottschalk in "Wetten, daß . . .?" Schadenfreude mimisch ausdrücken soll.

Schon für 10.800 Euro bekommt man ein properes Auto, nach dem sich die Leute umdrehen. Zwar wird sich dieser Effekt mit der Zeit legen, doch die positive Ausstrahlung des Micra wird bleiben. Das Design, das konsequent auf runde Formen setzt, wird auch im Innenraum beibehalten. Besonders die von uns gefahrene Version Acenta (12.200 Euro) wirkt stimmig und hochwertig. Das Armaturenbrett ist keine eintönige, graue Plastiklandschaft, sondern das Grau sieht ansehnlich aus und wird noch von perlmuttweißen Tupfern unterbrochen. Vier Bedienfelder, zwei kleinere fürs Radio und zwei größere für Heizung/Lüftung, sind in dieser Farbe gehalten, der Schalthebel ist ebenfalls perlmuttweiß eingefaßt. Das sieht einfach gut aus.

Der Schiebemechanismus ist kein geschickter Schachzug

Die Entwickler haben sich natürlich auch Gedanken über die Funktionalität gemacht. Die Instrumente liegen optimal im Blickfeld, alle Hebel und Schalter sind gut zu erreichen, dennoch haben wir einige Kleinigkeiten zu kritisieren: Die Umlenkpunkte der Gurte sind in der Höhe nicht zu verstellen, das Handschuhfach ist nicht beleuchtet und nicht abschließbar, das runde Schauglas für die eingestellte Innenraumtemperatur ist je nach Lichteinfall nicht zu gebrauchen. Dafür ist die Sitzposition für den Fahrer perfekt, er kann das Volant verstellen, die Sitzhöhe verändern und die Lenden mit einer Lordosenstütze schonen. Ablagen gibt es reichlich: große in den Türen, in die auch 1,5-Liter-Flaschen passen, versteckte unter der Sitzfläche des Beifahrersitzes oder gewöhnliche zwischen den Vordersitzen. Der Sitzkomfort gewinnt zusätzlich durch die große Kopffreiheit, was allerdings nicht für die Hinterbänkler gilt. Das Dach fällt nämlich stark ab, wer größer als 1,85 Meter ist, kann dort nicht aufrecht sitzen. Der Verzicht auf zwei weitere Türen spart nicht nur 500 Euro, sondern betont auch das rundliche Design.

Dafür ist der Einstieg nach hinten etwas beschwerlich, nur der Beifahrersitz rutscht auf einen Griff mit geneigter Lehne nach vorn und wieder in die vorherige Position zurück. Für einen Kleinwagen ist die Beinfreiheit hinten passabel, längere Strecken zu viert sind durchaus möglich, wenn die Vordersitze nicht ganz nach hinten gerückt sind. Für drei Passagiere ist die Bank aber zu schmal. Der Kofferraum bleibt mit 251 Liter Fassungsvermögen winzig - wo soll das Volumen bei einer Gesamtlänge von nur 3,72 Meter auch herkommen? Daß sich die Rückbank nach vorn schieben läßt, um so das Volumen um 200 Liter zu erweitern, ist nicht viel mehr als ein Publicity-Schachzug, schließlich geht das zu Lasten der Beinfreiheit. Wegen des Schiebemechanismus lassen sich nur die Lehnen umlegen, ohne daß sich eine ebene Ladefläche ergäbe. Weniger wäre vielleicht mehr gewesen (in der Basisausstattung wird nach diesem Motto verfahren).

Macht Spaß, das Nilpferd

Bis auf das Notrad im Kofferraumboden und die entsetzlich billige Kofferraumabdeckung aus Filz ist der Micra in der Acenta-Ausstattung ein kleines, erwachsenes Auto mit netten Details wie Regensensor, silikongedämpften Haltegriffen und handfesten Nützlichkeiten wie elektrischen Fensterhebern, Zentralverriegelung mit Fernbedienung sowie elektrisch verstellbaren und beheizbaren Außenspiegeln. Aufpreis kostet ein CD-Radio mit Bedientasten am lederummantelten Lenkrad inklusive Bordcomputer (moderate 300 Euro, aber sehr schlechter Empfang). Auch die automatische Klimaanlage muß extra bezahlt werden, mit üppigen 1.200 Euro. Ein Schiebedach kostet 490 Euro.

Was es noch nicht gibt, ist ESP. Die elektronische Stabilitätskontrolle soll aber von September an verfügbar sein (nicht für das Basismodell). Sonst ist die Sicherheitsausstattung des Micra keineswegs mickrig, die Bremsen (hinten Trommeln) werden von einem ABS mit EBD unterstützt, vier Airbags sind vorhanden, Kopfairbags in den Dachholmen kosten 200 Euro Aufpreis, die Rückbank hat Befestigungspunkte für Isofix-Kindersitze. Den entsprechenden Sitz hält der Nissan-Händler für 279 Euro parat. Der kann sogar eine Einparkhilfe nachrüsten (279 Euro), die man aber eigentlich nicht braucht.

Dank der leichtgängigen, geschwindigkeitsabhängigen Servolenkung ist das Einparken ein Kinderspiel, und der Micra paßt fast in jede Lücke. Die Höcker auf den Frontlichtern als "Peilhilfen" zu bezeichnen, ist ein wenig geschummelt, selbst mit einer Körpergröße von 1,85 Meter kann man diese vom Fahrersitz aus nicht sehen. Man braucht sie aber auch nicht. Die Stadt ist das Revier des Micra. Hier wirkt er unheimlich wendig und agil, mit einem Wendekreis von nur 9,20 Meter kommt man überall herum. Die Kupplung tritt sich leicht, das Getriebe beeindruckt durch kurze und knackige Schaltwege. Es macht Spaß, Micra zu fahren. Auf die Vierstufenautomatik (1.200 Euro Aufpreis) kann man getrost verzichten.

Fahrverhalten ohne Kritik

Dieser positive Eindruck relativiert sich etwas, wenn man die Stadt verläßt. Der Motor wirkt trotz seiner 80 PS wenig temperamentvoll (das Basismodell hat die gleiche Maschine mit weniger Leistung, aber gleichem Drehmoment), dennoch erreicht er eine akzeptable Endgeschwindigkeit von knapp 170 km/h und nervt dabei nicht mit übermäßiger Lautstärke. Ja, auch Langstrecken kann der Micra unter die Räder nehmen. Im gewöhnlichen Betrieb genehmigte sich der Motor 7,2 Liter Superbenzin auf 100 Kilometer, was mit dem 46-Liter-Tank eine Reichweite von rund 600 Kilometer ergibt. Fordert man das Triebwerk, steigt der Verbrauch stark, wir benötigten maximal 8,6 Liter auf 100 Kilometer.

Das Fahrverhalten ist frei jeder Kritik, es wird sehr berechenbar untersteuert, allerdings drückt der Wagen über die gesamte Seite nach außen, ein Sportler ist der Micra auf keinen Fall. Kurvenräubern macht keinen Spaß, nicht nur weil der Motor zu wenig Power hat, sondern weil ein schwammiger Eindruck bleibt. Dagegen ist der Federungskomfort klar definiert: vorhanden, aber von der einfachen Sorte. Die Räder schlagen schon bei kleineren Löchern schnell durch. Da der Micra auf der gleichen Plattform steht wie der kommende Renault Clio, hatten wir eigentlich Besseres erwartet, schließlich gilt schon der Federungskomfort des aktuellen Clio als vorbildlich. Aber wahrscheinlich hat man bei Renault/Nissan entschieden, daß der Micra einen spürbaren Abstand zum Clio halten muß. Auch die Bremsen sollten fester zupacken, die Bremsleistung ist allenfalls Durchschnitt, das ABS arbeitet in sehr schnellen, kaum zu spürenden Intervallen.

Dennoch, das Gesamtbild des neuen Micra ist überaus positiv, der Neuling wird gewiß seinen Weg machen. Vielleicht ist der 1,4-Liter-Motor (65 kW/88 PS) der bessere Kauf; der Preisunterschied beträgt nur 500 Euro. Außerdem gibt es seit kurzem einen Common-Rail-Dieselmotor (1,5 Liter Hubraum, 48 kW/65 PS, Preis 13.000 Euro), dessen stärkere Variante mit Ladeluftkühlung (60 kW/82 PS) im Herbst kommt. Mit fünf Motorvarianten ist der Micra dann sehr gut aufgestellt. Fehlt nur noch ein Kabrio à la Ford Streetka.

Daten und Meßwerte

Empfohlener Preis 12 200 Euro,
Preis des Testwagens 13 400Euro

Vierylinder-Reihenmotor, vier Ventile je Zylinder, 1240 Kubikzentimeter
Hubraum

Leistung 59 kW (80 PS) bei 5200/min

Höchstes Drehmoment 110 Nm bei 3600/min, 90 Prozent davon ab 2100 bis
5500/min

Erfüllt Euro 4

Manuelles Fünfganggetriebe

Antrieb auf die Vorderräder

Länge/Breite/Höhe 3,72/1,66/1,54 Meter

Radstand 2,43, Wendekreis 9,20 Meter

Leergewicht 968 Kilogramm (tatsächlich 1005), zulässiges Gesamtgewicht
1475, Anhängelast 800 Kilogramm; Kofferraumvolumen 251 Liter

Reifengröße 175/60 R 15

Höchstgeschwindigkeit 169 km/h

Von 0 auf 100 km/h in 13,0 s; von 50 bis 100 km/h im 4./5. Gang in
14,3/20,9 s

Verbrauch 7,2 bis 8,6, im Durchschnitt 7,7 Liter Super je 100 km;
Tankinhalt 46 Liter

Versicherungs-Typkl. HP 14, TK 24, VK 15

Kosten je km (bei 16000 km/Jahr) 0,27 Euro



Text: 6. Mai 2003, Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bildmaterial: F.A.Z., Nissan

 
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