Fahrtberichte

Fahrtbericht

Das Vorbild bleibt vorbildlich, doch die Konkurrenz schläft nicht

Von Boris Schmidt

20. Januar 2004 "Es gibt Autos, auf die hat der Markt gewartet, und keiner hat es gewußt." Mit diesem Satz begann im Jahr 1997 unser erster Großer Fahrtbericht über den Renault Mégane Scénic. Damals hatte Renault im frisch entdeckten Marktsegment "Kompaktvans" noch eine Alleinstellung. Heute wissen wir, wie sehr der Markt auf so ein Konzept gewartet hat, vor allem seit der VW Touran die Zulassungsstatistiken stürmt. Kompaktvans haben dieses Jahr im fallenden Markt um sage und schreibe 47 Prozent zugelegt (im Vorjahresvergleich), mit knapp 200.000 Fahrzeugen ist es mittlerweile das viertstärkste Segment in Deutschland.

Wenn auch der Scénic (den Beinamen Mégane hat er inzwischen abgelegt) hierzulande von Touran und Opel Zafira überrundet wurde, kann er immer noch davon zehren, das Original zu sein, und das gibt es seit Frühsommer in der zweiten Auflage. Schon der erste Eindruck ist positiv. Im Gegensatz zum großen Bruder Espace entfernt sich das Design nicht weit vom Mainstream, die Falte im Heck ist weniger ausgeprägt, die Front wirkt bei weitem nicht so dröge unförmig wie beim Espace. Kurz, der Scénic tritt modern und frisch auf, am Äußeren sollte ein Kauf nicht scheitern.

Klassische Qualität

Im Inneren setzt man auf bewährte Werte, also fünf Sitze, von denen die drei im Fond einzeln herausgenommen werden können, einen recht großen Kofferraum (430 Liter bis zur Sichtkante), Staufächer und Schubladen an allen Ecken und Enden (Fassungsvermögen zusammen immerhin 91 Liter) sowie eine eher verspielte Gestaltung der Armaturen und Bedienelemente. Daß der Scénic im Vergleich mit dem alten Modell in der Länge um neun Zentimeter gewachsen ist, spürt man sofort. Auf allen Plätzen herrscht ein vorzügliches Raumgefühl, auch in der zweiten Reihe, selbst auf dem Mittelplatz, der allerdings wiederum etwas schmäler geraten ist. Renault hat bewußt auf eine dritte Reihe verzichtet, überläßt dieses Feld aber bald nicht mehr der Konkurrenz. Im nächsten Jahr kommt der Grand Scénic, der rund 1.000 Euro teurer sein soll und weitere 24 Zentimeter länger.

Nun, nicht jeder will sieben Sitze (jeder dritte Touran-Käufer bestellt sie), und für Fünfe bietet der Scénic nach wie vor Raum auf relativ knapper Grundfläche. Die zweite Reihe ist schnell aus- und eingebaut, je nach Bedarf kann der Renault Fünf-, Vier-, Drei- oder Zweisitzer sein. Wie bisher kann man nach dem Entfernen des Mittelsitzes die beiden Außensessel nach innen zentrieren, in Längsrichtung zu verschieben sind alle drei, und die Klapptischchen an den Rückseiten der Vordersitze gibt es selbstverständlich auch noch. Räumt man den Fond gänzlich leer, steht eine Ladefläche von 1,65 Meter Länge zur Verfügung bei einer Breite zwischen den Radkästen von 1,13 Meter und einer Höhe von rund einem Meter. Da geht was rein, 1.850 Liter sind es insgesamt.

Wunsch des Fahranfängers

Völlig neu gestaltet hat Renault das Armaturenbrett. Die Instrumente sind mittig angeordnet, so daß jeder Mitfahrer etwas davon hat. Die gefahrene Geschwindigkeit wird digital angezeigt, der Drehzahlmesser ist eine Mischung aus digital und analog und nur sehr schlecht abzulesen. Hat man ein Navigationssystem an Bord (1.850 Euro Aufpreis), muß man sich zum Bedienen immer weit vor über das nicht mehr so flach stehende Lenkrad beugen, weil die Tasten direkt vor dem Schirm sitzen.

Apropos Bedienung. Von den technischen Möglichkeiten her kann der Scénic mit Oberklasse-Fahrzeugen mithalten. So gibt es nicht nur einen Tempomat (200 Euro Aufpreis), sondern in bestimmten Versionen auch keinen konventionellen Schlüssel. Statt dessen hat man eine Karte, die man nur bei sich tragen muß, dann öffnet sich nach dem ersten Anfassen des stabilen Bügelgriffs die Tür. Leider schließt sich der Scénic nicht automatisch ab, wenn man sich aus dem Umkreis des Wagens entfernt. Da hätte man konsequenter sein sollen. Gestartet wird der Motor per Startknopf.

Zu den neuen elektronischen Errungenschaften gehört auch eine elektronische Parkbremse, die sich von selbst zieht, wenn man den Wagen abstellt, und von selbst löst, wenn man losfährt. Für das Anfahren am Berg ist das der Traum jedes Fahrschülers. Zu den weiteren Innovationen gehören eine elektronische Reifendruckkontrolle (200 Euro) oder sogenannte Pax-Reifen mit Notlaufeigenschaften (200 Euro). Zum Glück hatte unser Renault noch ein vollwertiges Reserverad im Kofferraumboden. Nachdem wir uns abends um halb elf einen dicken Nagel eingefahren hatten, war nach einer dreiviertel Stunde Arbeit die nötige Bettschwere da, und der Termin am nächsten Morgen in Düsseldorf konnte ohne Zeitverzug wahrgenommen werden.

Keinen Handbremshebel mehr

Solche Langstrecken nimmt der Scénic gerne unter die Räder, vor allem wenn er einen 1,9-Liter-Dieselmotor unter der Haube hat. Der Common-Rail-Direkteinspritzer hat einen Antritt wie der Bulle von Tölz, ein Drehmoment von 300 Newtonmeter bei nur 2.000 Umdrehungen in der Minute sind der technische Nachweis dafür. Das Triebwerk wird zu keiner Zeit über Gebühr laut, auch bei hohen Geschwindigkeiten nicht. Maximal schafft der Wagen knapp 190 km/h, auf Gefällstrecken kann man der digitalen Anzeige durchaus die "200" oder mehr entlocken. Zu loben ist das vorzügliche Sechsganggetriebe, dessen Hebel griffgünstig ins Armaturenbrett integriert ist. Da es auch keinen Handbremshebel gibt, ist der Platz zwischen den Vordersitzen frei für ein passendes "Vario-Modul", eine verschiebbare Mittelkonsole mit Armlehnen, 15 Liter Fassungsvermögen und Becherhaltern nebst 12-Volt-Steckdose.

Wie es sich für einen selbstzündenden Motor gehört, geht er trotz guter Fahrleistungen (auch die Elastizitätswerte sind beachtlich, der sechste Gang ist ein Schongang und senkt Drehzahl und Verbrauch) pfleglich mit der Spritkasse des Fahrers um. Wir blieben mit im Gesamtschnitt exakt 7,955 Liter auf 100 Kilometer sogar noch ganz knapp unter den acht Litern. Der Tank faßt 60 Liter und ermöglicht eine hohe Reichweite, allerdings sollte man sich nicht auf den Bordcomputer verlassen. Bei uns sprang er plötzlich von 75 Kilometer Reichweite auf 0, beim sofortigen Nachtanken paßten dann gut 57 Liter in das Behältnis. Nettes Detail am Rande: Der Tankdeckel ist in die Klappe integriert, ein Vergessen ist nicht möglich.

Der Tradition verpflichtet

Französische Autos sind von jeher für ihren guten Fahr- und Federungskomfort bekannt. Auch der neue Scénic setzt diese Tradition fort. Das fängt schon bei den für den deutschen Geschmack zu weichen Sitzen an, aber sonst läßt der kompakte Minivan in dieser Hinsicht wenig zu wünschen übrig. Die Servolenkung unterstützt geschwindigkeitsabhängig und vermittelt ein gutes Gefühl zur Straße, Kurven nimmt der frontgetriebene Scénic nonchalant mit leichtem Drang nach außen, sollte die gefahrene Geschwindigkeit zu hoch sein. Als Assistenten hat man immer noch ESP an Bord (inklusive Antriebsschlupfregelung), und beim Bremsen hilft die Elektronik natürlich auch. Daß ABS serienmäßig ist, muß man eigentlich nicht mehr erwähnen, Airbags sind reichlich vorhanden, inklusive Seitenairbags vorne und Windowbags. Wie es sich für ein Familienauto gehört, gibt es zudem Isofix-Kindersitzbefestigungen an den beiden Außensitzen hinten sowie auf dem Beifahrersessel.

Gravierende Schwächen hat der Scénic kaum, auch die Übersichtlichkeit beim Rangieren ist vorbildlich. Ärgerlich ist die unübersichtliche Preisgestaltung mit den zahlreichen Varianten. Fünf Triebwerke stehen zur Wahl, drei Ausstattungslinien (Expression, Privilège und Dynamic), die sich wiederum mit Confort und Luxe kombinieren lassen. Macht 41 Versionen, da soll noch einer durchblicken. Die Preise beginnen bei 17.800 Euro und enden bei 24.650. Immer wieder bleibt nur das Erschrecken, wie teuer neue Autos geworden sind. Aber die Konkurrenz ist nicht billiger, sondern eher teurer (VW Touran von 19.950 bis 26.700 Euro). Und wie gut der neue Scénic angenommen wird, zeigen die Zulassungszahlen: Im September ist er dem Opel Zafira ganz dicht auf den Pelz gerückt.

Daten und Meßwerte

Empfohlener Preis 24350 Euro, Preis des Testwagens 28360 Euro

Vierzylinder-Common-Rail-Diesel, Abgasturbolader, 1870 Kubikzentimeter Hubraum

Leistung 88 kW (120 PS) bei 4000/min

Höchstes Drehmoment 300 Nm bei 2000/min, 90 Prozent davon ab 1800 bis 2800/min

Erfüllt Euro 3/ D4, Steuerersparnis 600 Euro

Manuelles Sechsganggetriebe

Antrieb auf die Vorderräder

Länge/Breite/Höhe 4,26/1,81/1,62 Meter

Radstand 2,69, Wendekreis 10,70 Meter

Leergewicht 1440 (tatsächlich 1485), zulässiges Gesamtgewicht 2010, Anhängelast 1300 Kilogramm; Kofferraumvolumen 430 bis 1840 Liter

Reifengröße 205/60 R16

Höchstgeschwindigkeit 188 km/h

Von 0 auf 100 km/h in 12,6 s, von 50 auf 100 km/h im 4./5./6. Gang in 9,8/13,5/23,2 s

Verbrauch 7,5 bis 8,8, im Durchschnitt 8,0 Liter Diesel je 100 km; Tankinhalt 60 Liter

Versicherungs-Typkl. HP 16, TK 32, VK 18

Kosten je km (bei 20 000 km/Jahr) 0,33 Euro



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.11.2003, Nr. 256 / Seite T3
Bildmaterial: F.A.Z., Renault

 
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