Fahrtberichte

Fahrtbericht Ssang Young Rodius Xdi Automatik

Ein ungewöhnlicher Gast aus dem Fernen Osten

Von Gerold Lingnau

05. Januar 2006 Da wenden sich alle Köpfe, und dann werden sie meist geschüttelt: Wo der SsangYong Rodius auftaucht, sind ihm erstaunte Blicke sicher - und kritische Kommentare. Daß er ein Van der Größe XXL ist, länger als eine S-Klasse, genügt dafür natürlich nicht. Hinzu kommt, wie der koreanische Hersteller ihn von seinen Designern hat zeichnen lassen. Von der Seite betrachtet wirkt er wie ein ganz ansehnlicher Fließheck-Wagen, dem man hinten einen Erker aufgesetzt hat. Von vorn besehen prunkt er mit einem Grill mit starken Anklängen an Mercedes-Benz, und das Heck beschließt ein von keinerlei Schönheit geadelter Dachspoiler mit integrierter dritter Bremsleuchte. Das ganze Auto schwebt daher wie aus einer anderen Welt (dabei ist Korea doch gleich um die Ecke), und wer es gekauft hat, muß immer gesprächs- und erklärungsbereit sein. Ein junges Paar freilich paßte uns ab, als wir zum Rodius zurückkamen, und äußerte (für uns ganz ungewohnt) Begeisterung. Noch also ist am deutschen Markt nicht alles verloren für die kaum bekannte Fernost-Marke, die neuerdings zum Einflußbereich des chinesischen Autoherstellers SAIC gehört. Kleiner Tip für Käufer: In hellen Farben sieht der Rodius viel besser aus. Unserer war schwarz.

Daß er mehr Bus als Van ist, merkt man schnell. In seiner Heimat gibt es ihn mit bis zu elf Sitzen, aber dann bedarf es selbst bei seiner Größe erheblicher individueller Leidensfähigkeit. In Deutschland beschränkt man sich auf sieben Sitze, und anders als hierzulande gewohnt, ist die zweite Reihe für zwei und die dritte für drei Passagiere eingerichtet. Zwischen den mittleren Möbeln gähnt eine Lücke, und die ist notwendig, um den Zugang zum Hinterhaus zu öffnen: Man erreicht es, nach Passieren der breiten Klapptüren, auf diesem Umweg in gebückter Haltung. Die Sessel der zweiten Reihe lassen sich nach vorn verschieben, doch das erfordert Kraft und bringt nicht viel. In den beiden hinteren Reihen fehlt es generell an Lehnenhöhe und an Abstand der Sitzflächen zum Boden: Europäischen Staturen paßt dieser Teil des Rodius also nicht besonders gut. Dafür reicht überall die Kopfhöhe aus, auch die Kopfstützen lassen sich lang genug herausziehen, und die Kniefreiheit hat Oberklasseformat. Während aber die Einzelsitze der zweiten Reihe selbst für Vollschlanke bequem sind, ist die Sitzbank mit 1,22 Meter Breite nur sehr knapp für drei Personen geeignet. Kurz: Der Rodius ist eigentlich ein Sechssitzer, dessen Benutzer am besten nach Größe sortiert ihren Platz einnehmen - Kinder nach ganz hinten.

Die Kleinbus-Talente gehen allerdings nicht mit der Flexibilität einher, die von heutigen Vans erwartet wird. Trotz seines riesigen Volumens scheitert der Rodius an so manchen Transportaufgaben. Die dritte Sitzbank ist zwar herausnehmbar, doch dafür müssen zwei starke Männer ans Werk, die froh sind über die vier soliden Tragegriffe. Und in welcher Garage ist noch Platz für solch ein Trumm? Man kann das Sofa auch auf seinen Schienen um 25 Zentimeter nach vorn schieben. So wächst die Kofferraumtiefe um einen halben auf einen ganzen Meter, also nicht eben toll, und bis zum Dach entstehen laut Hersteller 875 Liter Inhalt. Die Lehne der Bank läßt sich zudem nach vorn oder nach hinten in die Waagerechte klappen - das empfiehlt sich bei Nichtverwendung schon deshalb, weil sie sonst den Blick durchs Rückfenster verbaut. Aber auch dann wird der Rodius ebensowenig wie mit Ausbauen der Rückbank zum Großraumtransporter, denn die Sessel zweiter Reihe sind zwar um 180 Grad drehbar, fürs Plaudern mit den Hintensitzenden (während der Fahrt muß man sich dann der zusätzlich eingebauten Beckengurte bedienen), aber nicht zu falten oder gar herauszunehmen. Klappt man ihre Lehnen, werden sie zu Tischchen, und rückt man sie, den Bodenteppich knautschend, ganz nach vorn, erreicht man mit 1,60 Meter die maximale Ladelänge. Die von SsangYong genannten gut drei Kubikmeter Maximalvolumen mag man da nicht so recht glauben. Dachlatten oder Surfboards bis gut 2,20 Meter könnte man zwischen den Mittelsitzen noch weiter nach vorn durchschieben. Das Beladen durch die riesige Heckklappe geht leicht, die Bordkante ist niedrig. Keinen Gepäckraum kostet das Reserverad, es hängt außen darunter. Die Zuladung von 610 Kilogramm ist kaum zu überfordern, stattlich sind die 2,5 Tonnen Anhängelast.

Fahrer und Beifahrer haben es gut getroffen im Rodius, der Beifahrer freilich besser. Denn der Mensch am Lenkrad muß sich erst einmal an die unsinnige Anordnung der Instrumente in der Mitte des Armaturenbretts gewöhnen. Sonst sind Hebel und Schalter wie gewohnt, sieht man davon ab, daß für den Heckwischer ein schlecht zu treffender Kippschalter zuständig ist. Die Polster sind weich, die Bezüge erinnern an Frottee. Die Heizung mit zuschaltbarer Klimaanlage versorgt den Fond auch durch Dachausströmer, erfordert aber häufiges Nachregulieren der Temperatur. Noch sehr rückständig ist die passive Sicherheit: Im Rodius gibt es Airbags nur für die beiden Vornsitzenden.

Ein ESP kann man aber immerhin bekommen (für nicht eben bescheidene 650 Euro zusätzlich), und das ist gut so. Der Rodius hat nämlich Hinterradantrieb und leidet trotz dem vermeintlich schweren Heck nicht nur häufig an Traktionsschwierigkeiten, sondern erfordert auch Vorsicht beim allzu heftigen Beschleunigen in Kurven oder Einmündungen. Da bricht die Hinterachse gern einmal aus, und die Elektronik muß sie wieder einfangen. Sie wacht beruhigenderweise auch dann noch, wenn man die Schlupfregelung abgeschaltet hat. Im übrigen fährt sich dieser Koloß von Rodius einfacher, als man es ihm zutraut. Die Lenkung ist zwar arg leichtgängig und hoch übersetzt, aber dennoch präzis genug, auch der Wendekreis ist akzeptabel. Der Geradeauslauf kann bei drei Meter Radstand nicht anders als gut sein. Die Bremsen halten das gewaltige Auto anständig in Schach, mißlich ist allein der weiche und wandernde Druckpunkt am Pedal. Auch die Federung tut unter normalen Umständen brav ihren Dienst, nur heftige Stöße reicht sie markerschütternd in den Innenraum weiter. Der Abrollkomfort könnte besser sein, dann gäbe es auch weniger Innengeräusche, etwa von den Sitzen.

Aufgrund eines alten Lizenzabkommens mit Mercedes-Benz baut SsangYong bestimmte Motoren der deutschen Marke nach, hier den Fünfzylinder-Diesel mit 2,7 Liter Hubraum. Unterstützt von einer aus dem gleichen Haus stammenden, kurz übersetzten Fünfgangautomatik geht er mit den 2140 Kilogramm Leergewicht des Rodius überraschend souverän um. Unsere Meßwerte waren weit besser als die Werksangaben: 187 statt 174 km/h Höchstgeschwindigkeit, 12,2 Sekunden (statt 14,4) von 0 auf 100 km/h. So hält man im Verkehr mühelos mit. Der kernig brummende, noch nach Euro 3 eingestufte Motor ist auch zufriedenstellend sparsam: 10,2 Liter je 100 Kilometer als Durchschnitt sind bei den Dimensionen des Autos nicht zu beanstanden. Der 80-Liter-Tank reicht für weite Reisen.

Der Rodius mit Automatik ist für 26 900 Euro ein günstiges Angebot, da mit dem Wichtigsten ausgestattet. Handgeschaltet ist er 2000 Euro billiger. Es gibt auch eine S-Version mit Klimaautomatik, Leichtmetallrädern, Lederbezügen und einigem anderen, doch die erfordert gleich 3000 Euro mehr. Da wäre eher der permanente Allradantrieb zu überlegen, der 2500 Euro kostet: Damit wäre ein ungewöhnliches Auto noch ungewöhnlicher.



Text: F.A.Z., 03.01.2006, Nr. 2 / Seite T3
Bildmaterial: F.A.Z.

 
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