Fahrtberichte

Fahrtbericht

Die reine Schönheit der Freude am Laden

Von Rüdiger Abele

02. Februar 2004 Ein neues Auto ist immer ein Wagnis. Denn es bestimmt das Wohl und Wehe für mehrere Jahre - ein Mißerfolg ist bei dem komplexen Produkt Auto nicht auf die Schnelle auszugleichen. Mazda kennt beide Seiten des Erfolgs: Der 626 beispielsweise war in den achtziger Jahren über eine schöne Periode hinweg das beliebteste Importauto in Deutschland. Das kam nicht von ungefähr: Seine Karosserie war gefällig gezeichnet, die Technik solide und das Preis-Leistungs-Verhältnis vorbildlich. Nicht zuletzt mit ihm wurde der japanische Hersteller zu einer festen Größe im hiesigen Markt. Doch danach kam eine lange Durststrecke. Der Hersteller und mit ihm seine Produkte hatten einen eher konturlosen Auftritt, den allein der MX-5 nicht schärfen konnte. Das besserte sich erst, als das japanische Unternehmen unter die Führung von Ford kam. Und nun scheint die Wende endgültig geschafft: Der Mazda6 präsentiert sich als schmuckes Gefährt mit hoher Alltagstauglichkeit. Nach der Limousine mit einem 2,3-Liter-Ottomotor (27. August 2002) bewegte die Redaktion nun einen 2-Liter-Benziner mit mehr Platz in der Karosserie - als "Sport Kombi", wie ihn Mazda selbstbewußt nennt.

Wir erschrecken bei dieser Bezeichnung immer: Zu häufig war die Erfahrung, daß ein solches "Sport-Auto" zwar das Heck eines dieser praktischen Kombinationskraftwagen zeigt, es aber vornehmlich schick ist und nicht viel Großkram schluckt. Doch hier ist es anders: Auch der Mazda hat zwar eine stark geneigte Heckscheibe, dennoch bietet der Kofferraum schon bei stehender Sitzbank 505 Liter Volumen. Legt man die Rückbank um und belädt dachhoch, kann das Ladevolumen auf äußerst beachtliche 1.712 Liter erweitert werden. Damit übertrifft der Mazda6 sogar den Konzernkumpanen Ford Mondeo Turnier, der auf 1.700 Liter kommt und damit bisher eine Spitzenposition in dieser Klasse einnahm. Zum Vergleich: Ein Alfa Romeo Sportwagon kommt auf 360/1.180, ein Audi A4 Avant auf 440/1.185 Liter. Das sind schon beträchtliche Unterschiede. Sehr durchdacht ist im Mazda das Umlegen der im Verhältnis ein Drittel zu zwei Drittel geteilten Rücklehne konzipiert: Ein Knopfdruck löst einen ingeniösen Verschiebemechanismus der hinteren Sitzfläche nach vorn aus, auf der sich die Lehne mit angesetzten Kopfstützen senkt und eine vollkommen ebene Ladefläche hinterläßt. Diese Kapazität wurde bei einem kleinen Umzug gerne genutzt, dabei erfreute zudem eine mit 57 Zentimeter sehr niedrige Ladekante. Eine Gepäckraumabdeckung gehört zur Serienausstattung, sie ist leicht aus der Verankerung zu lösen; freilich wird sie nach dem Herausziehen von unten in die Gegenhalter gehakt, was ein genaueres Zielen erfordert als bei der weithin üblichen Bewegung von oben herab. Integriert ist zudem ein Trennetz, das sich in Dachnähe einhaken läßt; in eingerolltem Zustand jedoch nervte es mit lautem Knarrgeräusch, und in die Dachaufnahmepunkte ließ es sich nur mit sehr hohem Krafteinsatz bringen. Die Zuladung ist mit 475 Kilogramm ordentlich bemessen.

Schöne Umgebung am Arbeitsplatz

Auf den Fahrer wartet ein feiner Arbeitsplatz. Das Volant läßt sich sehr großzügig in Höhe und Weite verstellen, so daß sich eine vorzügliche Sitzposition ergibt. Die Fauteuils sind gut konturiert und geben selbst bei schnellerer Kurvenfahrt ordentlichen Seitenhalt. Auch gegen die Kopffreiheit kann keine Klage geführt werden. Die Instrumente liegen gut im Blick, alle Schalter und Drehknebel geben ein schönes Gefühl der Präzision. Der Kunststoff der Armaturentafel in imitierter Ledernarbung nimmt freilich gern Staub an: Nach den knapp vier Wochen, die der Mazda mit uns verbrachte, war Wischen angesagt. Inmitten des eintönigen Schwarz wirkt die metallisch schimmernde Kunststoffverkleidung der Mittelkonsole fast aufdringlich. Sie beherbergt eine etliche Anzahl von Druck- und Drehschaltern. Gleichwohl ist sie übersichtlich: Die Gestalter konnten über vergleichsweise viel Platz verfügen, und so gerieten die Bedienelemente der Klimaanlage und des Radios recht groß - was die Benutzung aber erleichtert. Die Klimaanlage arbeitet nachdrücklich, wenngleich nicht zugfrei, die Heizung bringt schon nach wenigen Kilometern eine angenehme Temperatur in den Innenraum.

Optimal integriert wurde der Monitor des Navigationssystems, der sich, von sirrenden Elektromotörchen bewegt, aus der Armaturentafel dreht und sich auf richtiger Höhe befindet. In vier Stellungen ist er gegen Lichtreflexe in der Neigung justierbar, leider störte er mit einem streifigen Flimmern. Das Einstellen des Fahrtziels erfolgt mit Hilfe einer Fernbedienung, die auch in ihrer Verankerung vor dem Schalthebel bleiben kann.

Auf den hinteren Plätzen sind die Raumverhältnisse nicht ganz so großzügig wie vorn, die Banktiefe ist etwas knapp bemessen. Das ist dem Radstand des Mazda6 anzulasten: Er beträgt 2,68 Meter, was in dieser Klasse mittlerweile eher bescheiden ist. Zurückhaltend waren die Innenraum-Gestalter auch mit Ablagen: Es sind nicht übermäßig viele und nur kleine vorhanden.

Hat das Zeug zum Fahren

Auf der Straße benimmt sich der Mazda wie ein wahres Fahr-Zeug: Die Lenkung arbeitet sehr präzise und vermittelt ein gutes Gefühl zum Asphalt, nur bei höheren Geschwindigkeiten ist sie für unseren Geschmack zu leichtgängig. Das Auto folgt den Lenkbefehlen sehr prompt. Sein Fahrverhalten ist in jeder Situation fast neutral, beim Gaswegnehmen in der Kurve dreht es sich moderat in die Biegung hinein - das serienmäßige Stabilitätssystem DSC (Dynamic Stability Control) wird fast arbeitslos, und doch ist es mehr als nur zeitgemäß, es an Bord zu haben. Die Bremsen verzögern das Auto gut und lassen auch bei starker Beanspruchung kaum nach. Ungebührlich stark ist das Pulsieren des Antiblockiersystems im Pedal bei einer Vollbremsung. Die Federung ist auf schlechter Fahrbahn schluckfreudig und nimmt kurzen Schlägen die Schärfe.

Das 2-Liter-Aggregat motorisiert das Auto gut. Es entwickelt 104 kW (141 PS) und ein höchstes Drehmoment von 181 Newtonmeter bei 4.100/min. Die Maschine ist drehwillig, von etwa 3.500/min ist ihr rauhes Stimmchen im Innenraum vernehmbar - nicht störend, wir verstanden es eher als sportliche Note. Das Fünfganggetriebe ist exakt und auf kurzen Wegen zu schalten. Mit all diesen Eigenschaften und mit seiner Agilität wird der Sport Kombi seinem Namen gerecht - freundlicherweise stets diesseits der Komfort-Grenze, was unserem Anspruch eines Gelegenheitssportlers sehr sympathisch ist. Der Verbrauch an Superbenzin rangierte von 8,1 Liter bei moderater Fahrt bis hin zu 11,1 Liter auf 100 Kilometer, wenn es mal schneller gehen sollte - wobei der Bordcomputer meist daneben- und meist sogar höher liegt. Im Alltag liegt der Konsum bei 9 Liter: Damit läßt sich leben. Der Schraub-Tankdeckel hängt an einem starren Kunststoff-Bändel, das ihn genau unter der Spritöffnung hält; der letzte Tropfen beim Herausnehmen der Zapfpistole landet immer auf dem Verschluß.

Europäisch wie selten

Der Mazda6 wurde so konsequent in Richtung gutes Angebot getrimmt, daß sich der Hersteller auch beim Preis keine Blöße gibt: Er liegt noch leicht unter dem Ford Mondeo, ist aber rund 3.000 Euro preisgünstiger als beispielsweise ein Audi A4 Avant - das ist mehr als ein Wort, zum Beispiel ein weiterer Urlaub für die vierköpfige Familie. Typisch für einen japanischen Hersteller ist die umfangreiche Ausstattung und die relativ kurze Liste weiterer Schmankerl: Gerade mal eine Metallic-Lackierung (420 Euro), ein elektrisches Glasschiebedach (770 Euro) eine Lederausstattung (1.550 Euro), eine Soundsystem von Bose (820 Euro), das DVD-Navigationssystem (2.300 Euro) und Leichtmetallfelgen (500 Euro) können zusätzliches Geld vom Konto ziehen; ein vierstufiges Automatikgetriebe kostet 1.030 Euro.

Der Mazda6 erfüllt auch als Kombi die Erwartungen: So europäisch-exakt fühlten sich bisher nur wenige japanische Autos an. Die gute Verarbeitungsqualität rundet das Bild ab. Mit diesem Modell kann sich das Blatt des Herstellers wieder wenden. Für Mazda gibt es mehr Wohl als Wehe.

Daten und Meßwerte

Empfohlener Preis 23.170 Euro,
Preis des Testwagens 29.790 Euro

Vierzylinder-Reihenmotor, vier Ventile je Zylinder,
1.999 Kubikzentimeter Hubraum

Leistung 104 kW (141 PS) bei 6.000/min

Höchstes Drehmoment 181 Nm bei 4.100/min, 90 Prozent davon
ab 2.100 bis 6.000/min

Erfüllt Euro 4

Manuelles Fünfganggetriebe

Antrieb auf die Vorderräder

Länge/Breite/Höhe 4,70/1,78/1,48 Meter

Radstand 2,68, Wendekreis 10,8 Meter

Leergewicht 1.335 (tatsächlich 1.430), zulässiges Gesamtgewicht 1.905,
Anhängelast 1.500 Kilogramm; Kofferraumvolumen 505 bis 1.712 Liter

Reifengröße 205/55 R 16 91V

Höchstgeschwindigkeit 200 km/h

Von 0 auf 100 km/h in 10,1 s, von 50 auf 100 km/h im 4./5.
Gang 11,7/16,8 s

Verbrauch 8,1 bis 11,1, im Durchschnitt 9,3 Liter Super je 100 km;
Tankinhalt 64 Liter

Versicherungs-Typkl. HP 16, TK 33, VK 18

Kosten je km (bei 20.000 km/Jahr) 0,35 Euro



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bildmaterial: F.A.Z., Mazda

 
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