Fahrtberichte

Fahrtbericht Fiat Idea 1.4 16V Emotion

Von der Leichtigkeit des italienischen Seins

Von Boris Schmidt

Viel Raum bietet die Minivan-Variante des Punto.

Viel Raum bietet die Minivan-Variante des Punto.

04. Juni 2004 Italienische Autos sind anders. Zum Glück. Sie sind stets die südländische Alternative zur teutonischen Bodenständigkeit oder zum japanischen Perfektionismus. Und vor allem Fiat wird nicht müde, dem kleinen Mann auf vier Räder zu helfen. Was einst so phantastisch mit dem Topolino und dem 500 geklappt hat, sollte doch auch im 21. Jahrhundert möglich sein. Der neue Panda ist ein erster gelungener Schritt, und der nächste soll der Idea sein, der technisch auf dem Punto basiert. Mit einer Länge von 3,93 Meter ist der Idea ein ganzes Stück größer als der Panda, mit seinem One-Box-Design ist er eindeutig der Kategorie der superkompakten Minivans zuzuordnen, er spielt in der gleichen Liga wie der Opel Meriva. Im Fiat-Modellprogramm besetzt er die Lücke zwischen Panda und Multipla. Alle drei sind neu oder aufgefrischt (Multipla im Herbst) und kommen außen und innen mit einer spielerischen Leichtigkeit daher. Es gibt freche Farben und frische Ideen, Fiat sucht sein Heil in der Offensive.

Man sollte gleich so konsequent sein und für den Innenraum orangefarbene Bezüge für Sitzfläche und Lehne bestellen, das sieht richtig gut aus und macht was her. Ohnehin kann man Fiat zu der Innenraumgestaltung nur gratulieren, alles wirkt hell und freundlich, praxistaugliche Ablagen finden sich überall, wir haben 27 gezählt. Streiten kann man sich über die mittig angebrachten Instrumente, an die man sich jedoch schnell gewöhnt. So aber ist sowohl beim Fahrer als auch beim Beifahrer noch Platz für ein Extra-Handschuhfach. Der Beifahrer hat zusätzlich noch eine zweite, offene Ablage. In der Emotion-Variante darf man sich außerdem über zwei Armlehnen vorn freuen und über eine Ablage zwischen Dachkante und den Innenspiegeln, die sich über die gesamte Breite des Wagens hinzieht. Dazu gibt es zwei Fächer für Brillen. Als Emotion hat der Idea einen zweiten Innenspiegel, der nur dazu gedacht ist, die Rückbank beobachten zu können. Mütter und Väter danken es, warum hatte niemand früher die Idee?

Die Vordersitze erweisen sich zunächst als vermeintlich zu weich, doch sie bewährten sich auf langen Strecken. Was wirklich stört, ist das sich speckig anfassende Lenkrad. Mit der Bedienung gibt es kaum Probleme, der Schalthebel sitzt griffgünstig am Armaturenbrett, das Radio läßt sich vom Lenkrad aus bedienen. Für den Idea-Novizen besteht lediglich die Gefahr, daß man den Hebel für den Tempomaten mit dem für die Blinker verwechselt. Tempomat? Ja, im Idea gibt es einige flauschige Details, die man sonst eher in den oberen Klassen vermutet: Zwei-Zonen-Klimaautomatik, Regen- und Dämmerungssensor (250 Euro), Scheinwerferwaschanlage (150 Euro), Parksensoren und eine aufwendige HiFi-Anlage mit sechs Lautsprechern. Alle Posten ohne Preisangabe sind im "Emotion" Serienausstattung. Diese hat von allen Paketen (Activ, Dynamik und Class) den üppigsten Inhalt. Freilich ist schon die Grundausstattung sehr umfangreich: ABS, sechs Airbags, Servolenkung mit City-Modus, Zentralverriegelung mit Fernbedienung, elektrische Fensterheber vorn und verschiebbare Rücksitzbank. Leider kostet ESP in allen Varianten 500 Euro Aufpreis. Zu den Besonderheiten gehört ein großes Glasdach, dessen vordere Hälfte elektrisch über die hintere geschoben wird (870 Euro). Unverständlich: Elektrisch verstellbare Außenspiegel gibt es in allen Versionen nur im "Winterpaket" mit Sitzheizung, stärkerer Batterie, Seitenairbags (sonst 250 Euro) und der Scheinwerferwaschanlage. Das Paket kostet 500 Euro. Größer dürften die Außenspiegel auch sein. Nicht angeboten wird ein Automatikgetriebe.

Allen Varianten gemein ist die Variabilität der Sitze. Die Rückbank, auf der zwei Personen ein sehr gutes Auskommen finden (genügend Bein- und Kopffreiheit), läßt sich um 16 Zentimeter verschieben, die Lehnen lassen sich wie die der Vordersitze in der Neigung verstellen. Die Lehne ist dreigeteilt (40/20/40), jedes Teil läßt sich einzeln herunterklappen. Die Rückbank kann man auch zusammenfalten und senkrecht stellen, dann ergibt sich ein beinahe ebener Laderaum mit einer beachtlichen Maximalkapazität von 1420 Liter. Übrigens kann die Lehne des Beifahrersitzes nach vorn geklappt werden, dann paßt sogar das berühmte Surfbrett in den Wagen. Wegen des Verschiebemechanismus kann man die Bank aber nicht herausnehmen, das kostet Ladelänge (1,15 Meter) und sicherlich weitere 200 Liter Volumen. Minimal faßt der Kofferraum 320 Liter, für vier bis fünf Personen ist das knapp ausreichend. Nicht nur, daß der Boden 15 Zentimeter tiefer als die Ladekante liegt, am Ende spart Fiat doch spürbar. Die Kofferraumabdeckung ist billigste Pappe, und auch das Material, mit dem der Kofferraum ausgekleidet ist, strahlt nicht unbedingt Solidität aus. Zudem wartet im Kofferraumboden nur ein Notrad. Die Heckklappe ist mit einer Fernbedienung separat zu öffnen - das funktionierte bei unserem Wagen aber nicht. Daß zudem mitunter die Scheibenwischer gänzlich ausfielen, erinnert an altbekannte Schludrigkeiten, die wir eigentlich überwunden glaubten.

Den Idea gibt es zu moderaten Preisen von 13 290 Euro an, vier Motoren, zwei Ottos und zwei Diesel, stehen zur Wahl. Alle erfüllen die Euro-4-Norm, wir fuhren den 1,4-Liter-Benziner mit 70 kW (95 PS). Das Basistriebwerk hat 1,2 Liter Hubraum und 59 kW (80 PS), die beiden Diesel bieten 51 und 74 kW (70/100 PS), wobei der Hubraum-Unterschied beträchtlich ist (1,2 oder 1,9 Liter).

Mit dem größeren Benziner ist der Idea angemessen, aber nicht übermäßig motorisiert. Es fehlt ihm naturgemäß an Drehmoment (nur 128 Newtonmeter bei 4500 Umdrehungen in der Minute, die beiden Diesel bieten 180 und 260 Nm bei nur 1750/min). Fleißiges Schalten ist nötig, wobei das Gängewechseln immer irgendwie an das altbekannte Rühren im Fiat-Teig erinnert. Maximal sind 175 km/h möglich, die der Idea beinahe auch im 4. Gang erreicht. Nicht beklagen kann man sich über die Lautstärke des Triebwerks, selbst in der Nähe der Höchstgeschwindigkeit kann man sich noch gepflegt unterhalten.

Der Federungskomfort ist für ein Auto dieser Größenordnung akzeptabel, der relativ große Radstand (2,51 Meter) macht sich bezahlt. Auch im Kurvenverhalten schlägt sich der Idea wacker. Lastwechsel beeindrucken ihn nicht, das Untersteuern in (zu) schnell gefahrenen Kurven ist für einen Fronttriebler nur mäßig ausgeprägt. Die Bremsen packen kräftig zu und ermüden auch nicht sofort. Die Servolenkung ist so leichtgängig, daß wir den City-Modus, der sie noch leichter macht, als überflüssig erachten. Jedoch läßt die Lenkung Präzision und Gefühl vermissen.

Vermissen mag man auch die Sparsamkeit, die ein Diesel-Idea an den Tag legen würde. Die Fachzeitschrift "auto, motor und sport" kam unlängst mit dem schwächeren Diesel auf einen Verbrauch von 7,3 Liter auf 100 Kilometer. Wir benötigten im Schnitt fast zwei Liter mehr auf die gleiche Distanz und hatten nach einer schnellen Autobahnetappe einen Spitzenwert von 10,6 Liter Superbenzin auf 100 Kilometer. Wie man es dreht und wendet, ein Schnitt von 9,2 Liter auf 100 ist für einen Kleinwagen (das ist der Idea) einfach zu viel. Vor allem jetzt, wo die Benzinpreise so hoch wie noch nie sind.

Dennoch bleibt ein positiver Gesamteindruck. Auch weil 16 390 Euro heutzutage ein günstiger Preis für ein Alltags-Auto sind. Mit seinen vielen pfiffigen Ideen und der kompletten Ausstattung bietet sich der Idea als ideales Auto für die junge Familie an. Der Idea ist ein freundliches Auto, das durchaus Charme und wohltuende italienische Lässigkeit ausstrahlt. Der hohe Benzinverbrauch läßt allerdings nach einem Diesel schielen und bringt die Argumente für die Konkurrenz.

Nächste Woche: Alfa Romeo GT 1.9 JTD; frühere Artikel unter www.FAZnet/Fahrtberichte

Daten und Meßwerte

Empfohlener Preis 16 760 Euro,

Preis des Testwagens 17 780 Euro

Vierzylinder-Reihenmotor, vier Ventile je Zylinder, 1799 Kubikzentimeter Hubraum

Leistung 70 kW (95 PS) bei 5800/min

Höchstes Drehmoment 126 Nm bei 4500/min, mindestens 90 Prozent davon ab 1750 bis 5600/min

Erfüllt Euro 4

Manuelles Fünfganggetriebe

Antrieb auf die Vorderräder

Länge/Breite/Höhe 3,93/1,70/1,66 Meter

Radstand 2,51, Wendekreis 10,4 Meter

Leergewicht 1150 (tatsächlich 1210), zulässiges Gesamtgewicht 1655, Anhängelast 1000 Kilogramm; Kofferraumvolumen 420 bis 1420 Liter

Reifengröße 195/60R15

Höchstgeschwindigkeit 175 km/h

Von 0 auf 100 km/h in 12,0 s, von 50 auf 100 km/h im 4./5. Gang in 16,2/22,6 s

Verbrauch 7,9 bis 10,6, im Durchschnitt 9,2 Liter Super je 100 km; Tankinhalt 47 Liter

Versicherungs-Typkl. HP 15, TK 28, VK 19

Kosten je km (16 000 km/Jahr) 0,32 Euro



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.06.2004, Nr. 125 / Seite T3
Bildmaterial: F.A.Z.

 
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