Fahrtberichte

Fahrtbericht Daihatsu Materia

Die Kommode für des Kaisers neue Kleider

Von Wolfgang Peters

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14. August 2007 Mitunter gelingt es uns, die Umwelt zu verblüffen: Es gab während unserer Probefahrten immer Neugierige, die zum Beispiel beim Tanken den Daihatsu Materia beäugten und den Fahrer belagerten. Als wir dann sagten, so könnte das Auto der Zukunft aussehen, ernteten wir Kopfschütteln und Unglauben. Mancher tippte sich sogar heimlich an die Stirn. Im eigenen Land gilt der Prophet mit dem fremden Auto wohl nichts, murmelten wir und schnurrten mit dem Materia davon.

Nun haben wir uns daran gewöhnt, nicht verstanden zu werden, und es ist vielleicht wirklich nicht so ganz einfach zu erkennen, weshalb dieses Auto (die schweizerische „Automobil Revue“ titelte über den Daihatsu Materia: „Euer Merkwürden“) als zukunftsträchtig gelten kann.

Die Technik ist nämlich recht konventionell, das Konzept der Karosserie nicht wirklich originell, und der Materia hält auch beim Fahren keine Überraschungen bereit, die zu Jubelrufen animierten. Und dennoch erscheint er uns als Wendemarke für die Entwicklung des Automobils. Als erstes Ausrufezeichen in einer mobilen Welt, der nichts Schlimmeres passieren kann, als in immer der gleichen Form dargeboten zu werden.

Mit dem Materia begann das zweite Leben

Form und Design des Daihatsu Materia entziehen ihn zunächst der üblichen Betrachtungsweise, die man für Kleinwagen als angemessen erachtet. Und exakt dieses Heraustreten, bevor er überhaupt eingetreten ist in den Mahlstrom des Normalen, das verändert den Blick auf dieses Auto.

Man wird später einmal sagen, mit dem Materia begann das zweite Leben des Automobils: Wenn gewisse technische Bedingungen erfüllt, bestimmte Eigenschaften vorhanden sind und es eine Kundschaft gibt, die reif ist für das andere Denken, dann sind die Voraussetzungen geschaffen, noch mehr Autos auf die Räder zu stellen, die den Konventionen der Herrschenden jede Menge Schnippchen schlagen können.

Das Auto aus der virtuellen Welt

Der Materia ist ein Vorbote jenes geschmacklichen Empfindens, das derzeit aus dem Internet, aus Comics und aus den Bau- und Spieleserien der Computerprogramme im Entstehen begriffen ist. Das Auto von morgen findet über die neuen Designer der Internetgeneration aus der virtuellen in die reale Welt.

Und deren Kunden sind froh über diese Produkte, denn über deren Existenz können sie sich endlich selbst definieren. Das kann man natürlich niemandem zwischen den Zapfsäulen erklären. Und natürlich ist dieser Daihatsu nicht nur Objekt des Theoretisierens, sondern auch noch ein Auto. Noch kann man sich den Materia nicht einfach herunterladen.

Lärmt ungehemmt herum

Aber kaufen kann man ihn. Es gibt drei Versionen (eine mit automatisch zuschaltendem Allradantrieb), die sich von außen kaum unterscheiden. Für 14.490 Euro kommt die kleinere Variante mit 1,3 Liter Hubraum (67 kW/91 PS), der von uns gefahrene Materia 1.5 bietet 76 kW (103 PS) und ein maximales Drehmoment von 132 Newtonmeter auf.

Das klingt nach schmaler Brust, führt aber im Alltag zu einem breiten Rücken, weil die Maschine schnell hochdreht und dann für Durchzug sorgt. Leider nimmt sie auch kein Blatt vor den Mund und lärmt bei der durchaus akzeptablen Höchstgeschwindigkeit ungehemmt herum.

Die Maschine wirkt hektisch

Unser Exemplar war 4 km/h schneller als mit 170 km/h im Datenblatt versprochen, doch bei ausreichend munteren 130 km/h lebt es sich ruhiger. Unter wechselnden Lastverhältnissen nimmt die Maschine das Gas zwar gut an, aber sie wirkt hektisch und verhindert einen souveränen Auftritt, der gut zu der eher gelassenen Formensprache des Materia passen würde.

Ob man auch mit der schwächeren Version gut fährt, hängt von der Einsatzart ab. Wahrscheinlich ist man mit der immerhin tausend Euro billigeren und im Alltag wohl kaum weniger agilen 1,3-Liter-Ausführung nicht schlechter bedient.

Fast eine Automatik

Allerdings hält Daihatsu nur in Verbindung mit dem 1,5-Liter-Motor eine Vierstufen-Automatik (für 970 Euro) bereit. Die Abstimmung des sonst wenig charmanten Getriebes auf den Charakter des Motors gefällt, man zieht den ersten Gang nur kurz an, schnalzt sich den zweiten herein, und schon flutscht der dritte in Position.

Für die Stadt ist das fast eine Art von Automatik, man kann bis auf Schritttempo verzögern und ruckfrei wieder beschleunigen. Abhängig von Fahrweise und Einsatzart verbrauchte der Materia 1.5 entweder 6,5 Liter auf 100 Kilometer (ruhig gefahren auf der Landstraße), 8,3 Liter (im Stadtverkehr) oder 7,4 Liter (auf der Autobahn), er begnügt sich mit Normalbenzin und darf mit einem Durchschnitt von 7,1 Liter als ausreichend sparsam durchgehen.

Eine Höhle für Kleinzeug

Dass die Karosserie mehr bietet als Formenspektakel, merkt man rasch. Des (japanischen) Kaisers neue Kleider sind großzügig geschnitten, und die einem Kommodenschrank mit Schubladen nachempfundene Form ist vorteilhaft: Es gibt vorn und hinten reichlich Platz, die Kopffreiheit ist mit 107 Zentimeter vorn und hinten fürstlich. Die Rücksitzbank ist in Fahrtrichtung um etwa 16 Zentimeter zu verschieben, man kann sich für luftigen Knieraum oder lässiges Kofferraumvolumen entscheiden.

Im Verhältnis eins zu zwei Drittel ist die Bank zu klappen, es entsteht eine leicht ansteigende Ladefläche mit einer labberigen Abdeckung. Die Ladetiefe beträgt dann 140 Zentimeter (mit vorgerückter Sitzbank sind es 70), die Breite kommt auf 115, und wenn man noch an die Stauhöhe denkt, fällt einem schon das Speditieren ein.

Die Ladehöhe liegt bei knapp 90 Zentimeter, und die Klappe schwingt so eben über die Stehhöhe eines Mitteleuropäers hinaus. Unter dem Ladeboden gibt es noch eine Höhle für Kleinzeug.

Öde Plastiklandschaft

Beinahe könnte man annehmen, das Gepäck sei besser untergebracht als der Fahrer. Dieser hält sich (wie der Beifahrer) auf einem zwar bequemen, aber mit zu geringer Sitztiefe versehenen Sesselchen auf und blickt auf eine öde Plastiklandschaft, die nur geringen Trost bereithält.

Das liegt daran, dass es ein mittig sitzendes, mitunter von Spiegelungen heimgesuchtes Zentralorgan für die Armaturen gibt und die anwesenden Kunststoffe nicht wirklich wertvoll wirken. Trost spendet einzig die Aufgeräumtheit.

Kontaktmöglichkeiten mit der Beifahrerin

Lenkung und Schaltung sind leidlich leichtgängig, aber in der Präzision ihrer Funktion nicht auf der Höhe der Zeit. Die geschwindigkeitsabhängig geregelte Unterstützung für die Lenkung führt zu einem sehr indifferenten Gefühl beim Fahrer, der den Anspruch auf ultimative Präzision bald aufgibt.

Der Schalthebel ragt zwischen den Sitzen aus dem Boden, und in manchen Positionen gewährt er reizvolle Kontaktmöglichkeiten mit der Peripherie der Beifahrerin. Die Gangpositionen sind unsauber definiert, der Hebel rastet kaum jemals akkurat ein. Aber irgendwie ist der richtige Gang dann doch eingelegt, daran muss man sich gewöhnen.

Wenig gelungen erscheint uns das Aufsuchen der Position des Rückwärtsgangs, das eher einem Reinwürgen ähnelt. Insgesamt gibt der Materia seinem Fahrer keine Bedienrätsel auf, und er hält eine Fülle von Ablagen bereit.

Hinten nur Trommelbremsen

Auch über die Ausstattung kann man nicht klagen. Es gibt überhaupt nur vier Extras, von denen lediglich die Anschaffung der Kopfairbags für 450 Euro zu empfehlen ist. Verarbeitung und Fugenverlauf sind gut, auch wenn man an Details (nicht abgedeckte Schraubenköpfe) den Rotstift erkennen kann.

Das 1,64 Meter hohe, kastenförmige Auto fährt meist mit ruhigem Untersteuern auch in schnellen Kurven. Allerdings ist mit kräftigen Lastwechselreaktionen ebenso zu rechnen wie mit starken Bewegungen des Aufbaus bei kräftigem Seitenwind. Dass es hinten nur Trommelbremsen gibt, wurde nicht als Nachteil deutlich.

So zeigt der Daihatsu Materia deutlich, mit welchen Eigenschaften er seine Kundschaft verwöhnt: Auftritt, Preis und Raumverhältnisse sind ihr wichtig. Dynamisches Verhalten übt sie lieber mit Star Wars. Vielleicht gehört ihm gerade deshalb ein Teil der automobilen Zukunft.

Daten und Messwerte

Empfohlener Preis 15.490 Euro
Preis des Testwagens 16.440 Euro

Vierzylinder-Ottomotor, vier Ventile je Zylinder, 1495 Kubikzentimeter Hubraum
Leistung 76 kW (103 PS) bei 6000/min
Höchstes Drehmoment 132 Nm bei 4400/min, 90 Prozent davon ab 2100 bis 5100/min

Manuelles Fünfganggetriebe (Automatik 970 Euro)
Antrieb auf die Vorderräder

Länge/Breite/Höhe 3,80/1,69/1,64 Meter
Radstand 2,54, Wendekreis 9,8 Meter

Leergewicht 1035 (tatsächlich 1048), zulässiges Gesamtgewicht 1600, Anhängelast 1000 Kilogramm; Kofferraumvolumen 181 bis 619 Liter
Reifengröße 185/55 R 15

Höchstgeschwindigkeit 174 km/h
Von 0 auf 100 km/h in 11,0 s, von 50 auf 100 km/h im 4./5. Gang in 14,8/18,9 s

Verbrauch 6,5 bis 8,3, im Durchschnitt 7,1 Liter Normalbenzin je 100 km; 169 g/km CO2 bei Normverbrauch von 7,2 Liter, Tankinhalt 40 Liter

Versicherungs-Typklassen HP 14, TK 15, VK 19
(Mobilitäts)-Garantie drei Jahre bis zu 100.000 km; drei Jahre auf Lack, acht Jahre auf Durchrostung, Wartung alle 15.000 km oder einmal im Jahr



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z., Hersteller

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