Fahrtberichte

Fahrtbericht

Der Preis ist heiß - aber nur ohne Wertverlust gerechnet

Von Boris Schmidt

24. Juni 2003 Einen jüngeren Hersteller von automobiler Massenware gibt es nicht: Kia steht erst seit 29 Jahren auf der Verkaufsbühne, und zunächst ist man nicht weit über die koreanische Provinz hinausgekommen. In jüngster Zeit hat das Ensemble aber auch in Europa beachtliche Erfolge aufzuweisen. Den lautesten Beifall erhält der schicke Geländewagen Sorrento, auf den die Käufer monatelang warten müssen. Doch mit nur einem beliebten Akteur kann man auf die Dauer nicht bestehen, daher soll der neue Magentis möglichst das nächste Mitglied der Erfolgstruppe werden. Selbstbewußt wollen die Koreaner mit ihm jetzt gleich in der oberen Mittelklasse mitmischen. Von der Größe her spielt der Magentis, dessen Name aus "magnificent" (großartig) und "gentle" (sanft, leise, höflich) komponiert wurde, die Hauptrolle beim koreanischen Hersteller.

"Das sanfte Flaggschiff" beschreibt Kia die Limousine im Programmheft. "Unscheinbar" wäre das treffendere Adjektiv gewesen. Der Magentis drängt sich niemandem auf, er ist mit 4,73 Meter Außenlänge zwar von Natur aus stattlich, aber dennoch eher unauffällig, ja beliebig gestylt. Viel falsch machen kann man bei der klassischen Limousinen-Form allerdings nicht; aber etwas mehr Pep wie beim Sorrento hätte man sich - und dem Auto - gewünscht. Allerdings war das Vorgängermodell des Magentis noch unauffälliger.

Keine hochwertige Formschönheit, aber viel Platz

Wenig Gefallen fanden wir an der Innen-Einrichtung. Sie ist noch langweiliger als bei japanischen Herstellern vor zehn Jahren üblich. Die grauen Sitzpolster sehen nicht nur scheußlich aus, sie sind auch viel zu weich, das gilt gleichfalls für die Rückbank. Zudem sind sie bei höheren Temperaturen schweißtreibend. Eine Lederausstattung, die bei der Automatik-Version zur Grundausstattung gehört (sonst 1.790 Euro Aufpreis inklusive Lederlenkrad, Sitzheizung und elektrisch verstellbarem Fahrersitz), sieht nicht nur besser aus, sondern macht wahrscheinlich die Sitze bequemer, weil härter. Wenig schmückend ist das Armaturenbrett, es bietet tristes Grau mit braunem Holzimitat um den mittleren Bereich sowie in den Vordertüren und in der Mittelkonsole. Immerhin ist alles sehr funktional, man findet sich sofort zurecht. Ein Sonnenbrillenfach, zwei Becherhalter und eine Box zwischen den Vordersitzen schaffen außer dem Handschuhfach und einigen weiteren kleinen Ablagen Platz für den Krimskrams, den ein Autofahrer dabeihat.

Wenn auch der Innenraum nicht mit Modernität oder sichtbarer Qualität glänzen kann, so bietet er doch eines: Platz. Nicht nur Fahrer und Beifahrer dürfen sich unbeengt fühlen, auch auf der Rückbank kann man sich lümmeln: Bein- und Kopffreiheit ist genügend vorhanden, nur ein dritter Hinterbänkler sitzt wie in fast jeder großen Limousine nur mehr schlecht als recht. Die voluminöse Armlehne (mit flachem Staufach und zwei Becherhaltern) drückt ins Kreuz, da trösten Dreipunkt-Gurt und Kopfstütze kaum.

Der Kofferraum bietet mit einem rechnerischen Volumen von knapp 480 Liter das, was man bei einem Fahrzeug dieses Formats erwarten kann. Die Ladekante ist niedrig, die Lehne der Rückbank kann asymmetrisch geteilt nach vorn geklappt werden, einen Skisack gibt es aber nicht. Öffnen läßt sich der Mechanismus nur vom Kofferraum aus, um Langfingern die Arbeit zu erschweren. Das Lade-Abteil ist relativ aufgeräumt, im Boden liegt ein vollwertiges Reserverad. Wer sich für 3.200 Euro beim Kia-Händler ein Navigationssystem (inklusive CD-Radio) einbauen läßt, sollte darauf achten, daß das CD-Laufwerk nebst den Rückseiten der Radio-Lautsprecher nicht völlig ungeschützt unter der Hutablage hängt. Sonst kann es beim Beladen des Kofferraums zu Beschädigungen kommen. Wie sich das Navigationssystem bewährt (von VDO-Dayton), haben wir am 17. Juni beschrieben.

Für Genügsame

Fahren kann der Kia freilich auch. Er bringt Passagiere und Gepäck von München nach Augsburg, wie jedes Auto. Es ist diese Grundleistung, die den Magentis auszeichnet, nicht mehr, nicht weniger. Für genügsame Naturen kann der Magentis ein wunderbares Auto sein. Der Motor holt aus 2,5 Liter Hubraum 124 kW (167 PS), liebt die hohe Drehzahl, ist aber tatsächlich elastischer, als er sich anfühlt, das beweisen die Meßwerte. Man kann also schaltfaul fahren, die Gänge sind klar definiert, das Schalten selbst geht etwas grobschlächtig vonstatten. Im 5. Gang läßt sich der Magentis bis auf 230 km/h bringen. Der Tourenzähler zeigt dann 5.600 Umdrehungen je Minute, der Tacho meint es allerdings zu gut: gemessen sind es 215 km/h. Überzeugen kann der Geradeauslauf, unsicher fühlt man sich im Kia selbst bei hohen Geschwindigkeiten nicht. Dennoch sind Tacho 140 bei 3.400/min ein Tempo, bei dem sich der höchste Grad an Wohlbefinden - auch hinsichtlich des Geräuschpegels - einstellt.

Der V6-Motor ist ziemlich durstig: Im Schnitt 11,3 Liter auf 100 Kilometer sind viel, wenigstens begnügt er sich mit Normalbenzin. Uns gelang es nicht, weniger als 10,9 Liter auf 100 Kilometer zwischen zwei Tankstopps zu verbrauchen. Als positiv darf vermerkt werden, daß sich der Tank ohne große Umstände bis zum Rand füllen läßt.

Verläßt man die sichere Spur der Autobahn und versucht, auf der Landstraße eine etwas forschere Gangart einzulegen, kommen sofort schöne Erinnerungen an alte amerikanische Straßenkreuzer auf. Die leichtgängige Servolenkung ist ziemlich schwammig, die Federung, die sich auf gerader Strecke durchaus bewährt, kann in manchen Kurvenkombinationen ein leichtes Aufschaukeln des Autos nicht verhindern. Ein Kurvenreißer ist der Magentis beileibe nicht, er legt ein ziemlich behäbiges Fahrverhalten an den Tag. Im übrigen ist er so fahrsicher, wie es frontgetriebene Autos immer sind. Er schiebt über die Vorderräder nach außen, wenn man zu schnell war. Das läßt sich leicht beherrschen, und die Bremsen sind dem Vortrieb des Autos gewachsen, selbst nach mehreren Vollbremsungen läßt die Leistung nicht nach. Eine (abschaltbare) elektronische Traktionskontrolle ist serienmäßig, sie reagiert aber nur gemächlich. Bei nasser Straße und vollem Beschleunigen kann sie das Durchdrehen der Räder erst nach einer "Gedenksekunde" verhindern. Ein ESP gibt es nicht.

„ Wer klaut einen Kia? “

Die Ausstattung des Kia ist sehr umfangreich. Eine Klimaanlage, elektrisch verstellbare Außenspiegel, elektrische Fensterheber und eine Zentralverriegelung mit Fernbedienung, mit der auch der Kofferraum geöffnet werden kann, gehören ebenso dazu wie Leichtmetallräder und eine Alarmanlage.

Wer klaut einen Kia? möchte man sofort despektierlich fragen, denn sein größtes Plus ist auf der anderen Seite sein größtes Manko. Einen Kia zu einem halbwegs akzeptablen Preis wieder zu verkaufen, wird sehr schwerfallen. Noch ist das Image des koreanischen Herstellers von "viel Auto für wenig Geld" geprägt, und auch beim Magentis 2.5 V6 SE ist das so: 21.650 Euro sind ein Sonderangebot, das nur vom vierzylindrigen Magentis (zwei Liter Hubraum, 100 kW/136 PS) getoppt wird. Hier kostet die Basisversion nur 17.990 Euro.

Deutsche Limousinen dieser Größenordnung kosten rund 35.000 Euro. Läßt man den immensen Wertverlust, der nach zwei Jahren den finanziellen Vorteil nahezu verpuffen läßt, sowie technische und qualitative Unterschiede unberücksichtigt, ist der Magentis ein Schnäppchen mit drei Jahren Garantie. Der Wertverlust nach zwei Jahren (bei 60.000 Kilometer Fahrleistung) beträgt rund 41 Prozent. Ein Mercedes-Benz 200 Kompressor Classic verliert nur 35 Prozent. Der Preisvorteil schmilzt somit auf 1.800 Euro, hat Eurotax-Schwacke ausgerechnet. Knapp 300 Käufer hat die Limousine in diesem Jahr schon gefunden. Wer einen Kia Magentis kauft, sucht ein großes Auto zum günstigen Preis. Das bekommt er. Und er sollte es so lange wie möglich fahren. Dann rechnet es sich doch.

Daten und Meßwerte

Empfohlener Preis 21 650 Euro

Preis des Testwagens 24 850 Euro

V-Sechszylindermotor, vier Ventile je Zylinder, 2493 Kubikzentimeter
Hubraum

Leistung 124 kW (169 PS) bei 6000/min

Höchstes Drehmoment 230 Newtonmeter bei 4000 Umdrehungen je Minute

Erfüllt Euro 4

Manuelles Fünfganggetriebe

Antrieb auf die Vorderräder

Länge/Breite/Höhe 4,73/1,82/1,41 Meter

Radstand 2,70, Wendekreis 11,60 Meter

Leergewicht 1425 (tatsächlich 1490), zulässiges Gesamtgewicht 1590,
Anhängelast 2000 Kilogramm, Kofferraumvolumen 479 Liter

Reifengröße 205 / 60 R 15 91 H

Höchstgeschwindigkeit 215 km/h

Von 0 auf 100 km/h in 9,0 s, von 50 auf 100 km/h im 4./5. Gang in
12,6/16,3 s

Verbrauch 10,9 bis 11,7, im Schnitt 11,3 Liter Normalbenzin je 100 km;
Tankinhalt 65 Liter

Versicherungs-Typkl. HP 18, TK 32, VK 24

Kosten je km (bei 20 000 km/Jahr) 0,38 Euro



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24. Juni 2003
Bildmaterial: F.A.Z., Kia

 
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