Von Boris Schmidt
01. Februar 2006 In Amerika sind Pick-ups so beliebt wie hierzulande der VW Golf. Mit schöner Regelmäßigkeit landen sie in der Verkaufsstatistik ganz vorn. Rund 750000 Exemplare wurden im vergangenen Jahr allein vom Chevrolet Silverado verkauft. Hierzulande kommen gerade mal gut 10000 Fahrzeuge im Jahr neu auf die Straße. Daß diese Nische in Deutschland Wachstumspotential hat, wird allgemein angenommen. Neue Modelle, die soviel Komfort wie möglich bieten, kurbeln den Markt an. So hat Nissan gleichzeitig mit dem beachtenswerten Geländewagen Pathfinder (F.A.Z. vom 1.November 2005) einen Pick-up namens Navara lanciert. Die beiden sind bis zur B-Säule praktisch identisch.
Auf deutsch ist ein Pick-up ein profaner Pritschenwagen, und der Navara wird entweder mit langer oder kurzer Ladefläche geliefert. Motto: Je länger die Pritsche, desto kleiner der Innenraum. Soll der Wagen auch zum Transport von mehr als zwei Personen taugen, fällt die Wahl automatisch auf die Doppelkabine, dann passen bis zu fünf Menschen hinein, und man kann hinten tatsächlich einigermaßen kommod sitzen. Freilich müssen die Beine stark angewinkelt werden, und der Mittelplatz hat keine Kopfstütze.

Schnörkelloses Armaturenbrett
Vorn ist alles haargenau so angerichtet wie im Geländewagen-Bruder: Der Fahrer blickt auf ein schnörkellos gezeichnetes und übersichtliches Armaturenbrett, alle Hebel und Schalter sind leicht zu finden, die verwendeten Materialien wirken hochwertig, es herrscht keineswegs Lastwagen-Atmosphäre. Erst recht nicht in der Premium-Version, die mit allem ausgestattet ist, was den Aufenthalt im Auto angenehmer und praktischer macht. Genannt seien nur ein verstellbares Lederlenkrad, vier elektrische Fensterheber, Tempomat, Zwei-Zonen-Klimaanlage, Regensensor, elektrisch verstellbare Außenspiegel, umklappbarer Beifahrersitz, Nebelscheinwerfer, Fahrlichtautomatik und Scheinwerferreinigungsanlage. Fürs Auge gibt's zudem Leichtmetallräder, Trittbretter an der Seite sowie einen Dachgepäckträger. Wer noch 2200 Euro drauflegt, bekommt im Topline-Paket Ledergestühl, ein elektrisches Schiebedach und elektrisch verstellbare Vordersitze. Und für weitere 2500 Euro bringt der Navara ein DVD-Navigationssystem (Birdview) mit TMC und Farbdisplay, Radio-MP3-CD-Kombi mit Sechsfach-CD-Wechsler und Bluetooth-Schnittstelle samt Spracherkennung mit. Dank Metalliclack (590 Euro) und elektrischer Hinterachssperre (600 Euro) kam unser Wagen schließlich auf einen Neupreis von - jetzt tief Luft holen - 38390 Euro. So viel Geld für einen Lastwagen mit offener Ladefläche?
Für viele Menschen ist Individualität einfach unbezahlbar, sie lassen die anderen Limousinen, Kombis, Minivans oder Geländewagen fahren. Der Navara ist von allem etwas, am ehesten ein Geländewagen, schließlich hat er vom Pathfinder außer dem Leiterrahmen auch den elektrisch zuschaltbaren Allradantrieb und das Untersetzungsgetriebe geerbt. Bei normalen Straßenbedingungen ist der Navara nur mit Hinterradantrieb unterwegs, ohne bei forcierter Fahrt zur Heckschleuder zu werden. Es versteht sich von selbst, daß Kurvenkratzen nicht das Metier eines 5,23-Meter-Schiffs ist (vom Parkplatzsuchen und dem Wendekreis gar nicht zu reden). Sehr gut ist der Geradeauslauf, und die Bremsen (ABS ist selbstverständlich) werden mit dem gut zwei Tonnen schweren Koloß gut fertig. Was es nicht gibt, ist ESP. Der Allradantrieb kann während der Fahrt (bis 100 km/h) zugeschaltet werden, auf Schnee ist und bleibt das ein großes Sicherheitsplus. Beim starken Einschlagen der Räder kommt es dann allerdings zu Verspannungen im Antriebsstrang. An den Federungskomfort darf man nicht zu hohe Ansprüche stellen, schließlich hat der Navara (im Gegensatz zum Pathfinder) hinten eine starre Achse und sogar Blattfedern, was für die Nutzlast von gut 700 Kilogramm wohl auch erforderlich ist. Vorn sind die Räder einzeln aufgehängt.
Perfekte Ladefläche für Hobby-Gärtner
Die Ladefläche hat vor allem für Hobby-Gärtner und Häuslebauer ihren Reiz: Klappe runter (sie ist wie die Tankklappe nicht in die Zentralverriegelung integriert) und rauf mit dem Zeug. Rein rechnerisch passen rund 1000 Liter in die Wanne (bis zur Oberkante), nach oben begrenzt nur der Himmel den Stauraum. Aber zu viert in den Urlaub mit ungeschützt auf der Ladefläche liegendem Gepäck? Auf einen Sicht- oder Regenschutz will man eigentlich nicht verzichten, eine einfache Plane kostet rund 400 Euro, eine feste, abschließbare Abdeckung 1200 Euro und ein Hardtop 2258 Euro (alles beim Händler). Wer keine Familie hat, kann auch den Navara King Cab bestellen, dann ist die Ladefläche 1,80 Meter statt 1,50 Meter lang, und im Fond gibt es nur zwei Notsitze. Einen nur zweisitzigen Navara mit noch größerer Ladefläche gibt es nicht. Mit einem Pick-up kauft man sich also Nachteile für den Alltag ein, solange man ihn nicht gewerblich nutzen will oder außerhalb von Kalifornien unterwegs ist, wo es bekanntlich niemals regnet. Sind nur zwei Personen unterwegs, kann man den Fond als Kofferablage nutzen: Die Sitzflächen lassen sich entweder asymmetrisch geteilt senkrecht stellen, oder man legt die Lehnen um. Ungefähr 700 Liter Stauvolumen kann man so gewinnen bei dachhoher Beladung. Unter den Sitzflächen im Fond verstecken sich zwei Staufächer, auch das Werkzeug und der große Wagenheber finden sich hier. Das Reserverad hängt hinten unter der Ladefläche.
Kommen wir endlich zum Besten, was der Navara zu bieten hat, dem Motor. Dieser hat schon im Pathfinder überzeugt, hier setzt er noch einen drauf. Das Wort Lastkraftwagen bekommt plötzlich eine andere Bedeutung, so agil und spritzig gibt sich der Nissan mit dem 2,5-Liter-Turbodiesel (ein anderes Triebwerk wird nicht angeboten). Vor allem seine Elastizität beeindruckt. Ein Makel allerdings ist die fehlende Euro-4-Tauglichkeit, das soll aber demnächst der Vergangenheit angehören. In nur 9,0 Sekunden sprintet der Pick-up von 50 auf 100 km/h im 4. Gang, in den Schaltstufen fünf und sechs gelingt diese Übung in nur 12,0 oder 18,1 Sekunden. Allerdings hatte die Redaktion offenbar ein besonders gut eingefahrenes Triebwerk erwischt. Mit in der Spitze 178 km/h war der Nissan acht km/h schneller als angegeben. Bei Höchstgeschwindigkeit zeigt der Tacho 190 an, im 6.Gang muß die Kurbelwelle nur 4000 Mal in der Minute rotieren. Das Getriebe läßt sich leicht und locker durchschalten, nur auf dem Weg vom 5. in den 6. muß man wachsam sein, um nicht im 4. zu landen. Wer die Muskeln des Motors spielen läßt und auf der Autobahn versucht, mit den großen schnellen Limousinen mitzuhalten, wird mit einem Spritverbrauch nicht unter 13 Liter auf 100 Kilometer bestraft. Darüber muß man sich nicht wundern, über die Sparsamkeit, die der Navara sonst an den Tag legt, aber schon. Deutlich weniger als 10 Liter sind möglich, der Schnitt von 10,9 geht in Ordnung. Es sei vermerkt, daß der Pathfinder mit dem gleichen Motor um knapp einen Liter sparsamer war, allerdings im Sommer und nicht im Winter mit Temperaturen von bis zu minus zehn Grad bewegt worden war. (Trotzdem sprang der Motor nach kurzer Vorglühzeit sofort an und lief rund.)
Mobile Individualisten fragen sich immer häufiger: Warum eigentlich keinen Pick-up? Gewiß, der Wagen ist unhandlich, trotz der leichtgängigen Servolenkung. Aber er hat den Charme des Andersseins, und für den freitzeitorientierten Menschen ist eine offene Ladefläche eher eine Lust denn eine Last. Abgesehen vom Liebling-die-Koffer-werden-naß-Problem ist der Navara ein recht komfortables Fahrzeug mit einem formidablen Motor. Und ein Blick in die Preisliste zeigt: Als Premium-Version für 32500 Euro ist der Navara 9500 Euro billiger als der vergleichbare Pathfinder. Ein Pick-up als Möglichkeit zum Sparen. Wenn das kein Argument ist.
Text: F.A.Z., 31.01.2006, Nr. 26 / Seite T3
Bildmaterial: F.A.Z.