Von Michael Kirchberger
15. November 2005 Miss Rowlings hat recht. Magie und Zauberei begleiten uns durch den Alltag, wir merken es nur nicht. Wie sonst könnte es kommen, daß Alleinunterhalter vorzugsweise in Großraumlimousinen unterwegs sind? Und daß der Minivan mit wenigstens sechs Sitzen weit oben auf der Wunschliste von Familienvätern steht, obwohl sie nur zwei Kinder haben. Die Magie dieser "Mehr-als-fünf-Plätze-Autos" erschließt sich nur dem fortgeschrittenen Zauberlehrling, der das Innenleben seines Vans mit zielsicheren Griffen dem jeweiligen Bedarf anpassen kann.
Bei einem Honda FR-V, einem der seltenen Sechssitzer, gelingt das selbst dem Novizen auf Anhieb. Doch schnell stellt sich die Frage: Wäre eine vernünftige Mittelkonsole mit Ablagemöglichkeiten und ein wenig mehr Distanz der linken Fahrer- und der rechten Beifahrer-Schulter zur Tür nicht eine attraktivere Lösung? Wir meinen: ja. Denn das Konzept des Honda, zwei Trios hintereinander unterzubringen, birgt Risiken und Nebenwirkungen. Zwar kann der jeweils mittlere Sitz beider Reihen aus der Flucht der beiden Nachbarn geschoben werden, was mehr Schulterfreiheit für alle bringen soll, aber kein Fahrer des FR-V freut sich über den Mittelmann, schon gar nicht über dessen Knie, die ihn beim Schalten behindern. Eine Automatik gibt es leider nicht.
Sechs nicht gerade siebengescheit
Sechs sind also nicht gerade siebengescheit unterwegs im FR-V. Deshalb klappen wir die Rückenlehne des mittleren Vordersitzes um und nutzen die Lehnenrückseite mit ihren Fächern aus leider nicht rutschfestem Kunststoff als Ablage. Und wir freuen uns über den munteren Dieselmotor, mit dem der FR-V 27 550 Euro kostet. 103 kW (140 PS) leistet der 2,2 Liter große Selbstzünder und bietet 340 Newtonmeter Drehmoment bei 2000/min. Das reicht für eine Beschleunigung von 0 auf 100 km/h in 10,2 Sekunden und 194 km/h Höchstgeschwindigkeit. Diese Werte wirken in der Realität weit beeindruckender als auf dem Papier, denn die Maschine geht sehr leise ans Werk. Mit spürbarem Nachdruck wuchtet der Motor seine Kraft auf die Antriebswellen, schon bei etwa 1700/min setzt er nach einer sehr kurzen Pause zum Atemholen mit agiler Kraftentfaltung ein.
Vier Ventile arbeiten in jedem Brennraum, reibungsoptimierte Kipphebel sorgen für den seidigen Lauf der Dieselmaschine. Sie ist sehr drehfreudig, und in Verbindung mit den fein abgestimmten Übersetzungsstufen des äußerst exakt zu schaltenden Sechsganggetriebes entwickelt der FR-V Eigenschaften, die in der Welt der Selbstzünder-Minivans bisher selten waren. Zwischenspurts beim Überholen auf der Landstraße absolviert der Honda mit Begeisterung, Tempohatz auf der Autobahn führt keineswegs zu exorbitantem Treibstoffbedarf, offenbart aber die Laufruhe der Dieselmaschine. Von ihr ist bei höheren Tempi kaum ein Mucks zu hören, während statt dessen der Fahrtwind, der um die 1,61 Meter hohe Karosserie tost. 7,2 bis 9,3 Liter Diesel für 100 Kilometer verlangte sie, im Durchschnitt 7,9 Liter, kein schlechter Wert für einen Wagen mit rund 1600 Kilogramm Leergewicht und einer Stirnfläche wie ein Kiosk.
Lenkung etwas gefühllos
Der 4,29 Meter lange Fronttriebler vermittelt einen überaus agilen Eindruck. Die Lenkung ist vielleicht ein wenig gefühllos, wenn man in schnell gefahrenen Kurven den Kurs korrigieren muß. Dann schiebt der FR-V ruhig über die Vorderräder und baut überschüssige Geschwindigkeit ab. Gern wird aber dabei das Heck leicht, ein kleiner gegenlenkender Dreh am Volant ist dann nötig, um den Honda in der Spur zu halten. Beim vollen Herausbeschleunigen aus der Kurve sind in der Lenkung von den zerrenden Vorderrädern deutliche Antriebseinflüsse zu spüren. Die Seitenneigung der Karosserie in Kurven ist gut zu spüren, aber noch erträglich, trotz der eher straff ausgelegten Federung bietet der FR-V anständigen Fahrkomfort.
Der Innenraum birgt allerlei Ungewohntes. Der Lautstärkeregler der Audio-Anlage findet sich am rechten Ende des mit einem Navigationssystem kombinierten Radios, weit entfernt vom Fahrer und vermutlich ein Hinweis auf den Linksverkehr in Japan. Immerhin gibt es am Lenkrad Tasten zur Fernbedienung der Lautstärke. Der serienmäßige Bordcomputer muß mit dem kleinen Rückstellknopf am Instrumententräger kommandiert werden, was umständlich ist. Und Ablagen sind im FR-V nicht allzu reichlich verteilt. Zu schmale Türtaschen können mit einer Schublade unter dem mittleren Sitz kaum entschuldigt werden. Besser geht der Honda beim Transport ans Werk. Selbst bei voller Besetzung gibt es im Kofferraum 439 Liter Raum für Gepäck. Wenn die hinteren Sitze samt Lehne nach vorn umgelegt werden, steigt das Volumen auf 1600 Liter. Der Laderaumboden, unter dem ein vollwertiges Reserverad wartet, wird dabei topfeben und ist mit vier Ösen zum Sichern der Ladung ausgerüstet.
Diesel mit Komfort
Die Spitzenausstattung Executive hat außer der Serienausstattung (CD-Radio, Klimaautomatik, Tempomat, fernbediente Zentralverriegelung) beheizte Sitze vorn, ein Schiebedach, ein verbessertes Audio-System mit CD-Wechsler sowie einen Regensensor und elektrisch einklappbare Außenspiegel. Für Sicherheit sorgen Front- und Kopf-Airbags vorn und hinten, ESP und Bremsassistent.
Wer die Prüfung in Hogwards mit Auszeichnung ablegt, darf sich eine Lederausstattung wünschen. Die gibt es für 1450 Euro extra. Ohne Aufpreis hat der FR-V 2.2 CDTi eine Art der Kultur an Bord, die man von Honda so rasch nicht erwartet hätte. Die Marke ist berühmt für ihre hochdrehenden Benziner, einen Diesel mit diesen Komfortqualitäten hat man lange Zeit vergebens gesucht.
Text: F.A.Z., 15.11.2005, Nr. 266 / Seite T4
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