Von Michael Kirchberger
12. Oktober 2005 In der oberen Mittel- und der Oberklasse ist die italienische Marke Fiat nicht heimisch geworden. Die große Limousine mit üppiger Motorisierung war noch nie der Kern der Marke. Daran konnten schöne Versuche (Typ 130) ebenso wenig ändern wie schreckliche Verirrungen (Typ Argenta). Das mag nur den wundern, der noch nie die quirlige Enge der Dörfer und Städte auf dem Stiefel des europäischen Kontinents erlebt hat. Da wuseln Pandas und Puntos umher, daß es eine wahre Freude ist, und selbst jene Männer, die kein Hehl aus üppiger Brustbehaarung und der Liebe zum güldenen Schmuck an Hals und Handgelenk machen, steigen nach ihren Streifzügen in den Kleinwagen italienischer Provenienz. Zumindest, wenn ihnen die Mittel für einen Alfa Romeo oder einen anderen sportlicheren Wagen fehlen.
Aber nun meldet sich Fiat in der Mittelklasse nach langer Abstinenz wieder zu Wort. Elf Jahre nach dem Abschied des von 1985 an gebauten Vorgängers gleichen Namens kommt der neue Croma, 4,76 Meter lang und mit bis zu 147 kW (200 PS) motorisiert. Er trägt die Hoffnung der Marke auf eine bessere Zukunft und ein vom Couturier Giugiaro geschneidertes Kleid. 23.950 Euro kostet die gut ausgestattete Version Emotion mit einem 108 kW (147 PS) leistenden Vierzylinder-Benziner, der Auftritt des neuen Fiat ist freilich weit entfernt vom Spektakulären. Mit weichen Linien und einer Karosserieform, die zwischen Kombi und Schrägheck siedelt, fällt er eher wegen seiner Größe auf. Die ist ungewohnt unter dem Zeichen der italienischen Marke. Das Raumangebot innen ist erwartungsgemäß gut. Vorn sitzt man auf breiten Lederpolstern mit halbwegs guter Seitenführung ganz anständig, hinten bleibt genügend Platz für Kopf und Knie, selbst zu dritt sind mittlere Fahrtstrecken noch bequem zu bewältigen. Das Umklappen der Lehnen im Fond vergrößert den Kofferraum von 500 auf bis zu 1610 Liter, unter dem beinahe ebenen Ladeboden findet sich eine weitere Stauebene. Darunter liegt ein Reserverad mit Notlaufeigenschaften, Ösen zum Sichern des Gepäcks sind serienmäßig vorhanden, ein gepäcksicherndes Netz dagegen kostet 50 Euro Aufpreis.

Funktionales Cockpit
Die Sitze vorn lassen sich fein justieren, Sitzriesen und Stehzwerge finden gleichermaßen eine passende Position, zumal das Lenkrad axial und horizontal verstellt werden kann. Das Armaturenbrett gefällt mit einer angenehmen und griffsympathischen Narbung, Holzeinlagen an der Mittelkonsole und in den Türverkleidungen geben dem Croma Glanz im Innenraum. Hübsch angerichtet sind die Rundinstrumente mit einfach und schnell ablesbaren Skalen. Die Bedienungselemente und Anzeigen sind frei von Irritationen, alles findet sich an gut erreichbarer Stelle und läßt sich klar seiner Funktion zuordnen. Ein Navigationssystem mit Farbmonitor in der Mittelkonsole (2400 Euro) kann mit Tasten am lederbezogenen Lenkrad gesteuert werden (150 Euro Aufpreis), auch die Audioanlage (mit CD- und MP3-Spieler 120 Euro extra) läßt sich so kontrollieren. Die Ablagen in den Türen sind etwas schmal geraten, dafür finden sich links unterhalb des Lenkrads und in der Mittelkonsole weitere Fächer, und unter den vorderen Sitzen gibt es Schubladen mit wasserfestem Boden. Sie empfehlen sich als Platz für die Joggingschuhe nach dem Lauf durch den Regenwald. Die feine Auslegeware im Kofferraum wäre für schmutziges Sportgerät viel zu schade. Eine lange nicht gesehene Reminiszenz an den Raucher ist der in der Beifahrertür untergebrachte zweite Aschenbecher im Fiat. Möglich, daß hier dem Qualmverbot in italienischen Bars und Ristorante begegnet wird.
Das Zündschloß finden wir auf dem Getriebetunnel statt am Armaturenbrett. Das stört nicht, bringt aber auch keine erkennbaren Vorteile und erinnert allenfalls an die vergangene Liaison zwischen Fiat und GM; auch bei Saab wird der Motor von dieser Stelle aus gestartet.
Unzeitgemäßer Verbrauch
Im Croma springt die 2,2-Liter-Maschine flink an und schnurrt mit akustischer Behutsamkeit los. Wer nach dem Einlegen des ersten von fünf Gängen jedoch eine ebenso flotte Beschleunigung erwartet, wird enttäuscht. Trotz seiner nominal hohen Leistung und mehr als zwei Liter Hubraum wirkt der Vierzylinder träge und läßt eine Agilität vermittelnde Präsenz vermissen. Schuld daran ist nicht zuletzt die "lange" Getriebeübersetzung, die den Spritverbrauch reduzieren soll. Wer jedoch zügig vorankommen möchte, muß öfter zum Schalthebel greifen und den mit vier Ventilen je Brennraum arbeitenden Motor bei Laune halten. Die erhöhte Drehzahl wirkt sich entsprechend ungünstig auf den Treibstoffkonsum aus. Mit weniger als 8,4 Liter Superbenzin auf 100 Kilometer waren wir trotz des ausgeprägten Willens zum Sparen nicht unterwegs, um auf den Spitzenwert von 10,1 Liter zu kommen, bedurfte es dagegen keiner Anstrengung. Ein Gesamtdurchschnitt von 9,2 Liter ist nicht eben zeitgemäß, obendrein reduziert der 62 Liter fassende Tank die Reichweite. Der 1,9-Liter-Dieselmotor mit 110 kW (150 PS) empfiehlt sich als die bessere Variante, treibt den Kaufpreis allerdings um 2350 Euro nach oben.
Ungenaue Schaltung
Die Schaltung arbeitet etwas ungenau, der knappe Hebel rastet nur vage definiert in die gewünschte Position. Sein mit Holz verzierter Knauf verstärkt diesen Eindruck obendrein, denn gern rutscht die Hand auf der polierten Fläche ab. Feiner ist die Dosierbarkeit der Bremsen gelungen. Ein klarer Druckpunkt erlaubt mitfahrerfreundliches, weil ruckfreies Verzögern, notfalls packen die Bremsbacken kräftig und mit guter Ausdauer zu.
Hoher Fahrkomfort
Ausgezeichnet schneidet der Croma in Sachen Komfort ab. Eine sehr angenehme Federung, die Querfugen und Wellen mühelos flachbügelt, macht den Viertürer zum feinen Reisewagen. Polster mit angemessener Härte stützen den Rücken und dämpfen dennoch jenen kleinen Rest der Schwingungen, die einen Schleichweg an den Federn vorbei finden. Unterhaltung mit den Passagieren ist selbst bei hohem Tempo mühelos möglich, der Croma erfreut mit sehr geringen Wind- und Abrollgeräuschen. Der Motor bewahrt seinen Flüsterton bei hohen Drehzahlen und kann so einiges an Sympathie zurückgewinnen. Die Karosserie findet trotz der weichen Abstimmung aufrecht den Weg um die Kurven, ihre Seitenneigung ist gering. Das bringt dem frontgetriebenen Fiat gute Fahrstabilität und Spurtreue. Zielgenau lassen sich die Biegungen mit der elektrohydraulisch unterstützten Lenkung ansteuern, stoisch zieht er seine Bahn und erlaubt hohe Kurvengeschwindigkeiten, ohne daß die neutralen Eigenschaften verlorengingen. Leichtes Untersteuern ist die Regel, ebenso die Abwesenheit von ausgeprägten Lastwechselreaktionen. Das ESP setzt im Grenzbereich sanft ein und bringt den Wagen im Zweifelsfall auf den rechten Weg zurück.
Umfangreiche Sicherheitsausstattung
Die Sicherheitsausstattung des Croma ist nahezu vollständig. Front-, Seiten- und Kopfairbags vorn sind serienmäßig, für den Fahrer steht zudem ein Luftsack bereit, der die Knie abfedern soll. Extra bezahlt (280 Euro) werden müssen jedoch die Kopfairbags für die Mitfahrer im Fond. Dreipunkt-Automatikgurte sichern die Reisenden auf allen Plätzen, die hinteren Kopfstützen sind allerdings etwas knapp bemessen. Hier wurde an der falschen Stelle gespart, denn es leidet nicht nur die Sicherheit, sondern auch der Komfort, da die schlanken Kissen keineswegs zum Anlehnen einladen. Der Blick zurück ist aufgrund der flachen Heckscheibe ohnehin schon eingeschränkt, die Bestellung der Parkhilfen hinten für 320 Euro sei angeraten. Die Klimaanlage kann für Fahrer und Beifahrer separat eingestellt werden. Einen Tempomat bringt die Ausstattungsversion Emotion ebenso mit wie Leichtmetallräder im 17-Zoll-Format. Die Lederausstattung schließlich kostet 1500 Euro und treibt gemeinsam mit den anderen sinnvollen Extras den Croma-Preis in die Nähe von 30.000 Euro.
Aber dafür gibt es dann auch ein gutes Stück Auto, bei dem Qualität und Verarbeitung sich entgegen aller üblen Nachrede über die Marke auf sehr hohem Niveau bewegen.
Nächste Woche: Daihatsu Sirion; weitere Artikel unter www.faz.net/Fahrtberichte
Text: F.A.Z., 11.10.2005, Nr. 236 / Seite T3
Bildmaterial: F.A.Z.