Von Boris Schmidt
25. März 2003 Audi ist oben. Bei der dritten Generation der Oberklasselimousine A8 (den V8 mitgerechnet) stellt kaum noch jemand die Daseinsberechtigung eines großen Audi in Frage. So kann der optische Auftritt des neuen A8 auch mit gestiegenem Selbstbewußtsein erklärt werden, das neue Blechkleid zeigt weniger Understatement, das Auto kommt wuchtig und bullig auf riesigen 17-Zoll-Rädern daher. Von der Seite betrachtet bleibt dennoch eine sportliche, fast coupéhafte Linie, kurz und knapp: Der Audi steht gut da.
Nur zwei Ottomotoren gibt es zur Wahl, ein dicker V8-Diesel mit vier Liter Hubraum wird in Bälde nachgeschoben. Der kleinere Benziner hat 3,7 Liter Hubraum und bietet 206 kW (280 PS). Wir wollten nicht ganz so bescheiden sein und haben uns mit dem V8, der einen halben Liter mehr einschenkt, beschäftigt. Mit einem Grundpreis von 72.500 Euro ist er genau 6.100 Euro teurer als der 3,7, der ebenfalls ein V8 und ein "quattro" ist.

Angenehmes Wissen um reichlich Leistung
4,2 Liter Hubraum und reichlich PS (genau 335, macht 234 kW) lassen einiges erwarten, und niemand wird enttäuscht. Der große Motor erweist sich als sehr drehfreudig (bis 7.000 Umdrehungen in der Minute), dazu beschleunigt der schwere Alu-Audi nach einem beherzten Druck aufs Gaspedal mit nahezu spielerischer Leichtigkeit kraftvoll, jedoch nicht brachial. Selbst bei vollem Leistungseinsatz vernimmt die Besatzung nur ein empörtes Fauchen aus dem Maschinenraum. Schneller als 210 km/h wurde wegen der Winterreifen jedoch nicht gefahren. Daß der A8 abgeregelte 250 km/h erreichen kann, steht außer Frage. Doch in der Oberklasse kommt es nicht so sehr auf die absolute Leistung an, sondern auf das Wissen, sie zu haben. Und der Audi gibt einem das gute Gefühl, jederzeit über genug Drehmoment zu verfügen. Fährt man zurückhaltend, säuselt die Maschine nur.
Am guten Gesamtbild der Motorcharakteristik hat die Sechsstufen-Automatik einen großen Anteil. Sie schaltet sanft, weich und kaum merklich, solange man nicht im Sportprogramm fährt. In diesem Modus verliert der A8 viel von seiner Souveränität: Die Stufenwechsel werden deutlicher spürbar, das Drehzahlniveau steigt, gleichzeitig verzögert der Wagen nach dem Gaswegnehmen stärker, das Fahren wird hektischer und ist nicht mehr der Klasse des Wagens angemessen.
Wir sind fast nur mit dem normalen, aber feinen Automatikprogramm gefahren, das selbst auf der Landstraße im hügeligen Gelände immer den besten Gang findet. Wer arbeiten will, kann selbstverständlich manuell mit Wippen am Lenkrad schalten. Fehlbedienungen sind nicht möglich, bei Kickdown wird ohne Zutun des Fahrers zurückgeschaltet, ebenso beim Stopp vor der Ampel.
Wenig Freude konnte der Federungs- und Abrollkomfort des großen Audi bereiten. Vielleicht erwartet man ja zuviel, aber das erhoffte schwebende Dahingleiten kann der A8 nicht bieten. Selbst wenn man für die Luftfederung "comfort" wählt (es gibt außerdem "automatic", "dynamic" und "lift" für schlechte Straßen), bleibt der große Audi eine sportlich-straff abgestimmte Limousine. Ein Glanzlicht setzt jedoch das forcierte Fahren auf kurvigen Strecken. Dabei vermittelt die Lenkung jederzeit einen guten Kontakt zur Straße, der A8 reagiert feinfühlig auf den kleinsten Dreh am Volant, und er pfeift um Biegungen, als wäre er ein A3. Der Allradantrieb sorgt in Kurven für eine fast schon beängstigende Neutralität. Das Auto kann viel mehr, als sich die meisten Fahrer zutrauen. ESP (abschaltbar) ist natürlich an Bord, die vorzüglichen Bremsen halten höchsten Belastungen stand und realisieren kürzeste Anhaltewege. Die Bremskraft wird elektronisch verstärkt, das ABS arbeitet mit sanften Impulsen, hier hilft neueste Elektronik.
Zu viel finanzieller Spielraum nach oben hin
Wie alle modernen Autos ist der A8 vollgepackt damit. Das Bediensystem MMI, mit dem der Fahrer über einen Drehknopf und weitere Bedienfelder in der Mittelkonsole die Navigation, das Radio, das Telefon sowie Heizung und Belüftung regulieren oder die Bedienungsanleitung auf den dazugehörigen Monitor zaubern kann, gilt zur Zeit als Maßstab in der Oberklasse, das geben selbst die Software-Ingenieure der Marke mit dem Stern zu. Wir werden uns dem System noch in einem gesonderten Artikel widmen. Das Schöne an MMI ist, daß es sich in weiten Teilen selbst erklärt. Wer des Monitors überdrüssig ist, kann ihn wegklappen. Er verschwindet im Armaturenbrett, als wäre er nie dagewesen. Das Armaturenbrett wie die gesamte Innenraumgestaltung des Audi versuchen eine Gratwanderung zwischen Luxus und kühler Sachlichkeit, die nicht immer gelingt. Schön sind die umlaufenden Holz-Intarsien, dagegen wirken die vier Rundinstrumente in ihren tiefen Höhlen viel zu nüchtern, das Informationsfeld für Navigation und Bordcomputer zwischen Tacho und Drehzahlmesser mit der digitalen Darstellung der Zahlen ist ein Fremdkörper. Wozu gibt es denn den Monitor rechts vom Lenkrad? Leider kann der die Aufpreisliste nicht zeigen (Internet ist vorgesehen, aber noch nicht realisiert). Preislich bleibt nach oben viel zuviel Spielraum, unser Wagen war trotz 23.272 zusätzlich investierter Euros nicht komplett. Unbedingt bräuchte man zum Beispiel das "acoustic parking system" für 700 Euro. Ein großes Manko dieses Audi ist nämlich seine Unübersichtlichkeit, man kann nur ahnen, wo die Karosserie endet. Zudem verzerrt die sehr schräg stehende Heckscheibe den Rückblick. Und ist ein automatisch schließender Kofferraumdeckel Luxus? Für 500 Euro kann man ihn kaufen.
Mit 500 Liter Fassungsvermögen ist der Kofferraum für vier Passagiere ausreichend groß. Bei fünfen fühlt sich einer wie das fünfte Rad am Wagen, nämlich deplaziert. Die Fondbank ist in der Mitte sehr hart und erhöht, ins Kreuz drückt unnachgiebig die eingeklappte Armlehne, es stört der Mitteltunnel. Dieser Sitzplatz ist ein Notbehelf, trotz Kopfstütze und Drei-Punkt-Gurt. Aber auf den Außenpositionen sitzt es sich gut, es mangelt etwas an Knieraum, vor allem dann, wenn vorn Riesen sitzen. Pluspunkte gibt es für die voll versenkbaren Seitenscheiben und die separate Klimatisierung für den Fond.
Ausbaufähige aber ernstzunehmende Konkurrenz
Noch besser als die Hinterbänkler sitzen im A8 Fahrer und Beifahrer, besonders dann, wenn für 1.890 Euro Sportsitze geordert wurden. Sie erweisen sich auf langen Strecken als sehr bequem, nur bieten sie so viele (elektrisch betätigte) Verstellmöglichkeiten, daß man zunächst nicht weiß, wie man sitzen soll. Im Aufpreis inbegriffen ist jeweils ein Sitz-Memory mit vier Positionen. Über die lange Aufpreisliste kann man geteilter Meinung sein, aber sollte ein Navigationssystem (2.100 Euro) in der Oberklasse mittlerweile nicht Standard sein? Und ein Radio zu spendieren, aber für die CD-Möglichkeit 750 Euro zu verlangen, ist kleinlich. Nicht kleinlich war Audi bei den Ablagemöglichkeiten. In den Türen sind Fächer, ebenso in der Mittelkonsole und in der Armlehne der Fondbank. Auch das Handschuhfach hat eine passable Größe. Becherhalter gibt es ebenfalls, vorn und hinten je zwei. Und peinlich genau wurde auf die Qualität geachtet. Verarbeitungsmängel gab es nicht, nur ein Klappern aus dem Bereich der Fahrertür ist zu vermelden, doch das verschwand nach einigen Tagen von selbst.
Audi hat bis auf Ausstattungs-Details an nichts gespart, selbst beim Tanken werden zwei Möglichkeiten geboten: Super oder Super Plus. Der Motor verträgt beides, eine Leistungseinbuße ist bei Super nicht zu spüren, rein rechnerisch aber vorhanden. Wir kamen im Schnitt mit 12,6 Liter Super auf 100 Kilometer aus. Das ist in Anbetracht der Motorleistung kein schlechter Wert.
Mit diesem neuen A8 ist BMW und Mercedes-Benz ein ernsthafter Konkurrent erwachsen. Vor 15 Jahren haben die etablierten Marken über das klobige V8-Modell gelacht, heute sehen sich die Stuttgarter gezwungen, ihrerseits Allradantrieb für die S-Klasse zu bieten. Wir haben es schon immer gewußt: Konkurrenz belebt das Geschäft. Allerdings hat der Audi A8 noch nicht eindeutig seine Position gefunden. Er muß entweder noch sportlicher oder noch kultivierter werden.
Daten und Meßwerte
Empfohlener Preis 72 500 Euro,
Preis des Testwagens 95 772 Euro
V-Achtzylindermotor, fünf Ventile je Zylinder, 4172 Kubikzentimeter
Hubraum
Leistung 246 kW (335 PS) bei 6500/min
Höchstes Drehmoment 430 Nm bei 3500/min, 90 Prozent davon ab 2500 bis
5700/min
Erfüllt Euro 4
Sechsstufen-Automatik, hydraulischer Drehmomentwandler
Permanenter Allradantrieb
Länge/Breite/Höhe 5,05/1,89/1,62 Meter
Radstand 2,94, Wendekreis 12,1 Meter
Leergewicht 1780 (tatsächlich 1830), zulässiges Gesamtgewicht 2380,
Anhängelast 2300 Kilogramm; Kofferraum 500 Liter
Reifengröße 235/55 R 1799Y
Höchstgeschwindigkeit 250 km/h
Von 0 auf 100 km/h in 6,5 s
Verbrauch 11,1 bis 14,1, im Schnitt 12,6 Liter Super je 100 km;
Tankinhalt
90 Liter
Versicherungs-Typkl. HP 23, TK 40, VK 32
Kosten je km (bei 20 000 km/Jahr) 0,67 Euro
Text: 25. März 2003, Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bildmaterial: AP, Audi AG, dpa, F.A.Z.