Fahrtberichte

Fahrtbericht VW Passat 2.0 TDI Highline

Noch nie wehte dieser Wind eleganter

Von Boris Schmidt

13. Juli 2005 Zusammen mit dem Golf ist der Passat Volkswagens wichtigstes aktuelles Automodell - und das mit der längsten Tradition (seit 1973). Während der ein Jahr jüngere Golf als Nachfolger des Käfers trotz der gestiegenen Preise immer noch Deutschlands Auto Nummer 1 ist und damit von einer gewissen Eigendynamik gut leben kann, muß sich der Passat in der Mittelklasse gegen eine viel stärkere Konkurrenz behaupten. Hier gilt es noch mehr zu zeigen, was man kann. Spielt VW mittlerweile tatsächlich in einer Liga mit Audi, Benz und BMW, so wie es Vorturner und Vordenker Ferdinand Piech einst haben wollte?

Vom optischen Auftritt her ist das sicher der Fall. Die sechste Generation des Passat ist mit einer Länge von 4,77 Meter größer als je zuvor, mit reichlich Chrom an Front und Seite (je nach Ausstattungslinie), einer gelungenen Designführung und den auffälligen LED-Rückleuchten nebst zusätzlichen Blinkern in den Außenspiegeln zeigt der Passat deutlich, wo er sich eingeordnet sehen will - ziemlich weit oben.

Komfort und Platz im Innenraum

Eine erste Sicht- und Sitzkontrolle bestätigt diesen Eindruck. Fahrer und Beifahrer kommen sehr gut unter, die Türen schwingen weit auf, der Einstieg ist bequem, auch auf den hinteren Plätzen. Dort ist Beinfreiheit in Hülle und Fülle, selbst wenn vorne große Menschen Platz genommen haben. Auch die Kopffreiheit ist gut ausreichend. Bemängeln kann man, daß die hinteren Seitenscheiben nicht vollständig nach unten fahren und daß der Mittelplatz auf der Rückbank wie fast immer bei neuen Limousinen nicht viel mehr als ein Notbehelf ist: Die Bänke werden überall als Zweier-Möbel konturiert, in der Mitte sitzt man erhöht, härter und hat auch noch die hochgeklappte Armlehne im Kreuz. Unter dem schmucken Heck verbirgt sich schließlich ein Kofferraum, der nicht nur per Fernbedienung zu öffnen ist - der Deckel schwingt wie von Zauberhand geführt nach oben -, mit einem Fassungsvermögen von 485 Liter ist er auch sehr groß, vor allem wenn man die Reserve von weiteren 80 Liter bedenkt, die im Boden wartet, falls man sich mit Reifendichtmittel als Notbehelf zufriedengibt. Ein richtiges (Stahl-)Ersatzrad kostet 51 Euro Aufpreis. Praktisch sind die offenen Fächer links und rechts im Kofferraum sowie der herausklappbare Haken, an dem Tüten aufgehängt werden können. Sollte der Kofferraum nicht groß genug sein, gibt es auch eine Durchlademöglichkeit; die Rückbanklehne ist asymmetrisch geteilt, nach dem einfach zu bewerkstelligenden Umlegen entsteht eine beinahe ebene Ladefläche.

Sauberer Motorraum

Schnell noch ein Blick unter die Motorhaube: Auch hier ist alles fein angerichtet, und die wenigen Dinge, an die man noch selbst Hand anlegen kann, sind schnell zu finden. Daß die schwere Haube von einem Gasdruckheber gehalten wird, registrieren wir wohlwollend. Sie hebt sich in diesem Fall über einem Zweiliter-Turbodieselmotor mit Pumpe-Düse-Einspritzung. Es ist einer von zwei Selbstzündern, die VW zur Zeit für den Passat anbieten kann, mit 103 kW (140 PS) ist man sehr gut bedient, nur schade, daß ein Partikelfilter 565 Euro Aufpreis kostet. Wenigstens ist er lieferbar, das ist nicht bei allen VW-Dieselmotoren so.

Kraftvoll, sparsam und leise

Wir kennen diesen neuen Motor schon aus dem Skoda Octavia Combi (F.A.Z. vom 14.Juni), und wir waren auch beim zweiten Mal reichlich hellauf begeistert. Zwar wirkt er im Passat eine Spur träger als im leichteren Octavia, dennoch hält er beinahe jederzeit genügend Kraft parat, um mit dem VW zügig unterwegs zu sein. Überfordert ist der Motor erst, wenn er im 6.Gang von 50 km/h an beschleunigen soll. Bei dieser obligatorischen Testwagen-Übung braucht er viel Anlauf, um von weniger als 1000 Umdrehungen in der Minute die nötigen 1500/min zu erreichen. Von da an schiebt der Turbo gewaltig, doch 22,2 Sekunden vergehen, bis die 100 km/h passiert sind. Der 6.Gang ist als Schongang ausgelegt, auf der Autobahn liegen bei Tacho 140 nur 2600/min an, bei Höchstgeschwindigkeit (gut 205 km/h) sind es knapp 4000/min.

Noch mehr Spaß macht die Kraft des Motors, weil sie mit einem vorbildlich zivilen Umgang mit Kraftstoff verknüpft ist. Nur 7,8 Liter Dieselöl benötigten wir im Schnitt auf 100 Kilometer, wer es richtig gemütlich angehen läßt, kommt auf langen Strecken sogar mit 6,9 Liter auf 100 Kilometer aus. Im übrigen überzeugt der Motor mit einer zurückhaltenden Lärmentwicklung, allerdings gab es hin und wieder beim Beschleunigen aus niederen Drehzahlen kleine "Aussetzer", was aber sicher ein individuelles Problem war.

Sicheres Fahrverhalten

Keinerlei Aussetzer leistet sich der Passat in Sachen Fahrverhalten. Hier paßt wirklich alles. Die Servolenkung ist sehr feinfühlig und vermittelt einen direkten Kontakt zur Straße, auch schnelle Kurven mit schlechten Fahrbahnbelägen nehmen dem Passat nicht den Wind aus den Segeln. Bis in den Grenzbereich bleibt der VW neutral, dann hat man noch ESP, das relativ sanft eingreift. Die Bremsen packen fest zu und ermüden nicht.

Hartes Fahrwerk

Was besser sein könnte, ist der Federungskomfort. Hier ist der Passat eher auf der straffen Seite, der Wagen rollt sehr hart ab. Ein Sportfahrwerk (260 Euro Aufpreis) sollte man nicht blind bestellen, sondern ausprobieren, ob der Federungskomfort noch akzeptabel ist. Apropos Aufpreise. Auch hier hat sich VW dem großen Vorbild aus Stuttgart angepaßt. Es gibt mehrere Ausstattungslinien (Trend-, Sport-, Comfort- und Highline), dazu reichlich Nettigkeiten aus der Aufpreisliste. Mit Highline ist der Käufer auf der noblen Seite, die Grundausstattung ist dann sehr umfangreich (Klimaautomatik und vieles mehr), auch Sportsitze in Alcantara/Leder und ein Holzlenkrad sind dann serienmäßig. Zugegeben, alles wirkt sehr gut verarbeitet, die Holzeinlagen im Armaturenbrett schaffen Oberklasse-Flair (bei Highline hat man die Wahl zwischen drei Hölzern oder Aluminium). Das Lenkrad ist schon haptisch ein Genuß. Einfacher ausgestattet wirkt der Passat sofort weniger wertig, den Sitzen fehlen die Seitenwangen, das Holz wirkt billig. Generell zu loben ist die gute Übersichtlichkeit der Rundinstrumente, die Wassertemperaturanzeige ist nicht wegrationalisiert, aber warum schließen der obere Teil der Tafel (Kunststoff) und der mittlere (Holzeindruck) nicht bündig ab? Die dabei entstehende Falte wirft einen Schatten, das ist einfach häßlich. Wiederum zu loben sind die großen Fächer in den Türen und die praktische Mittelarmlehne mit Staufach. Auch die (Higline-)Sitze sind sehr bequem, sie können elektrisch verstellt werden, der Fahrer findet sicher eine optimale Position. Die Farbkombination der Türverkleidung (anthrazit/schwarz) halten wir in diesem Fall nicht für gelungen.

Die Mode der Knöpfe

Gestartet wird der Passat zwar mit einem Schlüssel, aber dieser muß nach dem Einstecken gedrückt werden, somit erliegt auch VW der Startknopf-Mode. Leider kann der Wagen nun nicht mehr per Anlasser ein paar Meter bewegt werden, das stört uns ebenso wie die elektrische Handbremse per Knopfdruck. Sicher, das ist einfach und hat seinen Reiz. Was aber, wenn bei angezogener Bremse die Batterie kollabiert und der Wagen ein paar Meter bewegt werden muß? Die viele Elektronik ist beileibe kein Vorteil. Brauchen kann man sie freilich, um beim Rangieren Herr der Lage zu sein. Der neue Passat ist sehr unübersichtlich, ein Parkpilot für vorne und hinten kostet 495 Euro.

Nach 14 Tagen und fast 4000 Kilometern mit dem neuen Passat bleibt die Gewißheit, daß VW noch nie einen stärkeren Passat in den Konkurrenzkampf geschickt hat. Zusammen mit dem Kombi-Modell Variant, das im August seine Premiere feiert, kommt VW dem angestrebten Aufstieg wieder einen Schritt näher.

Nächste Woche: Suzuki Swift; weitere Artikel unter www.faz.net/Fahrtberichte



Text: F.A.Z., 12.07.2005, Nr. 159 / Seite T3
Bildmaterial: F.A.Z., Volkswagen

 
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