Von Michael Kirchberger
26. März 2008 Der Renault Twingo ist seit jeher ein Sympathieträger. Süß, niedlich und schnuckelig, so herzen ihn seine Freunde. Die zweite Generation hat kaum etwas davon eingebüßt.
Arg verspielt zeigt sie sich sogar im Detail, das ist nicht immer funktionsgerecht. Die hinreichend durchzugsstarke Dieselversion kostet 12.400 Euro und beschert muntere Basismobilität.
Türschlösser sind nagellackschädigend
Weniger ausgeprägt als beim Vorgänger ist die formale Eigenständigkeit. Die Form nimmt Anleihen beim Minivan Modus und dem Clio, der Knick unter dem Fenster in der Heckklappe kostet Kofferraumvolumen. Aber er gefällt, vor allem im Damenkränzchen. Er beschert dem Twingo einen wahrlich knackigen Hintern.
Keine Zustimmung erhalten die Türschlösser in jenen Kreisen, in denen Fingernägel sorgsam gefeilt und lackiert werden. Der hinter dem Blech hervorlugende Hebel mag Sicherheitsanforderungen genügen, erweist sich jedoch in der Praxis als nagellackschädigend.
Der Innenraum macht keinen hochwertigen, aber einen soliden Eindruck. Die Materialien gefallen mit harmonischer Farbabstufung und fassen sich anständig an, die Verarbeitung und die Spaltmaße zwischen den Einbauten signalisieren Liebe zum Detail.
Tacho lenkt vom Straßenverkehr ab
Am Lenkrad sitzt man nur mäßig komfortabel, es lässt sich nur in der Höhe verstellen, liegt aber angenehm griffig in der Hand. Wichtige Instrumente dagegen entziehen sich dem direkten Blick. Auf der Lenksäule thront ein Drehzahlmesser mit übergroßen Zahlen.
Darauf könnten wir verzichten, denn der kleine Diesel macht sich durch drastischen Leistungsabfall bemerkbar, wenn er sich auf die Marke von 3500/min zu bewegt. An seiner Stelle sollte der Tacho positioniert sein.
Den aber haben die Innenraum-Gestalter von Renault auf die Mitte der Armaturentafel verlegt, digital zeigt er die Geschwindigkeit an, das Auge wandert immer nach rechts, weg vom aktuellen Verkehrsgeschehen, wenn das Tempo kontrolliert werden soll. Unter dem Tacho ist die Tankanzeige plaziert, außerdem die Signalleuchten für Blinker und Fernlicht, der momentan gewählte Radiosender wird ebenfalls angezeigt.
Der Rücken schmerzt auf den Sitzen
Die vorderen Sitze überzeugen nicht. Auf längeren Strecken beginnt der Rücken bald zu schmerzen, weich und konkav ist die Lehne geformt. Seitenhalt wird nur unzulänglich geboten, schnelle Kurven machen wenig Freude.
Der Einstieg nach hinten ist nicht einfach. Die breiten Türen öffnen zwar weit - sofern die Parksituation genügend Platz bietet - und machen den Weg frei, die Vordersitze sind weniger kooperationsbereit, der Zugang nach hinten ist sehr unbequem. Als Familienauto, in dem der Nachwuchs auf der Rückbank festgeschnallt wird, eignet sich Renaults Kleinster nur für motorisch Begabte.
Platz für zwei große Einkaufstaschen
Ohnehin folgt die Form des Twingo nicht immer der Funktion. Das Volumen des schlanken Kofferraums reicht gerade, um zwei große Einkaufstaschen zu verstauen. Alles darüber Hinausgehende zwingt dazu, zumindest einen der beiden Rücksitze umzuklappen.
Das geht zwar leicht, wenn man es bei den Lehnen belässt, aber den kompletten Sessel samt Sitzfläche in die Vertikale zu befördern ist nur mit einem gewissen Kraftaufwand möglich. Außerdem müssen die Sitze von Fahrer und Beifahrer dafür weit nach vorn geschoben werden, nicht jeder Chauffeur fühlt sich dann am Volant noch wohl.
Der Beifahrersitz als Picknicktisch
Zumindest lassen sich die Fondplätze ebenfalls auf verschiebbaren Konsolen bewegen, die Variationsmöglichkeit liegt bei stattlichen 22 Zentimeter, und so finden die Rückbänkler ein ordentliches Raumangebot vor, wenn sie denn erst mal dorthin gelangt sind.
Ablagen gibt es in ausreichender Menge; aber die Türtaschen haben eine zu niedrige Einfassung, so dass alles jenseits des A6-Formats in Kurven herausfällt. Beim kleinen Picknick zwischendurch dient die nach vorn geklappte Lehne des Beifahrersitzes als Tisch.
Beachtliche Leistung im Stadtverkehr
Das Fahren im Twingo macht zumindest im Stadtverkehr Freude. Agil und wendig wirkt er, das anständige Drehmoment (160 Newtonmeter bei 1900/min) ermöglicht zügiges Beschleunigen bei niedrigem bis mittlerem Tempo, munter lassen sich die Distanzen zwischen den Kreuzungen überwinden. Schon unter 2000/min legt sich der Diesel ordentlich ins Zeug, was angesichts von nur 1,5 Liter Hubraum eine beachtliche Leistung ist.
Mit seinen 47 kW (64 PS) schafft es der 1050 Kilogramm wiegende Twingo in 14,9 Sekunden von 0 auf 100 km/h, 164 km/h zeigt der Tacho bei Höchstgeschwindigkeit an. Dieses Tempo gefällt dem kleinen Franzosen allerdings gar nicht. Motordröhnen und Windgeräusche zählen noch zu den weniger schmerzlichen Begleiterscheinungen der Expressfahrt, die sich mindernd auf die Reiselust auswirken.
In Autobahnkurven leichtfüßig
In schnellen Autobahnkurven wird der Twingo allzu leichtfüßig und lässt sich nur mit festem Griff auf Kurs halten. Schreiben wir es der Winterbereifung zu, dass die Spurtreue nicht zu den glänzendsten Eigenschaften des Fahrwerks zählt.
Bei geringeren Geschwindigkeiten zeigt er sich dagegen kreuzbrav, neigt zu kontrollierbarem Untersteuern in Kurven und kann mit einem guten Federungskomfort gefallen. Die Lenkung ist beim Rangieren in der Stadt angenehm unterstützt, auf der Landstraße wünschten wir uns jedoch eine Spur mehr an Präzision.
Seltene Besuche an der Zapfsäule
Was beim Gefühl am Volant fehlt, liefert das Getriebe. Seine fünf Gänge schalten sich leicht und genau, die Wege des Hebels sind kurz, und selbst die Abstufungen der Übersetzungen passen wunderbar zur Leistungscharakteristik des Selbstzünders. Dabei lässt sich der Twingo außerhalb der Stadt ohne übermäßige Schaltarbeit bewegen.
Der Verbrauch ist aufgrund des dann drehzahlreduzierten Fahrens sehr maßvoll. Mit 4,5 Liter unterwegs zu sein fordert keine schmerzliche Zurückhaltung, mehr als 7,6 Liter verbrauchte der Vierzylinder selbst unter ungünstigsten Bedingungen nicht. Der Durchschnitt von 5,6 Liter je 100 Kilometer ist ein guter Wert; bei 40 Liter Tankinhalt sind Besuche an der Zapfsäule eher selten.
Hoher Standard bei den Bremsen
Die Bremsen bleiben selbst nach überdurchschnittlicher Herausforderung standfest, das ist bei einem Kleinwagen keineswegs immer der Fall. Außerdem sprechen sie angenehm weich und dennoch mit einem guten Druckpunkt an, hier hat Renault einen hohen Standard vorgelegt.
Dynamique, die dritte der fünf Ausstattungsstufen bietet unter anderem Kopfstützen vorn, die höhenverstellbar sind, elektrisch einstellbare Außenspiegel und sinnvollerweise ein Außenthermometer. Nebelscheinwerfer mit einem Chromrahmen sowie die schwarze Scheinwerfermaske heben sie von den billigeren Versionen optisch ab.
Trendfarben der Saison
Elektrische Fensterheber und eine Zentralverriegelung gibt es beim Twingo bereits im Einstiegsmodell Authentique. Als Optionen finden sich der Licht- und Regensensor für 200 Euro, das luftig-lichte Panoramadach mit Verdunklungsrollos für 850 Euro und ein Tempomat mit Geschwindigkeitsbegrenzer.
Vorhang-Airbags an den Seitenscheiben hat Renault für 380 Euro im Programm, ebenso empfehlenswert ist das Klang- und Klima-Paket für 1250 Euro, das zusätzlich zur Innenraumkühlung ein Radio mit CD-Spieler beschert.
Die modisch orientierten Twingo-Besitzer wird der Aufpreis von 450 Euro für eine Metallic-Lackierung nicht schmerzen. Zumal Renault eine orangeschimmernde Tönung anbietet, die vorzüglich zu den Trendfarben der Saison passt.
Empfohlener Preis 12.400 Euro
Preis des Testwagens 14.850 Euro
Vierzylinder-Dieselmotor mit Common-Rail-Einspritzung, 1461 Kubikzentimeter Hubraum
Leistung 47 kW (64 PS) bei 3750/min
Höchstes Drehmoment 160 Nm bei 1900/min, 90 Prozent davon ab 1800 bis 3400/min
Manuelles Fünfganggetriebe (Automatik nicht lieferbar)
Antrieb auf die Vorderräder
Länge/Breite/Höhe 3,61/1,67/1,47 Meter
Radstand 2,38, Wendekreis 10,6 Meter
Leergewicht 980 (tatsächlich 1050), zulässiges Gesamtgewicht 1420, Anhängelast 1770 Kilogramm; Kofferraumvolumen 165 bis 285 Liter
Reifengröße 165/65 R 14
Höchstgeschwindigkeit 164 km/h
Von 0 auf 100 km/h in 14,9 s; von 50 auf 100 km/h im 4./5. Gang in 10,7/16,8 s
Verbrauch 4,5 bis 7,8, im Durchschnitt 5,6 Liter Diesel je 100 km; 113 g/km CO2 bei Normverbrauch 4,3 Liter; Tankinhalt 40 Liter
Versicherungs-Typkl. HP 14, TK 15, VK 15
Garantie: Wartungsintervalle alle 30.000 Kilometer oder alle 12 Monate, 12 Jahre Garantie gegen Durchrostung, lebenslange Mobilitätsgarantie
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z., Hersteller
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