Von Michael Kirchberger
02. März 2006 Ein gutes Stück Schweden-Stahl steht da inmitten der verschneiten Landschaft. Leise rieselt der Schnee, die anderen Ski-Touristen montieren die Ketten auf die Räder ihres VW Passat. Ein Winterein- ist jedoch kein Beinbruch, wenn man im großen Volvo unterwegs ist. Der XC90, seit 2003 fährt er auf den Straßen Europas, hat der Marke vor allem in Übersee den Einstieg in die lukrative Klasse der SUV ermöglicht. Jetzt gibt es das mit permanentem Allradantrieb und bis zu sieben Sitzplätzen aufwartende Sport Utility Vehicle mit einem amerikakonformen V8-Motor. Dieser wurde nicht bei der Muttergesellschaft Ford, sondern beim Motorradhersteller Yamaha entwickelt. Er leistet 232 kW (315 PS) aus 4,4 Liter Hubraum und steht in der Spitzenausstattung XC 90 Executive für 68150 Euro zum Kauf bereit.
Der 4,8 Meter lange Volvo wirkt nicht besonders wuchtig. Seine schlanken Linien im Lätta-Design heben ihn eher wohltuend ab von der trutzburgartigen Opulenz seiner Kollegen aus der Geländewagen-Fraktion. Der knappe Überhang mit dem typischen Volvo-Grill läßt kaum vermuten, daß hier ein V8-Triebwerk genügend Raum findet. Es ist kein Trick, aber eine pfiffige ingeniöse Lösung: Der 4,4-Liter-Benziner hockt quer zur Fahrtrichtung im Maschinenhaus, der Zylinderwinkel mißt 60 statt der üblichen 90 Grad. Außerdem schmiegen sich Generator und Anlasser eng an den Aluminiumblock, nur 75 Zentimeter lang ist der Motor und findet deshalb Platz zwischen den Radhäusern des 1,9 Meter breiten XC90. So bleibt jene Deformationszone im Bug erhalten, die für den von der Schweden-Marke zur Unternehmensphilosophie erhobenen Sicherheitsanspruch wichtig ist. Zusätzlich gibt es im XC90 eine Überroll-Kontrolle, die dem gut 2250 Kilo schweren Wagen auch in kritischen Situationen einen aufrechten Gang bewahren soll. ESP, bei Volvo DSTC (Dynamic Stability and Traction Control) genannt, ist in Verbindung mit ABS und Bremsassistenten ebenfalls an Bord, die hohen Fahrleistungen wollen kontrolliert werden.

Wenn der V8 anspringt, kommt das keinem Erdbeben gleich. Er meldet sich eher mit einem zarten Säuseln zu Wort, tourt im Leerlauf kaum vernehmlich und wird akustisch erst dann auffällig, wenn Leistung gefordert wird. Die aber stellt er mit der Wachsam- und Nachdrücklichkeit der Elch-Mutter bereit. Ein leiser Ruck erfolgt beim Einlegen der Automatik-Fahrstufe, der XC90 ruckelt ein wenig in den Startlöchern und sprintet dann mit überraschender Munterkeit los. Nach 7,3 Sekunden huscht die 100-km/h-Marke vorbei, nur wenig mehr Zeit vergeht, bis er Geschwindigkeiten von 160 bis 180 km/h erreicht hat. Die Fortbewegung im staugefährdeten Verkehr der Ballungszentren, wenn Schrittempo mit schnellen Autobahnetappen abwechselt, führt zu Konsumspitzen von 18,2 Liter Superbenzin. Behutsames Rollen durch die Landschaft senkt den Verbrauch erheblich, wird jedoch zur ebenso ehrenhaften wie mühevollen Anstrengung. Unter 10,6 Liter ließ sich der Durst nicht zügeln, ein Mittel von 14,2 Liter für 100 Kilometer war das Ergebnis aus dem Willen zum Sparen und der Freude an Drehmoment und flinkem Zwischenspurt. 80 Liter Tankvolumen sind hierfür beinahe zu knapp bemessen, immerhin gelingt das Auffüllen des Treibstoffbehälters auf Anhieb bis zu seinem maximalen Fassungsvermögen.
Sechsstufiges Automatikgetriebe
Für die Kraftübertragung gibt es im stärksten XC90 ausschließlich ein Automatikgetriebe mit sechs Übersetzungsstufen. Es schaltet ebenso unaufgeregt wie weich und ist mit einer Tiptronic-Funktion ausgestattet, was das Fahren im Gebirge und besonders auf Gefällstrecken erheblich erleichtert. Der Automat selbst wechselt nur zu gern in eine höhere Stufe, wenn der Pfad bergab führt, die Bremswirkung des Motors ginge verloren. Die manuelle Wahl schont die Bremsen, angenehm dabei ist die dennoch geringe Geräuschentwicklung der Maschine im Schubbetrieb.
Wenn die Talsohle durcheilt ist und die nächste Steigung wartet, erfreut der V8 mit seinem üppigen Drehmoment. 440 Newtonmeter liegen als Maximum bei 3900 Umdrehungen in der Minute an, ob leer oder mit der höchstmöglichen Zuladung von noch ausreichenden 535 Kilogramm beschwert, mühelos gewinnt der XC90 schwindelnde Höhen und muß selbst bei widrigen Straßenzuständen nicht passen. Der zuverlässige Helfer hierfür ist der fein gesteuerte Allradantrieb. Grundsätzlich teilt die elektronisch kontrollierte Haldex-Kupplung den Vorderrädern das Gros der Kraft zu. Bei normaler Fahrt fließen bis zu 95 Prozent nach vorn. Erst wenn die Traktion der Räder nachläßt, wird die Hinterachse versorgt, dann ändert sich das Kräfteverhältnis auf 35 Prozent vorn und 65 Prozent hinten. Der Fahrer spürt hiervon nichts, selbst schneeglatte Fahrbahn und 12 Prozent Steigung fordern ihn kaum mehr heraus als eine gemütliche Spazierfahrt auf trockenem Pflaster.
Die Lenkung bleibt allerdings nicht frei von den Einflüssen des Antriebs. Herausbeschleunigen aus engen Kurven fordert einen festeren Griff am angenehmen Volant. In schnelleren Kurvenkombinationen und auf der Geraden reagiert der XC90 beinahe übersensibel. Die zu kräftige Servounterstützung macht den Wagen bei schneller Fahrt leicht nervös, der Geradeauslauf leidet. Auch die Gefahr des Überlenkens ist auf den Anfangs-Kilometern gegeben, erst wenn sich das Gefühl für die Leichtgängigkeit der Lenkung eingestellt hat, wird der XC90 sympathischer.
Besser lassen sich die Bremsen dosieren. Zart teilt das Pedal den Druckpunkt mit, geringfügiges Verzögern ist auf komfortable Weise möglich, im Ernstfall packen die vier Scheibenbremsen mit aller Kraft zu. Beim starken Abbremsen aus hoher Geschwindigkeit bleiben sie bis zum Stillstand des Wagens feinfühlig und akustisch unauffällig. Außergewöhnliche Beanspruchung läßt sie unbeeindruckt.
Stets gutes Sicherheitsgefühl
Das Fahrverhalten des XC90 vermittelt trotz der spürbaren Wankbewegungen der Karosserie stets ein gutes Sicherheitsgefühl. Sanftes Übersteuern und ausbleibende Lastwechselreaktionen machen ihn leicht beherrschbar. Er wirkt flink und agil, das vergleichsweise geringe Motorgewicht von 190 Kilogramm fördert die Munterkeit. Der Federungskomfort ist nicht außergewöhnlich gut, aber akzeptabel.
Alle Türen öffnen mit großem Winkel und erleichtern so den Einstieg. Die Heckklappe ist zweigeteilt, das obere Stück schwingt ohne nennenswerten Anschub weit nach oben. Das untere stört beim Einladen leichter Einkäufe und Gepäckstücke kaum, kann für das Einpacken schwerer Ladung mit einem Handgriff zusätzlich herunterklappen. 1200 Euro Aufpreis kostet die Ausstattung des XC90 mit zwei weiteren Sitzen im Kofferraum. Sie schließen im heruntergeklappten Zustand bündig mit dem Boden ab. Allerdings bieten sie auf längeren Strecken erwachsenen Menschen nur geringen Sitzkomfort, zwar sind sie anständig bemessen und gepolstert, doch werden der knappe Beinraum und das erzwungene starke Anwinkeln der Beine nicht als bequem empfunden. Wirklich hilfreich ist das Transportsystem im Kofferraum, das Haken und Ösen sowie anständige, rutschsichere Ablagen für Einkaufstaschen bietet.
Das Spitzenmodell von Volvo bekommt eine opulente Ausstattung. Sechs Airbags - die seitlichen Luftpolster schützen auch Mitfahrer auf der dritten Sitzreihe -, aktive Kopfstützen und das Überrollschutzsystem gewährleisten Sicherheit, Navigation, eine kräftige Audioanlage, Lederausstattung, Klimaautomatik und Leichtmetallräder im 18-Zoll-Format sorgen für Komfort und Auftritt. Der Mensch, der Vergnügen an Leistung und Traktionsvermögen findet, wird sich mit dem Volvo XC90 V8 schnell anfreunden. Seinen ehrlichen Charakter schätzen wir ohnehin schon seit geraumer Zeit.
Text: F.A.Z., 28.02.2006, Nr. 50 / Seite T3
Bildmaterial: F.A.Z.