Fahrtberichte

Fahrtbericht BMW 335i Coupé

Dieser Motor ist die wahre Wucht

Von Boris Schmidt

08. Dezember 2006 "Schickes Auto. Kann man das Dach wegklappen?" Die hübsche Blonde mit dem VW Polo an der Tankstelle zeigt reges Interesse. "Nein, das geht nicht, manchmal ist auch wirklich Coupé drin, wenn es so aussieht." Endlich, nach anderthalb Jahren, hat BMW vom neuen 3er ein Coupé parat. Das neue tritt mit einer eigenständigeren Linie als das alte an, die Karosserie wartet mit kurzen Überhängen und schönem Schwung auf, und - ganz wichtig - die Rückleuchten sind gelungen und nicht so plump gestylt wie bei der Limousine.

Rund 3000 Euro Aufpreis für zwei Türen weniger akzeptiert der Kunde gern, vor allem, wenn er zu jenem Dreiliter-Sechszylindermotor greift, dem gleich zwei Abgasturbolader zusätzliches Leben einhauchen. Diese Maschine ist brandneu. Um den Unterschied zum Dreiliter-Sauger deutlich zu machen, firmiert sie als 335i.

Spaß an Bärenkräfte des Motors

Daß dabei mehr Hubraum vorgetäuscht wird, verzeihen wir BMW gern. Denn dem Gesamtbild nach fährt sich der Wagen nicht nur wie ein 3,5-Liter, sondern gar wie ein Vierliter, der dazu noch zwei Zylinder mehr hat. Und er hört sich auch ähnlich an. Wie kommt's? Je ein kleiner Turbolader für drei Zylinder nebst Direkteinspritzung und einigen anderen Raffinessen sind das Geheimnis eines wunderbaren Triebwerks, das 306 PS an die Hinterräder schickt und vor allem mit 400 Newtonmeter Drehmoment (schon bei 1300 Umdrehungen je Minute!) beeindruckt. Und ein Turboloch, das beim ersten BMW-Turbo 1973 noch so riesig war wie das Olympia-Gelände, gibt es nicht. Der Motor packt sofort zu, selbst im 6. Gang beschleunigt der 335i formidabel: 10,0 Sekunden für den Spurt von 50 auf 100 km/h sind eine sensationelle Leistung und haben Sportwagenformat, ebenso wie die 5,9 Sekunden, die für den Standardsprint von 0 auf 100 km/h benötigt werden.

Fordert man die Maschine voll, läuft der BMW auf freier Autobahn bei Tacho 260 sanft in einen Drehzahlbegrenzer. Im 6. Gang liegen dann nur 5600/min an. In den kleineren Gängen läßt sich der Motor locker, leicht und scheinbar ohne Anstrengung bis 7000/min hochjubeln, die 260 schafft er auch im 5. Gang, der 4. reicht bis fast 240. Soviel Leistung zur Verfügung zu haben verführt, das geben wir zu. Wer in der Stadt und auf der Landstraße nicht dauernd schneller als erlaubt unterwegs sein will, muß sich disziplinieren und ständig den Tacho im Auge behalten. Es macht einfach zu viel Spaß, die Bärenkräfte des Motors immer wieder zu spüren.

Kotflügel aus Kunststoff

Vom Fahrverhalten her war der 3er-BMW schon immer einer der Besten, wenn nicht der Beste seines Fachs, daran hat sich nichts geändert, wenn man davon absieht, daß die breiten Reifen mit Notlaufeigenschaften (kein Reserverad oder Tirefit an Bord) gern Spurrillen nachlaufen und wohl auch zum mäßigen Fahrkomfort beitragen. Der 335i ist sehr straff gefedert, für viele wird es zu straff sein, was aber auch auf die sportlichere Abstimmung nebst Tieferlegung zurückzuführen ist, die in den übrigen Modellen (außer 335d) 280 Euro Aufpreis kostet. Zudem liegt der Wagen sehr tief, an hohen Bordsteinkanten setzt man schnell auf.

So hart abgestimmt dieser 3er auch ist, auf kurvigen, welligen Sträßchen weiß man das zu schätzen, sobald man etwas forcierter fährt. Unbeirrt zieht das Coupé seine Bahn und bleibt erschreckend lange neutral (ESP wacht, kann aber abgeschaltet werden). Das liegt an der fast perfekten Gewichtsverteilung, die unter anderem dadurch erreicht wird, daß die vorderen Kotflügel aus Kunststoff bestehen. Ganz so leichtfüßig wie frühere Generationen ist der 3er aber nicht mehr, das über die Jahre gestiegene Gewicht (aktive und passive Sicherheitsausstattung, Längenzuwachs) macht sich bemerkbar. Die Lenkung, in unserem Wagen eine aktive (1300 Euro), ist sehr präzise und vermittelt ein gutes Gefühl zum Wagen. Die Bremsen fügen sich nahtlos ins gute Gesamtbild ein.

Durstig wie ein Achtzylinder

Eine große Schwäche hat der 335i aber doch: Bei Nässe ist das Coupé übermotorisiert. Die Leistung kann kaum noch auf die Straße gebracht werden, die Hinterräder drehen bei stärkerem Beschleunigen sofort durch (auch in höheren Gängen). So schnell kann die Elektronik gar nicht regeln, oder sie nimmt immer wieder die Kraft vom Motor weg, weil die Räder keinen Grip bekommen. Ein Allradantrieb würde dieses Problem gewiß lösen, aber für den 335i und den 335d ist er noch nicht zu haben, man bekommt ihn - auch das ist neu - zur Zeit für die übrigen Coupé-Modelle, den 325i (160 kW/218 PS), den 330i (200 kW/272 PS) und den 330d (170 kW/231 PS), für 2500 Euro Aufpreis. 2100 weitere Euro würde eine Sechsgang-Automatik kosten, die man sich aber getrost sparen kann. Das manuelle Getriebe läßt sich wunderbar präzise schalten, die Kupplung hat einen klar definierten Druckpunkt, was will man mehr. Selbstschalten inklusive Kuppeln gehört zum Autofahren einfach dazu, basta.

Nachdem der Motor schon über den grünen Klee gelobt wurde, müssen wir noch auf den Benzinverbrauch zu sprechen kommen. Im Schnitt 11,7 Liter Superbenzin auf 100 Kilometer (BMW empfiehlt das teure Super Plus) sind in Anbetracht der Leistung nicht zuviel, absolut gesehen aber nicht wenig. BMW gibt für den Stadtverkehr gar 14,3 Liter auf 100 Kilometer an. Nicht nur die Leistung entspricht der eines Achtzylinders ...

Reiner Viersitzer

Ja, man muß schon ein entspanntes Verhältnis zum Geld aufweisen, will man den 335i zum Freund haben. Schon der Grundpreis von jetzt noch 43.200 Euro (vom 1. Januar an 44.317,24 Euro) ist üppig, aber die 4700 Euro Differenz zum Basismotor sollten überbrückt werden können. Es lohnt sich bestimmt. In einer monatlichen Leasingrate versteckt, sind das doch nur ein paar Euro.

Die Größe des Coupés entspricht in etwa jener der Limousine. Bei unverändertem Radstand von 2,76 Meter ist das Coupé mit 4,58 Metern sechs Zentimeter länger, 35 Millimeter schmaler und 26 Millimeter niedriger. Es ist als reiner Viersitzer konzipiert. Der Einstieg nach hinten ist so beschwerlich wie bei jedem Zweitürer. Hinten angekommen, schmiegt sich der Fondpassagier in einen der wohlgeformten Sitze, die Beinfreiheit ist akzeptabel, die Kopffreiheit für große Menschen (jenseits von 1,85 Meter) zu knapp.

Sachlich-kühler Look

Leider verzichtet BMW nicht auf eine B-Säule, sondern kaschiert sie nur optisch mit einer mattschwarzen Lackierung. Vor allem im Sommer wäre es ein Gewinn, könnte man alle vier Seitenscheiben herunterlassen. So sind die hinteren Seitenfenster aber leider starr installiert.

Vorn hat BMW alles so angerichtet, wie man es seit Jahren gewöhnt ist. Ein sachlich-kühler Look dominiert, alle Funktionen sind gut zu überschauen, die Verarbeitungsqualität ist auf hohem Niveau. Ärgerlich ist nur, daß sich der Monitor (Navi-System mit Hifi-Anlage 5050 Euro Aufpreis) nicht völlig abschalten läßt, sondern dann immer noch mattschwarz glimmt. Der elektrische Gurtbringer, der den lästigen Griff nach weit hinten erleichtern soll, trifft den Gurt nicht immer, außerdem arbeitet er zu langsam.

Treffpunkt Tankstelle

Sehr bequem sind die vorderen Sportsitze, sie bewährten sich auch auf langen Strecken. Der Kofferraum ist mit 430 Liter Volumen ebenfalls reisetauglich. In allen Versionen sind die Rücksitzbanklehnen asymmetrisch geteilt umlegbar. Langes darf dann bis zu 1,70 Meter messen. Ein Skisack kostet 180 Euro Aufpreis.

Trotz an sich sehr guter Basisausstattung (unter anderem Klimaanlage, Zentralverriegelung, Xenonlicht, elektrisch verstellbare Sitze, sechs Airbags, Aluräder, CD-Radio) offeriert BMW immer noch genügend verführerische Extras, die den Endpreis in jene Region treiben, die zu D-Mark-Zeiten eine sechste Stelle erforderte. Dennoch, das Coupé ist gelungen, stellt die Limousine in den Schatten und ist mit diesem Motor ein verführerisches Angebot. Übertroffen wird das wohl nur vom neuen Cabrio mit Klappdach: Also, Treffpunkt Tankstelle.



Text: F.A.Z., 05.12.2006, Nr. 283 / Seite T3
Bildmaterial: F.A.Z., Hersteller

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