Von Wolfgang Peters
13. August 2003 "Iss dat der Neue?" Der Mann in dem baufälligen XJ6, etwa Baujahr '92, beugt sich beim Stop-and-go auf der Autobahn aus seinem Fenster. "Ihre Vermutung ist korrekt, das ist der neue XJ8 3.5 V8" lautet die wohlbemessene Antwort. "Sieht man gar nicht", wird mit einer gewissen Portion Häme herübergerufen. "Hauptsache ist, wir wissen es", wird der Mann im XJ6 beschieden. Der alte, vom Pflegestau gezeichnete Jaguar hustet beim Anfahren. Unser XJ8 nimmt geschmeidig gleitend und arrogant summend seine Fahrt auf.
In der Tat ist den Jüngern von Jaguar ein Kunststück gelungen: Der neue XJ hat Figur und Flair sowie Charakter und Charisma ohne Verlust an Glaubwürdigkeit in eine neue Form gebracht, also die wirklich besten Eigenschaften des in seiner Grundarchitektur aus dem Herbst 1968 stammenden, jetzt abgelösten XJ übersetzt und in die Moderne übertragen: vielleicht zu direkt, wie manche meinen. Dieser Vorgang und das gesamte Auto tragen noch die Handschrift von Wolfgang Reitzle, dem einstigen Chef der Ford-Luxussparte, zu der auch Jaguar gehört. Hinzugekommen eine gewaltige Portion Fortschritt und mehr High-Tech, als man erwartete.

Eleganter Schmelz
So ist der neue, im Vergleich zum Vorgänger in allen Dimensionen gewachsene XJ nun jene Alternative in der Oberklasse, die sich auf Abstand bedachte Menschen schon immer gewünscht hatten. Keine andere Marke hält nach wie vor in dieser Klarheit jene Eigenschaften bereit, mit denen Jaguar seine eigene Klasse definiert. Seine natürlichen Feinde sind zahlreich, sie kommen von BMW, Mercedes-Benz, von Audi und Cadillac und Lexus, ein neuer XJ muß deshalb mehr sein als verklärte Erinnerung und sentimentale Ergebenheit. Deshalb Alu überall, die Karosserie ist komplett daraus gefertigt, fast alles ist auf Leichtgewicht getrimmt. Trotzdem ist der Typ "schwerer Wagen" spürbar, vorzügliche Crash-Sicherheit, alle elektronischen Segnungen sind an Bord, von ABS bis zur dynamischen Stabilitätskontrolle, vom Bremsassistenten bis zum Entertainment vom Rücksitz aus, Luftfederung und adaptive Fahrwerksregelung und Sechsgang-Automatik von ZF: ein hochmodernes Auto mit dem Schmelz einer Zeit, in der Männer für Frauen noch den Cashmeremantel zum Darüberschreiten in die Pfütze warfen.
Vier Motorversionen gibt es vom XJ, der XJ6 mit 3-Liter-V6 kostet 59.900 Euro, der große V8 mit 4,2 Liter Hubraum ist für 73.500 Euro zu haben, und im Schnittpunkt von Leistung und Preis liegt der von uns ausprobierte 3,5-Liter-V8. Der XJ ist damit sehr auskömmlich motorisiert und dank überaus kompletter Ausstattung im Vergleich zu deutschen Konkurrenzprodukten bis zu 6.000 Euro billiger: Ein Jaguar gewinnt seine Exklusivität nicht aus exorbitantem Preis, sondern aus der Zuneigung seiner Besitzer. Allerdings ist der XJ nicht wirklich billig, mit Navigationssystem (2.820 Euro) und Schiebedach (1.470 Euro) liegt man doch bei 70. 000 Euro. Die Frage nach dem Wiederverkaufswert eines neuen XJ wird sich nicht stellen, man verkauft ihn nicht, sondern bewahrt ihn für die nächste Generation.
Ernstgenommen: Der Komfort
Einem bequemeren Jaguar sind wir noch nie zuvor begegnet: Die Türen öffnen weit, ihre Höhe ist großzügig bemessen, die komfortabel gepolsterten, den Körper gut unterstützenden Sitze liegen nicht zu tief, und für den Fahrer gibt es sofort dieses unvergleichliche Herrenzimmergefühl: Hier darf sich der kultivierte Mensch zu Hause fühlen, im tadellos verarbeiteten und großzügig geschnittenen Innenraum duftet es nach Nobilität, Leder schmeichelt, alles liegt gut zur Hand, die Instrumente sind etwas klein geraten, doch klar gezeichnet, ihre Beleuchtung bei Dunkelheit ist ohne Fehl. Im neuen XJ findet man sich fast auf Anhieb zurecht, die Bedienung gibt keine Rätsel auf, beinahe herrscht klassische Frugalität, aber nur beinahe. Denn Luxus ist natürlich vorhanden, er ist nur nicht aufdringlich, die vorzüglich wirkende Klimatisierung verläuft automatisch, wie denn sonst, fragt der Jaguar-Fahrer. Daß die Briten sich auch um Details kümmern, zeigt die elektrisch verstellbare Pedalerie: Der Fahrer fühlt sich ernstgenommen. In der zweiten Reihe ist reichlich Raum für Knie und Kopf, auf die Nutzung des Mittelplatzes sollte man verzichten, die äußeren Sitze sind prima, der Platz in der Mitte ist das Gegenteil. Der Kofferraum fällt knapp aus, die Rückbank ist nicht variabel, ein Manko, auch in einem Nobelauto.
Weniger gut gefallen haben uns außerdem die starken Windgeräusche schon bei 200 km/h, die träge Reaktion des Scheinwerfersensors, eine Motorhaube, die bei 220 km/h in leichtes Flattern gerät, sowie diverse elektronische Extravaganzen, die bei vollem Tank den Notfall signalisierten oder auf Defekte hinwiesen, die gottlob nicht stattfinden wollten.
Daß der alte Vergleich mit der Katze einen neuen Inhalt hat, spürt man beim Fahren. Die serienmäßige Luftfederung macht aus dem XJ zwar keinen fliegenden Teppich, aber doch einen sensiblen Gleiter. Langwellige Bodenunebenheiten werden zuverlässig absorbiert, grobe Schlaglöcher ausreichend vom Innenraum ferngehalten. Der wiegende Gang des abgelösten Modells wird nicht vermißt. Zumal die feine Federung einhergeht mit hoher Präzision beim Fahren. Darum bemühen sich erfolgreich die aufwendige Radaufhängung und die steife Karosserie; mit geringerem Erfolg ist die Lenkung beteiligt. Sie geht viel zu direkt und besonders bei hohem Tempo zu leichtgängig ans Werk und taugt wenig dazu, dem Fahrer Informationen über jene Dinge zu vermitteln, die sich gerade zwischen Reifen und Rauhasphalt abspielen. Die Direktheit der Lenkung suggeriert auch eine Agilität, die sich auf kurvigen Landstraßen nicht so recht einstellen mag. Hier agiert der Jaguar unerwartet träge, rasche Richtungswechsel akzeptiert er nur mit Widerwillen, und wirklich scharfes Fahren quittiert er mit unangenehmen Bewegungen des Aufbaus. In der Nähe der überaus respektablen Höchstgeschwindigkeit neigt der Wagen zu leichtem Schwimmen um die Längsachse, man kann sich daran gewöhnen. Normaler Beanspruchung sind die Bremsen gewachsen, bei unserer Prüfung wurde der Pedalweg spürbar länger.
Benehmen keine Glücksache beim besten Jaguar der Neuzeit
Der Mythos Jaguar lebt nicht vom Komfort allein. Es war schon immer diese besondere Kombination von Manieren und Muskeln: Der für den neuen Arbeitsplatz aufgerüstete V8 ist von ausreichender Genügsamkeit, eine schöne Maschine mit diesen schmeichelnden und schnurrigen Katzentönen, die man gerne im Ohr hat. Er läuft auch bei hohen Drehzahlen leise, läßt kaum jemals den Wunsch nach noch mehr Leistung aufkommen, könnte höchstens hin und wieder ein Schäufelchen mehr Drehmoment wegen der erwünschten niedertourigen Fahrweise haben und legt seine sonoren Liedbeiträge niemals ab. Er harmoniert in schöner Gelassenheit sehr gut mit der Sechsgangautomatik, die immer die passende Schaltstufe bereithält. Allerdings verfehlt die Antriebseinheit diese Harmonie beim Anfahren: Selbst vorsichtiges Treten des Akzelerators führt sofort zum Kraftschluß und treibt den XJ unerwartet heftig voran. Sanftes Losrollen erfordert mehr Konzentration, als wir eigentlich diesem Vorgang widmen möchten. Daß der Motor derzeit nur Euro 3 erfüllt, scheint eher eine Frage der Kalibrierung zu sein als des Könnens.
Der neue XJ ist der beste Jaguar der Neuzeit. Die Distanz zur Masse kann man hier mit Händen greifen und mit den streichelnden Fingern erfahren. Fortschritt findet unter dem Blech des Autos statt, und in der Brust des Fahrers atmet die Sehnsucht: Man hat dicke Bündel des automobilen Fortschritts geschnürt mit hoher passiver Sicherheit und dem gesamten technischen Brimborium. Aber das weckt keine Emotionen. Diese entstehen aus dem Bewußtsein der Besonderheit von Jaguar. Und wenn es nur der Wappen-Kopf der Katze ist, der die alte Identität prägt.
Daten und Meßwerte
Empfohlener Preis 65 500 Euro Preis des Testwagens 69 400 Euro
Achtzylindermotor, vier Ventile je Zylinder, 3555 Kubikzentimeter Hubraum
Leistung 190 kW (258 PS) bei 6250/min
Höchstes Drehmoment 335 Nm bei 4200/min, 90 Prozent davon ab 1800 bis 5400/min
Erfüllt Euro 3
Automatikgetriebe mit sechs Schaltstufen
Antrieb auf die Hinterräder
Länge/Breite/Höhe 5,09/2,11/1,45 Meter
Radstand 3,03, Wendekreis 11,7 Meter
Leergewicht 1615 (tatsächlich 1642), zulässiges Gesamtgewicht 2200, Anhängelast 1900 Kilogramm; Kofferraumvolumen 470 Liter
Reifengröße 235/55 ZR 18
Höchstgeschwindigkeit 244 km/h
Von 0 auf 100 km/h in 7,8 s
Verbrauch 12,6 bis 14,7, im Durchschnitt 13,6 Liter Superbenzin je 100 km; Tankinhalt 85 Liter
Versicherungs-Typkl. HP 22, TK 35, VK 32
Kosten je km (bei 20 000 km/Jahr) 0,67 Euro
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.08.2003, Nr. 185 / Seite T3
Bildmaterial: F.A.Z., Wieck