Von Boris Schmidt
13. Mai 2003 "Bist du nicht ein bißchen zu alt für das Auto?" frotzelt der Nachbar. Vielleicht, aber mit "Fourtysomething" hat man endlich die Mittel, um sich einen Ford Focus RS zu leisten. Einen Mercedes-Benz C 200 Kompressor Elegance gibt es für 300 Euro weniger, er ist das dem Alter entsprechende Auto. Doch alt sind wir noch lange genug.
Dieser Ford Focus RS ist der reinste Jungbrunnen. Er hat nämlich noch gut 50 PS mehr als der Kompressor-Benz, und er ist nicht übermäßig verspoilert. So sieht man ihm auf den ersten Blick die 215 PS nicht an, was den kleinen Blauen umso sympathischer macht. Sein Motor basiert auf dem Zweiliter-Vierzylinder (96 kW/130 PS), der von einem Garrett-Turbolader mit Ladeluftkühlung auf 158 kW (215 PS) gebracht wird.
Das sind 140 PS mehr als im Basis-Focus - genug für das Fahren in einer anderen Welt: der Welt der linken Spur auf der Autobahn und der Kurvenhatz im Eifelland, wobei vor allem letzteres ein Genuß ist. Selbst ohne das nicht erhältliche ESP stürmt der RS narrensicher um die Biegungen. Wie schrieben neulich die quirligen Kollegen aus Hamburg: "Mehr Fahrdynamik läßt sich aus einem frontgetriebenen Auto kaum herausholen." Recht haben sie.
Simpel kraftvoll
Daß der RS so um die Kurven pfeift, ist zum großen Teil einem automatischen Sperrdifferential zuzuschreiben. Es ist das gleiche wie in den professionellen Focus-Rallyeautos. Die drehmomentabhängige Sperre verteilt die Kraft immer an das Vorderrad, das den meisten Grip findet. Wenn die Straße naß ist, hilft das allerdings nicht viel. Da drehen die Räder bei vollem Gaseinsatz durch, selbst im 2. Gang. Ohnehin zerren die vielen PS - wenn man sie losläßt - in bestimmten Situationen mächtig am Lenkrad, daran muß man sich gewöhnen. Der Schub des Laders setzt bei etwa 2.200 Umdrehungen in der Minute ein, er erreicht bei 3.500/min sein Maximum, ein Turboloch gibt es praktisch nicht. Auf trockener Straße kann man in knapp 7 Sekunden von 0 auf 100 km/h stürmen, ohne dabei in den 3. Gang zu schalten. Der übernimmt, sofern man die Gänge ausdreht, ab zirka 110 km/h, ans Hochschalten erinnert eine Warnlampe im Drehzahlmesser. Der RS läßt seinen Fahrer spüren, daß er schnell unterwegs ist. Er ist nicht leise, sondern agiert dem Charakter des Fahrzeugs entsprechend mit gehobener, aber schöner Stimme. Und im Lenkrad spürt man jede noch so kleine Bodenwelle. Manchem wird die Federung viel zu straff sein, aber das ist der Preis der Sportlichkeit.
Im Rückspiegel vorausfahrender Fahrzeuge zeigt der RS seine aggressive Front: Unter dem Stoßfänger prangt eine riesige Lufteinlaßöffnung für den Ölkühler im Bugspoiler, umrahmt von kleinen Zusatzscheinwerfern. Das schindet mächtig Eindruck. Wenn es sein muß, packen Brembo-Bremsen zu. Sie sitzen in 18-Zoll-Leichtmetallräder von OZ. Die 225/40-Sportreifen wurden von Michelin eigens für den RS gemacht. Auch der Innenraum (blau-schwarze Ledereinrichtung, Sparco-Sportsitze) betont die Profession. Focus RS statt C 200 Kompressor zu fahren erspart einem das Nachdenken über Farbe und Ausstattung: Der RS kommt so blau, wie er ist, nichts kann bestellt werden, kein Schiebedach oder Navi-System. Macht nichts, der Kraftprotz macht auch so genug Spaß. Einzig der grüne Startknopf am Schaltknüppel und die billige Plakette daneben mit der Seriennummer stören, das ist einfach übertriebene Spielerei.
Daten und Meßwerte
Zweiliter-Vierzylinder-Ottomotor mit Turbolader;
Leistung 158 kW (215 PS);
höchstes Drehmoment 310 Nm bei 3500/min;
Beschleunigung 0 bis 100 km/h in6,9 s, von 50 bis 100 km/h im 4./5. Gang in 9,1/16,7s ;
Höchstgeschwindigkeit 232 km/h; Verbrauch 10,5 Liter Super Plus je 100km;
empfohlener Preis 30 665 Euro.
Charakter: Sportwagen im Kleid eines Kompaktwagens.
Prächtige Fahrleistungen bei moderatem Verbrauch.
Umfangreiche Ausstattung inklusive
Klimaanlage, CD-Radio und elektrischen Helfern.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.05.2003, Nr. 110 / Seite T3
Bildmaterial: Wieck