02. Juli 2006 Die deutsche Zettelwirtschaft reizt immer noch zur Neugierde. Was stand genau auf dem kleinen Spieker, den Torwart Jens Lehmann vor dem Elfmeterschießen gegen die Argentinier aus seinem Stutzen herauszog? Das wurde auch Joachim Löw gestern bei der täglichen Pressekonferenz der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gefragt. Doch der Assistenztrainer wollte nicht zur Erhellung beitragen, sondern lenkte das Thema ganz schnell auf die eigenen Schützen, die so selbstbewußt ihre Bälle versenkten im gegnerischen Tor.
Es ist doch viel wichtiger zu wissen, daß wir unsere eigenen Elfmeter souverän verwandeln, sagte Löw. Sich angesprochen fühlen durfte Tim Borowski, der mit ihm auf dem Podium saß und zu seinen WM-Erfahrungen zählen kann, im Fußball-Thriller gegen Argentinien den letzten deutschen Schuß mit krachendem Selbstbewußtsein in die Maschen gesetzt zu haben.
Wir werden uns noch überlegen, was wir tun
Borowski ist der Ersatzspieler in Klinsmanns Kader, welcher der Stammformation am nächsten ist. Der zwölfte Mann, dessen Wunsch noch in Erfüllung gehen könnte, bei dieser Weltmeisterschaft in der Anfangself berücksichtigt zu werden. Vielleicht nun gegen Italien? Nur einmal war ihm bislang dieser Auftritt gegönnt, als Kapitän Michael Ballack nämlich im Eröffnungsspiel verletzt pausieren mußte. Die Trainer sollten am besten wissen, wie ihre Planungen ausschauen für das Halbfinale am Dienstag in Dortmund, doch Löw wollte keine Details zur Aufstellung verraten.
Das macht auch der Bundestrainer üblicherweise nicht vor den Spielen. Doch obwohl Jürgen Klinsmann seit WM-Start über seine feste Formation verfügt, ist es keine festgeschriebene Regel, daß Borowski nicht eine Alternative wäre gegen die Italiener. Wir werden uns noch überlegen, was wir tun, sagte Löw. Dem 26 Jahre alten Bremer müßte dieser Satz in den Ohren klingeln, vielleicht war er schon die Ankündigung, daß Borowski im Mittelfeld zum Einsatz kommt.
Ich denke, ich kann mit dieser Rolle leben
Der Spieler selbst möchte sich mit dieser Option nicht mehr quälen. Schon zu lange hat er darauf gewartet, endlich als echte Stammkraft und nicht die wichtige Ergänzung berücksichtigt zu werden. Natürlich habe ich versucht, mein Bestes zu geben. Aber leider ist es mir nicht gelungen, die Trainer von mir zu überzeugen, sagte Borowski. Im ersten Moment klingt dies nach enttäuschter Resignation. Aber der gebürtige Neubrandenburger hat sich mit dem Schicksal eines Ersatzmannes anscheinend im positiven Sinne abgefunden. Ich denke, ich kann mit dieser Rolle leben.
Er betont, daß es schließlich nicht um eine Person, sondern den Erfolg der Mannschaft gehen sollte bei diesem Turnier. Da ist es wichtig, daß sich jeder von uns unterordnet. Borowski hat nie Stimmung gemacht für sich oder gegen andere Mitspieler, um einen festen Platz zu ergattern bei Klinsmann. Aber es war ihm anzumerken, wie sehr er darauf brannte, endlich die große Chance zu erhalten. Nachdem ihm zuerst unter Klinsmann und Löw die Lobby zu fehlen schien, dürfte sich der Bremer bei der WM im Trainerteam auch ohne viele Spielminuten einen guten Ruf erarbeitet haben.
Mein großes Plus ist die Flexibilität
Der ehrgeizige Borowski blieb ruhig und jederzeit kollegial, engagierte sich im Training und erfüllte seinen Part, wenn er dann eingewechselt wurde. Gegen Argentinien hatte er die Flanke von Michael Ballack per Kopf auf Miroslav Klose verlängert, dem darauf der wichtige Ausgleich in der regulären Spielzeit gelang. Und auch im Elfmeterschießen überzeugte Borowski durch gute Nerven. Eigentlich ein cooler Typ für die Partie gegen die abgezockten Italiener, doch wo wäre er einzusetzen? Michael Ballack mußte zwar am Sonntag noch behandelt werden nach seinen schweren Krämpfen im Argentinien-Spiel.
Aber der Kapitän soll wieder fit sein am Dienstag. Bastian Schweinsteiger fiel zuletzt nicht auf durch besonders starke Aktionen, er blieb eher unauffällig. Und ein frei werdender Platz im Mittelfeld durch eine Umstrukturierung der Abwehr kommt nicht mehr in Frage, weil der Berliner Verteidiger Arne Friedrich aufsteigende Form zeigt und deshalb Bernd Schneider nicht mehr in die Bresche springen muß. Wo also wäre die Chance für Borowski? Er preist seine Vorzüge inzwischen mit großer Gelassenheit. Mein großes Plus ist die Flexibilität.
Text: F.A.Z. vom 3. Juli 2006
Bildmaterial: dpa, REUTERS
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