Die Teamchef-Frage

Auf Knien vor Klinsmann

Von Michael Ashelm, Berlin

Klinsmann will die Momente für die Ewigkeit festhalten

Klinsmann will die Momente für die Ewigkeit festhalten

09. Juli 2006 Plötzlich erhielt die Angelegenheit, welche derzeit die ganze Fußballnation bewegt, eine neue, viel größere Dimension. „Hier ist Jürgen Klinsmann“, sagte der Medienmann des Internationalen Fußball-Verbandes (Fifa) zu Beginn der Pressekonferenz mit dem Bundestrainer, als würde der Präsident der Vereinigten Staaten vor einer weltpolitischen Grundsatzrede angekündigt werden. „Er hat nicht nur Deutschland beglückt, sondern die ganze Welt.“ Das also auch noch.

Der umschwärmte Kosmopolit Klinsmann schaute dabei nicht mehr mißtrauisch wie sonst in die Runde der vor ihm wartenden Journalisten, wenn ihm solche Ehrenbekundungen entgegengebracht werden. Er nahm sie diesmal einfach ungezwungen an, gelöst und locker. Nach Wochen der Anspannung wirkte der junge Fußball-Lehrer wie einer, dem nur noch Gutes passieren konnte, der sein Ziel, das eigentlich ein höheres war, doch irgendwie erreicht hatte. „Wunderbar“, so fühle er sich, sagte Klinsmann in der Stuttgarter Jubelnacht.

Eine einzige Begeisterungswille

Niemand konnte sich dem Rausch der Sinne an diesem reizvollen Fußballabend entziehen. Nicht mal sein Gegenüber auf der portugiesischen Trainerbank, der die 1:3-Niederlage im letzten Spiel zu verarbeiten hatte. Zwar ging es um nicht mehr viel; den Titelkampf hatten beide Teams längst abschreiben müssen. Und dennoch stand Gewinnen oder Verlieren auf dem Programm. Der erfahrene Luiz Felipe Scolari plauderte charmant daher, ärgerte sich keineswegs über die mißratene Vorstellung seines Teams und betonte, daß der Sieg seinem jüngeren Kollegen doch mehr bringen würde in Zukunft als ihm.

Der Brasilianer hatte zuvor als stiller Beobachter im Gottlieb-Daimler-Stadion sehen können, welche Begeisterungswelle Klinsmann ausgelöst hatte. Das Fußballvolk auf den Rängen tobte, auf dem Platz tanzte die deutsche Mannschaft. Anders als auf dem perfekt durchorganisierten Empfang am Sonntag auf der Berliner Fanmeile, war hier noch etwas von der mutig-frischen Spontaneität zu sehen, welche die deutsche Mannschaft weit durch das Turnier getragen hatte.

Auf einer Wolke des Glücks

„Ich war schon mal im Champions-League-Halbfinale, aber was ich hier erlebt habe, ist schon genial“, sagte Jens Nowotny, der als Dauerreservist noch zum ersten Einsatz bei dieser WM kam. Oliver Kahn, der nach der Partie seinen Rücktritt als Nationaltorwart erklärte, drehte mit seinen jüngeren Mitstreitern eine lange Ehrenrunde, begleitet von einem riesigen Heer Fotografen. „Die Stimmung war überwältigend. Man muß sich mal überlegen, was gewesen wäre, wenn wir Weltmeister geworden wären. Es war einer der größten, wenn nicht der größte emotionale Moment, an den ich mich erinnern kann“, sagte Kahn.

Sein Trainer, der ihn vor Monaten zur Nummer zwei degradiert hatte, zappelte zur gleichen Zeit im rhythmischen Takt zum Schnulzenklassiker „Marmor, Stein und Eisen bricht, aber unsere Liebe nicht“ des unlängst verstorbenen Sängers Drafi Deutscher. Klinsmann schien zu schweben auf einer Wolke des Glücks und hatte seine Mannschaft noch einmal motivieren können zum Abschluß um Platz drei bei dieser WM - trotz der Halbfinalenttäuschung gegen Italien und der langen Verletztenliste. Weder Michael Ballack (Sehnenentzündung) noch Per Mertesacker (Fersenoperation), Arne Friedrich (Innenbandzerrung) und Tim Borowski (Schleimbeutelentzündung) konnten eingesetzt werden. Dann verletzte sich beim Warmmachen auch noch Robert Huth (Zerrung).

Gespannt auf den Wortmann-Film

Klinsmanns Elf drückte trotzdem auf die Tube und rang den engagierten Portugiesen den Sieg ab - vor allem durch Bastian Schweinsteigers Treffer. „Die 90 Minuten waren sehr anstrengend“, sagte Miroslav Klose. „Wir hatten einige Ausfälle zu verbuchen. Aber Hut ab vor der Truppe, die das weggesteckt hat.“ Man darf gespannt sein, welche Bilder der Filmemacher Sönke Wortmann in seinem Streifen verwenden wird, der irgendwann in den nächsten Wochen Einblicke in den inneren Zirkel des Klinsmannschen WM-Projekts gewähren soll.

Im Freudentaumel auf dem Spielfeld drückte der Kinoprofi die Kamera kurzzeitig dem Bundestrainer in die Hand und ließ sich dann von diesem in einer ehrerbietenden Pose filmen. Wortmann kniete nieder und verbeugte sich vor Klinsmann, dessen Assistenten Joachim Löw, Teammanager Oliver Bierhoff und Torwarttrainer Andreas Köpke. Das ganze Stadion hätte es ihm wohl in dieser turbulenten Nacht nachgemacht.

Das Herz der Kanzlerin

Der mitreißenden Stimmung konnte sich niemand entziehen in diesem wehmütigen Moment des Abschieds, der für viele keinesfalls zu einem endgültigen Abschied werden soll. Eng an ihr Herz zog Bundeskanzlerin Angela Merkel den Bundestrainer in einer Umarmung, die nicht inniger hätte sein können, als dieser zusammen mit den Spielern die Medaillen für das Erreichen des dritten WM-Platzes entgegennahm. „Ich bin stolz, daß ich sie drücken durfte“, sagte Klinsmann später.

Die Kanzlerin hätte in den Stunden der größten Kritik „zu uns gehalten“. Dies zeuge von Charakter und Menschlichkeit. Auf dem flachen weißen Ehrenpodium unten auf dem Rasen kam es aber noch zu einer anderen spannenden Begebenheit. Auch Deutschlands Fußball-Kaiser, die höchste Fußballinstanz im Lande, huldigte dem umgarnten Trainernovizen mit einer deutlichen Sympathiebekundung, dem er über zwei Jahre meist kritisch gegenüberstand. Man brauchte Franz Beckenbauer gar nicht von den Lippen ablesen, worum es in dem kurzen Gespräch zwischen den beiden Erfolgstypen ging.

„Er hat gesagt, mach ja weiter, und ich habe gesagt, schau'n mer mal“, erzählte Klinsmann zum Gesprächsinhalt und sorgte damit für einen Lacher. Später berichtete der Chef des WM-Organisationskomitees, er habe dem Bundestrainer auf den Weg gegeben, daß seine Mannschaft auf ihn warte. Mehr kann eigentlich nicht getan werden. Wenn sich dann auch noch der mächtige Fifa-Boss Joseph Blatter in dieser Angelegenheit einschaltet, was soll da schiefgehen? „Wenn ich Jürgen Klinsmann wiedersehe, werde ich ihm sagen, daß er weitermachen soll.“ Und das ist ein echtes Machtwort. Wer sich Blatter widersetzt, hat schlechte Karten in der Welt des Fußballs.



Text: F.A.Z. vom 10. Juli 2006
Bildmaterial: AP, dpa, REUTERS

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