Brasilien entzaubert

Ronaldo schleicht von der Fußballbühne

Von Cai Tore Philippsen, Frankfurt

Abpfiff - auch für Ronaldo

Abpfiff - auch für Ronaldo

02. Juli 2006 Genauso emotionslos wie er das ganze Spiel an sich hatte vorbeiziehen lassen, reagierte Ronaldo nach dem Schlußpfiff für Brasilien. Einen Augenblick lang stand er vorn übergebeugt auf dem Rasen, dann ging der 29 Jahre alte Weltstar des Fußballs vom Platz, ohne einen seiner traurigen Mitspieler zu beachten. Ein brasilianischer Betreuer gab ihm noch einen Klaps, dann verschwand „O Fenomeno“ von der großen Bühne.

Wenn nicht noch ein Wunder geschieht, war die 0:1-Niederlage im Viertelfinale gegen die herrlich spielenden Franzosen sein letzter Auftritt bei einer Weltmeisterschaft. 2010 wäre Ronaldo zwar erst 33 und damit noch ein Jahr jünger als der Held des Frankfurter Abends, Zinedine Zidane, doch wer den übergewichtigen und uninspirierten Stürmer bei diesem Turnier mit seinen knallgelben Fußballschuhen über den Rasen schleichen sah, weiß, daß es kein Wiedersehen gibt. Es scheint fast, als wäre er schneller gealtert. Wer schon in jungen Jahren auf höchstem Niveau spielt, dessen Zeit läuft früher ab. Und Ronaldo hatte oft mehr Probleme mit sich selbst als mit seinen Gegenspielern. Bei Real Madrid, wo er noch einen Vertrag bis 2008 hat, wird ihn wohl demnächst sein Namensvetter Cristiano Ronaldo aus Portugal bedrängen, der aus Manchester gerne in die spanische Hauptstadt wechseln würde.

„10 oder 15 gute Minuten reichen nicht“

Nicht nur der Hüftspeck des 1,83 Meter großen und 90,5 Kilogramm schweren Ronaldo belastet sein Spiel. Auch das Gewicht der Verantwortung, die Bürde des Favoriten und die unermeßlichen Erwartungen seines Volkes in der Heimat und der Fußballfans auf dem gesamten Globus waren zu schwer. Nicht nur für Ronaldo, für die insgesamt apathische Selecao.

Ronaldo scheint weder psychisch noch physisch in der Lage zu sein, Glanzpunkte auf dem Fußballplatz zu setzen. Gegen Kroatien (1:0), Australien (2:0), Japan (4:1) und im Achtelfinale gegen Ghana (3:0) wurden seine Schwächen, die symbolisch für die der gesamte Mannschaft stehen, bereits sichtbar; gegen den ersten großen Gegner wurden sie Brasilien zum Verhängnis. „Die Brasilianer sind eigentlich vom ersten Spiel an nicht richtig auf Touren gekommen. Es genügt nicht, wenn man nur 10 oder 15 Minuten gut spielt“, analysierte Franz Beckenbauer.

Ronaldo will weiterspielen

Und so muß es den Fans des brasilianischen Fußballs fast wie eine Drohung vorkommen, wenn Ronaldo sagt: „Es gibt überhaupt keinen Grund aufzuhören, nicht mehr für die Selecao zu spielen.“ Mit seinen drei WM-Toren hat sich der Stürmer von Real Madrid zwar vor Gerd Müller mit 15 Toren an die Sitze der ewigen WM-Torjägerliste gesetzt, doch seine Einsätze waren auch ein Grund für das frühe Ausscheiden der Brasilianer. Mit zehn Spielern ist es gegen jede Mannschaft schwer.

1998 hätte Ronaldo nach einem mysteriösen Schwächeanfall das denkwürdige Finale (0:3) gegen Frankreich nicht spielen dürfen, 2006 hätte er kein einziges Spiel bestreiten dürfen. Doch vor acht Jahren stellte ihn Mario Zagallo, der heute als sogenannter Technischer Koordinator auf der Bank sitzt, auf. „Damals war Ronaldo in einem sehr ernsten Zustand“, sagt „O Lobo“, der alte Wolf, heute. Warum er ihn damals dennoch auf den Platz schickte, verrät er nicht. Bei diesem Turnier hielt ihm Carlos Alberto Parreira die Treue, trotz einer Verletzung im Frühjahr, trotz seines Gewichts, trotz eines quirligen Robinho auf der Bank. Und wieder erscheint es unerklärlich. Wieder wird es Spekulationen darüber geben, welche Mächte im brasilianischen Hintergrund wirken.

Parreiras Fehler

Es war nicht Parreiras einziger Fehler. Der 63jährige Trainer versuchte mit den gleichen destruktiven Mitteln, mit denen er Brasilien 1994 in Amerika zum vierten Titel geführt hatte, im Jahr 2006 zu bestehen. Anstatt die Taktik an die Stärken seiner Spieler anzupassen, zwang er den Spielern seine defensive Taktik auf. „Jeder einzelne Brasilianer ist ein Weltklassespieler, aber die machen noch keine Mannschaft“, monierte Beckenbauer. Die Künstler in ein funktionierendes Kombinat zu verwandeln, wäre Parreiras Aufgabe gewesen; er ist gescheitert. Unter seiner Leitung wurden Offensivspieler unfreiwillig zu Abwehrarbeitern.

Dazu setzte Parreira auf die Routiniers wie Cafú (36), Emerson (30) und Roberto Carlos (33), die den Zenit längst überschritten haben. Ronaldinho konnte sich im ganzen Turnier nicht entfalten. Weder sein begeisterndes Spiel noch sein erfrischendes Lächeln waren in Deutschland zu sehen. „Gerade einmal zwei Torschüsse, das ist einfach zu wenig“, sagte Brasiliens Fußball-Legende Pele und rätselte wie alle anderen über die „Abstimmungsprobleme“ seiner Enkel.

Beim Tor von Thierry Henry (57. Minute) nach einem Freistoß von Zidane blieb die Defensive wie angewurzelt stehen. „Ein dummer Fehler“, sagte Brasiliens Trainer, er habe immer wieder vor Zidane und Henry gewarnt. „Niemand von uns war darauf vorbereitet, jetzt schon gehen zu müssen“, sagte Parreira. „Jetzt müssen wir uns für die Zukunft neu orientieren.“ Und das wird wohl ohne ihn und seinen Stürmer Ronaldo geschehen.

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AP, dpa, REUTERS

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