Nationalspieler im Netz

„Ballack liegt weit vor Kahn, der vergöttert wird“

Webmaster in Fußballstiefeln: Bernd Huck

Webmaster in Fußballstiefeln: Bernd Huck

29. Juni 2006 Bernd Huck, der Webmaster der Nationalspieler, im F.A.Z.-Interview:

Sie betreuen die Internetseiten von zehn deutschen Nationalspielern. Wer ist der virtuelle Held dieser WM?

Nach den Zugriffszahlen der Internetseiten gerechnet ist das sicherlich Michael Ballack. Wir haben in der Regel bei ihm zwischen 1,5 und zwei Millionen Seitenaufrufe pro Monat. Während dieser WM verdoppelt sich das.

Wer wird hinter Ballack am meisten angeklickt?

Sehr stark ist Christoph Metzelder, der sich sehr engagiert und häufig mit seinen Usern chattet. Er liegt wie Sebastian Kehl weit vor Oliver Kahn, der vergöttert wird. Christoph hat eine sehr engagierte Community, die er sich über Jahre aufgebaut hat.

Wie viele Menschen sind es, die sehr eng mit ihrem Star kommunizieren wollen?

Im Schnitt übertragen auf alle Seiten ist das ein Achtel der jeweiligen Zugriffszahl, also bei 1,6 Millionen Zugriffen etwa 200.000 Fans, die ganz nah herankommen wollen an den Spieler.

Metzelder, Kahn und Ballack sind ganz unterschiedliche Typen. Welche Menschen fühlen sich im Internet von ihnen angezogen?

Bei Oliver Kahn handelt es sich hauptsächlich um Leute, die ihm in dieser für ihn schwierigen Situation Mut zusprechen. Seine User erklären, daß er die Nummer eins sei und es eine Unverschämtheit wäre, daß Jens Lehmann im Tor spiele. Das ist der Grundtenor bei ihm. Bei Christoph wird sehr viel diskutiert über das Spiel und auch das Leben überhaupt. Seine User kennen sich sehr gut untereinander, und einige veranstalten regelmäßig auch Chatter-Treffen. Sie treffen sich regelmäßig in der realen Welt. Bei Michael Ballack steht die Person im Vordergrund. Wenn ich das überspitzt formuliere, ist er der einzige wirkliche Popstar im deutschen Fußball. Das heißt, seine User interessieren sich nicht unbedingt für das Thema Fußball oder den FC Bayern, seinen ehemaligen Verein. Sie interessieren sich für die Person Michael Ballack.

Was wissen Sie noch über die User?

Im Schnitt handelt es sich bei der Mehrzahl der User um junge Mädchen zwischen 15 und 25 Jahren. Bei Michael Ballack ist diese Gruppe noch extremer ausgeprägt.

Wie bringen sich die Spieler mit Informationen auf ihren Seiten ein?

Das Engagement ist ganz unterschiedlich. Es gibt Spieler, die sich mehrmals pro Woche mit ihrer Page beschäftigen, andere im Monat vielleicht nur ein bis zwei Stunden. Während der WM ist es eine schwierige Situation, weil wir die Spieler nicht belästigen wollen. Wir rufen nicht jeden Tag an, sondern sagen, daß sie sich melden sollen, wenn Zeit ist. Wir üben von uns aus keinen Druck aus.

Schreiben die Spieler denn selbst auf ihrer eigenen Seite?

Sie haben theoretisch die Möglichkeit, sich einzuloggen und auf die Seite zu schreiben. Aber in der Praxis funktioniert das anders. Sie melden sich telefonisch in der Redaktion, die so strukturiert ist, daß wir jedem Spieler einen festen Redakteur zuordnen. Zwischen beiden entsteht meist ein Vertrauensverhältnis, was auch dazu führt, daß viele unserer Spieler auch noch in der Nacht unsere Redakteure anrufen. Manchmal geht es gar nicht um die Page.

Eine Art Sorgentelefon?

Vielleicht. Wir haben Redakteure, die mit Spielern Urlaub verbringen.

Welche Bedeutung hat eine Webpage für die Spieler?

Der Spieler kann in Ruhe und ohne Druck seine Meinung sagen. Er kann sein Image positionieren, Fanarbeit oder Öffentlichkeitsarbeit leisten und einen Vertriebskanal öffnen für Fanartikel. Es gibt eine Studie, die besagt, daß eine Website für einen Fußballspieler den Marktwert im Schnitt um 13,8 Prozent steigert.

Wie funktioniert das?

Das ist ein interessanter Ansatz, den man nicht auf alle Spieler übertragen kann. Es geht natürlich um die besseren Kicker, die ihren Marktwert alleine schon deshalb erhöhen, weil sie auf der Seite Flächen für Sponsoren zur Verfügung stellen. Dann bauen sie eine Community auf, die für einen potentiellen Sponsor interessant sein könnte. In Zukunft wird es so sein, daß ein besserer Fußballspieler zwingend eine Homepage brauchen wird. Es erleichtert seine Arbeit und die seines Beraters. Und die Beziehung des Spielers zu den Fans spielt eine große Rolle.

Kritik findet auf einer Webpage nicht statt. Sie ist doch ein blitzreines Marketinginstrument, dadurch doch eher langweilig.

Es kommt darauf an. Es gibt bestimmte Dinge im Verein oder einer Mannschaft, die gehören nicht in die Öffentlichkeit. Das heißt nicht, daß die Seite kritiklos ist. Gerade im interaktiven Bereich wird sehr hart diskutiert. Da müssen wir aufpassen, daß die Etikette eingehalten wird. Es sind nicht nur Ballack-Fans im Ballack-Forum, sondern auch diejenigen, die ihn nicht mögen. Wenn unter der Gürtellinie diskutiert wird, müssen wir natürlich eingreifen.

Wieviel Zuspruch kommt aus dem Ausland?

Interesse gibt es auf der ganzen Welt. Auf der zweisprachigen Seite von Michael Ballack kommen Einträge aus China, Japan, Neuseeland, Australien oder Brasilien. Die Zuschriften sehr skurriler Natur kommen aber in der Regel aus Deutschland.

Zum Beispiel?

Sehr beliebt ist die Anfrage, ob der Spieler ein Hochzeitspaar vom Standesamt zur Kirche fahren könnte. Das läßt sich natürlich nicht umsetzen. Wir haben da auch sehr traurige Schicksale, Leute, die sich finanzielle Hilfe versprechen.

Helfen die Spieler?

Diese Anfragen sind häufig sehr massiv, aber die Spieler haben sich schon für ihre Charityprojekte entschieden, bei denen sie sich engagieren.

Würden Sie gerne die Klinsmann-Seite produzieren?

Klar, warum nicht? Interessant finde ich, daß Jürgen Klinsmann polarisiert. Das ist für eine Homepage kein Nachteil. Dann finde ich spannend, daß Jürgen Klinsmann eine sehr konsequente Linie verfolgt.

Wie würden Sie ihn verkaufen? Wofür stünde er?

Das ist eine sehr persönliche Frage. Ich finde, Jürgen Klinsmann ist Deutschlands erfolgreichster Reformer, an dem sich viele Bereiche orientieren könnten.

oliver-kahn.de

metzelder.de

michael-ballack.de

klinsmann.us

sebastian-kehl.de

Die Fragen stellte Michael Ashelm.



Text: F.A.Z., 29.06.2006, Nr. 148 / Seite 36
Bildmaterial: Christoph Metzelder , Foto Kremser, Jürgen Klinsmann, Michael Ballack, Playce Aktiengesellschaft/Oliver Kahn, Sebastian Kehl

 
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