WM-Serie: 1978

Die Schmach von Cordoba oder „I wer' narrisch!“

24. April 2006 Jeden Montag und Freitag blickt FAZ.NET bis zum Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft in einer Serie auf die vergangenen Turniere zurück. Der elfte Teil beschäftigt sich mit dem Turnier 1978 in Argentinien.

Die Fußball-WM vom 1. bis 25. Juni 1978 war ein Politikum. Seit dem Militärputsch am 24. März 1976 regierte General Jorge Videla Argentinien, das sich am Rande des wirtschaftlichen Ruins bewegte.

Folter, Verschleppungen und Mord bestimmten den Alltag; Proteste gegen Menschenrechtsverletzungen waren an der Tagesordnung. Letztlich sprach sich aber auch die Menschenrechtsorganisation „amnesty international“ mit dem Slogan „Fußball ja - Terror nein“ gegen einen Boykott aus. Die Guerilla- Gruppe „Montoneros“ versprach für die Zeit der WM eine Waffenruhe, und „El Mundial“ nahm den von der Militärjunta gewünschten Lauf. Argentinien wurde erstmals Weltmeister; das sportliche Spektakel lenkte von den innenpolitischen Skandalen ab.

Vier Unentschieden, nur ein Sieg und dann Österreich

Aus deutscher Sicht wurde die Endrunde zu einer Enttäuschung. Ohne den in die US-Profiliga abgewanderten Franz Beckenbauer waren die Weltmeister von 1974 nur ein Schatten ihrer selbst. Nach torlosen Enttäuschungen gegen Polen und Tunesien sowie einem 6:0-Erfolg gegen die schwachen Mexikaner erreichte die Mannschaft von Bundestrainer Helmut Schön die zweite Finalrunde. Doch gegen Italien (0:0) und in der Neuauflage des 74er Endspiels gegen die Niederlande (2:2) kam das Team um Kapitän Berti Vogts ebenfalls nicht über ein Remis hinaus.

Es folgte die „Schmach von Cordoba“, eine der peinlichsten Niederlagen in der deutschen WM-Geschichte. Seit 1938 hatten die oft belächelten Kicker aus Österreich nicht mehr gegen den großen Nachbarn gewonnen. Nach Niederlagen gegen Italien (0:1) und die Niederlande (1:5) war die für sie abschließende WM-Partie ohne Bedeutung. Nur der Wunsch, den mit theoretischen Chancen aufs Finale angetretenen Deutschen die Tour zu vermasseln, trieb Pezzey, Prohaska & Krankl an jenem 21. Juni an.

Eigentor von Vogts, Abgang von Schön

Zunächst ging alles den gewohnten Gang. Karl-Heinz Rummenigge sorgte für das 1:0 (19.). Doch dann unterlief Vogts in seinem 96. und letzten Länderspiel sein einziges Eigentor (59.). Den Rest besorgte Hans Krankl. Der Stürmer von Rapid Wien erzielte zunächst das 2:1 für Österreich (66.), das Bernd Hölzenbein noch ausgleichen konnte (68.). Drei Minuten vor dem Ende gelang Krankl dann das 3:2, und Österreichs Radioreporter Edi Finger schickte sein legendäres „I wer' narrisch!“ über den Sender.

Für Krankl, Europas Torschützenkönig 1978, hatte der meistgezeigte Treffer seiner Karriere nicht nur schöne Folgen. Eine große deutsche Boulevard-Zeitung rächte sich mit der Veröffentlichung seiner Telefonnummer, was Krankl wüste Schmäh-Anrufe einbrachte. Für Bundestrainer Schön indes ging nach der Blamage nichts mehr. Nach fast 14 erfolgreichen Jahren, gekrönt vom Gewinn der Weltmeisterschaft 1974 und dem EM-Titel 1972, nahm der „Mann mit der Mütze“ seinen Hut.

Volksheld Mario Kempes

Mit Cordoba muß man auch Mario Kempes in Verbindung bringen, der mit sechs Treffern zum Torschützenkönig und Volkshelden aufstieg. Der damals 24-Jährige wurde in Bel Ville geboren und begann bei Instituto Cordoba mit dem Fußballspielen. Später wechselte der Mittelstürmer zum FC Valencia, wo er in den zwei Spielzeiten vor der WM jeweils die spanische Torjägerkrone holte. Argentiniens Trainer Cesar Luis Menotti bestand darauf, „Super-Mario“ bei der WM im eigenen Land stürmen zu lassen. Zum Mißfallen der heißblütigen Fans verzichtete er dafür auf Jahrhundert-Talent Diego Armando Maradona. Letztlich durfte sich „El Flaco“ („Der Dürre“), ein erklärter Gegner der Militärjunta, in seiner Arbeit jedoch bestätigt fühlen.

Der heute als Fußball-Philosoph angesehene Kettenraucher gab für die Titelkämpfe ein Motto aus: „Adelante! - Vorwärts!“ Schon vor dem ersten Spiel gegen Ungarn (2:1) hatte Menotti in der Kabine auf eine Tafel geschrieben: „Noch 23 Tage, bis wir Weltmeister sind.“ Am Ende ging die Rechnung aber nur auf, weil die Gastgeber jede Unwägbarkeit ausschlossen und das letzte Spiel der zweiten Finalrunde gegen Peru erst zweieinhalb Stunden nach der Partie des großen Rivalen Brasilien gegen Polen (3:1) ansetzten. Damit wußte die Menotti-Elf, daß sie einen Sieg mit vier Toren Unterschied benötigte. Das 6:0 hat seinen faden Beigeschmack bis heute nicht verloren. Das betrogene Brasilien wurde ungeschlagen durch ein 2:1 gegen Italien Dritter.

Neuberger und der Nazi-General

Im Endspiel gelang den Argentiniern in der Verlängerung ein verdienter 3:1-Erfolg gegen die Niederländer, die wie vier Jahre zuvor den großen Wurf verpassten, obwohl sie für den Kampf um die WM- Krone in dem Österreicher Ernst Happel einen der größten Trainer seiner Zeit als Bondscoach verpflichtet hatten. Kempes brachte die „Gauchos“ vor 77.260 Zuschauern im ausverkauften Estadio Monumental in Buenos Aires in Führung (38.), Dick Nanninga (81.) erzwang die Verlängerung für die „Oranjes“, die ohne den großen Johan Cruyff antraten. Kempes (105.) und Daniel Bertoni (115.) ließen es nicht auf ein Elfmeterschießen ankommen und machten alles klar für „Argentina“.

Cruyff war nicht dabei, weil er sich geweigert hatte, vor den Augen der Militärs zu spielen. Alle Niederländer blieben der offiziellen Siegesfeier am Abend des 25. Juni aus Protest gegen das Videla-Regime fern. Hermann Neuberger, zum ersten Mal auch als Chef des FIFA-Organisationskomitees eingesetzt, warf ihnen deshalb schlechten Stil vor. Der DFB-Präsident spielte 1978 eine zweifelhafte Rolle. Er neigte dazu, die Zustände in Argentinien zu verharmlosen und sorgte für einen Skandal, als er den früheren Nazi-General Hans- Ulrich Rudel ins deutsche Trainings-Quartier einlud.



Text: dpa
Bildmaterial: AP, dpa

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