07. Juli 2006 Der verletzte Nationalmannschaftskapitän Michael Ballack spricht vor dem Spiel um Platz drei im Interview mit der F.A.Z über die WM-Begeisterung der Deutschen, den Schmerz des Scheiterns, seine Zukunft und die des Bundestrainers.
Hübsche Idee, sich fürs Interview ausgerechnet beim "Italiener" zu treffen.
Hier in der Nähe unseres Hotels gibt es fast nur italienische Restaurants. Das ist aber in Ordnung, hier war ich während der WM schon öfter.
Geht es also schon wieder ein bißchen besser - oder tut es noch sehr weh?
Wir waren bei der WM wie in einem Rausch, wir haben das ganze Turnier sehr gut gespielt - und wenn man dann so kurz vor Schluß scheitert, fällt man natürlich in ein Loch. Ich bin überzeugt, daß die Italiener das Finale gewinnen, wenn sie diese Leistungen bringen. Dann werden wir wieder merken, wie kurz wir davor waren. Das Gefühl wird noch ein paar Mal hochkommen und schmerzen. Aber so ist es halt im Sport.
Sie zeigen selten Emotionen. Nach dem Schlußpfiff kamen Ihnen die Tränen, das kennt man von Ihnen gar nicht.
Wir waren so sehr mit Herz und Seele dabei - und bitterer ausscheiden geht kaum. Wenn man schlecht spielt oder der Gegner einfach besser ist, kann man das akzeptieren. Aber so gibt es keine Erklärung. Wir waren alle so überzeugt davon, daß es klappt. Und so, wie wir gespielt haben, glaubten wir mit jeder Runde stärker: Wir sind dran bei dieser WM. Wir hatten die Überzeugung - aber eine Minute vor Schluß kannst du nicht mehr reagieren. Das bricht einem das Genick. Da brechen die Emotionen einfach raus.
Sie spüren im Moment nur Trauer und Müdigkeit?
Wenn ich es jetzt zwei, drei Tage danach versuche, nüchtern zu betrachten, war die WM natürlich eine unglaubliche Sache. Ich bin vorher immer gefragt worden, was die WM bei der Nation auslösen kann. Da habe ich immer vorsichtig geantwortet: "Ich bin nur Fußballer, ich kann mir das nicht ausmalen." Aber wenn man sieht, was in diesen Wochen auch durch unsere Spielweise in Deutschland tatsächlich geschehen ist, dann ist das eine einmalige Entwicklung. Und das gibt mir Kraft und Motivation. Ich würde mir wünschen, daß die Leute auch in einem Jahr, wenn sie an die WM und unsere Spiele denken, noch mit Begeisterung davon sprechen. Ich hoffe, es bleibt bei den Menschen etwas hängen. Dann bleibt auch bei uns Spielern etwas hängen, und das Ausscheiden im Halbfinale hätte sich gelohnt.
Sie haben gemerkt, daß die junge Mannschaft Stabilität braucht - braucht sie auch weiter Jürgen Klinsmann als Bundestrainer?
Wären wir im Viertelfinale ausgeschieden, wäre das eine andere Geschichte gewesen - und wenn wir Weltmeister geworden wäre, wäre die Sache noch mal anders gewesen. Aber wenn man im Halbfinale in der letzten Minute der Verlängerung gegen Italien ausscheidet, dürfte es gar keine Diskussion für einen Trainer geben, der ein junges Team zusammengestellt und geformt hat. Er hat nachgewiesen, daß es funktioniert und sein Weg richtig war. Den Weg muß er weitergehen. Das erwarten alle von ihm.
Es heißt, Klinsmann lasse die Leute nur schwer an sich ran. Gibt es zwischen Trainer und Mannschaft jetzt ein emotionales Verhältnis oder nur ein funktionales?
Das ist schwer zu sagen. Es hat toll funktioniert. Er weckt immer wieder Emotionen. Er hat die Mannschaft unheimlich gut gepusht, gute Ansprachen gehalten, gerade zwischen den Spielen, wenn es drohte, daß die Anspannung runter fährt. Er hat immer die Spannung gehalten. Ich denke schon, daß da etwas gewachsen ist. Jetzt liegt es an ihm, das emotionale Verhältnis zu zeigen. Die Mannschaft wartet auf ein Zeichen.
Das Gespräch führte Michael Horeni.
Das vollständige Interview lesen Sie im Sportteil der Samstagsausgabe der F.A.Z.
Text: F.A.Z. vom 8. Juli 2006
Bildmaterial: dpa