John Cleese im Interview

„Was für ein großartiger Bursche!“

Erwähnt bloß das Ergebnis nicht: John Cleese

Erwähnt bloß das Ergebnis nicht: John Cleese

26. Mai 2006 John Cleese ist der bedeutendste englische Komiker. Als Beitrag zur Völkerverständigung durch die Fußball-WM hat er, zusammen mit dem deutschen Regisseur Hermann Vaske, den Film „Die Kunst des Fußballs: Von A bis Z“ gedreht - eine Einführung in alles, was man über Fußball wissen muß: Sie wird am 4. Juni vom Fernsehsender Arte erstmals ausgestrahlt. Wir haben John Cleese, der seit Jahren in den Vereinigten Staaten lebt, nach seinem Verhältnis zum Sport und zu den Deutschen befragt.

Herr Cleese, sprechen wir über Cricket?

Wie bitte?

Nun, die Engländer haben eine Spiel erfunden, das überall gespielt wird: Fußball. Und sie haben eines erfunden, das niemand außerhalb des Commonwealth spielt: Cricket. Zwei Seelen, ach, in der englischen Sportlerbrust?

Ja, sind wir nicht seltsam! Fußball, das ist unsere Prägung durch die Arbeiterklasse. Für Fußball braucht man nur einen Ball, ein paar Jacken als Torpfosten, los geht's. Die Kelten sollen nicht einmal einen Ball gebraucht haben, sondern nur den Kopf eines feindlichen Häuptlings. Den benutzten sie dann als Fußball. Obwohl: Hätte man zu ihnen gesagt: „Hey, ihr benutzt den Kopf ja als Fußball“, dann hätten sie geantwortet. „Nein, warum? Wir benutzen ihn als Kopf!“ Beim Cricket brauchen Sie dagegen eine Ausrüstung. Typisch Mittelschicht. So ist auch das Spiel: ohne Berührung, dezent, viele Regeln, nicht sehr keltisch. Bei uns sagt man, wenn sich jemand anstößig verhält: „That's not cricket“. Niemand würde sagen: „So verhält sich kein Fußballer“. Vielleicht steckt beides in uns: etwas Direktes, Keltisches und etwas Manierliches, Distanziertes.

Und warum hat sich die Mitteklasse so etwas Kompliziertes ausgedacht?

Ach, so kompliziert kann es auch wieder nicht sein: Auch die Holländer spielen ja Cricket. Besonders hier in Kalifornien, wo ich lebe, höre ich oft, daß Cricket das unverständliche Vergnügen einer kleinen spleenigen Minderheit ist. Gewiß: die paar Hundertmillionen Inder, Pakistani und Leute aus Bangla Desh.

Sie haben beides gespielt, Fußball und Cricket.

Ich war nicht sehr gut. Na ja, ich war ziemlich gut. Fußball habe ich für mein College in Cambridge gespielt. Vorher, in der Schule, war ich im Cricket ein recht ordentlicher Werfer.

Sogar gegen Dennis Compton haben Sie geworfen.

Woher wissen Sie das denn? Diese deutschen Wissenschaftler... Stimmt genau. Er war der große, glanzvolle Schlagmann, als ich jung war. Das Genie, der George Best des Cricket. Sein Sohn ging mit mir zur Schule, Clifton College in Bristol, und so spielte Compton eines Tages gegen unser Team.

Das war in den fünfziger Jahren. Für den englischen Fußball eine schreckliche Zeit.

Was?

Na, hören Sie, 1950 bei der WM ausgeschieden mit 0:1 gegen die...

Ja, ja...

...gegen die Vereinigten Staaten. Das muß doch niederschmetternd...

Das war kurz bevor ich anfing, mich für Fußball zu interessieren, mit zwölf. Meine Mannschaft war Bristol City...

...England verlor dann 1953 in Wembley 3:6 gegen die Ungarn...

...danach wurde ich dann Fan der Tottenham Hotspurs...

...und dann kam das 1:7 gegen Ungarn in Budapest...

...der Verein, bei dem dann viel später Jürgen Klinsmann gespielt hat. Was für ein großartiger Bursche! Ich weiß nicht, was man bei euch über ihn denkt, aber ich hab ihn immer gemocht. Ein Gentleman, er spielte mit Flair, und dann mag ich noch etwas an ihm: Er sieht so intelligent aus. Mit dem würde ich gern essen gehen, und ich wünsche ihm alles Gute.

Richten wir gerne aus. Aber zurück zum Fußball Ihrer Jugend.

Wissen Sie, wenn man jung ist, dann bedeutet es so viel, wie das Spiel ausgeht. Aber wenn Sie lange dabei sind, wissen Sie, daß ihr Team die Hälfte der Spiele gewinnt, die andere Hälfte verliert - und der Rest sind Unentschieden. Darum sieht man das alles ruhiger. Früher ging ich oft zu West Ham United im Londoner East End. Aber irgendwann hab ich gemerkt, wie lange ich brauche, bis ich überhaupt im Stadion bin. Außerdem fällt es immer schwerer, sich mit dem Team zu identifizieren. Als ich jung war, kamen sechs Spieler von Bristol aus Bristol. Wenn sie aufhörten, machten sie ein Geschäft in der Stadt auf. Heute besteht Arsenal nur aus Franzosen und Chelsea, das sind die Vereinten Nationen. Jetzt lebe ich in Kalifornien, und hier senden sie die englische Liga mittags. Es ist nicht so einfach, in Hollywood Termine mit der Begründung abzusagen, West Ham sehen zu wollen. Also sieht man weniger Spiele und regt sich weniger auf.

A propos Aufregung. In Ihrem Fußball-ABC machen Sie sich über nationale Vorurteile lustig.

Das hoffe ich sehr. Das ist die gute Seite daran, daß die Identifikation schwerer ist. Früher dachten wir, Italiener seien furchtbare Schurken. Wenn der Star deines Teams aber ein Italiener ist, kannst du das nicht durchhalten.

Der berühmteste Satz über Vorurteile der Engländer gegen Deutsche stammt von Ihnen selber: Don't mention the war! - Erwähnt bloß nicht den Krieg. Damit ist sogar Fußballgeschichte beschrieben worden, als die Sun nach der 1:5 Niederlage der Deutschen gegen England, 2001, titelte: Don't mention the score - Erwähnt bloß nicht das Ergebnis.

Ja, sehr lustig. Aber mir ist es furchtbar unangenehm. Ich bin ein großer Freund der Deutschen. Mit meiner Frau komme ich jeden Sommer nach Deutschland. Ich bewundere die deutsche Kultur, ihr habt die größten Philosophen, die größten Musiker hervorgebracht. Ich mag sogar deutsches Essen. Und dann dieser Ausruf von Basil Fawlty, dessen Rolle ich spielte: „Don't mention the war!“ - das war doch ein Witz über voreingenommene Engländer! Und was machen die Boulevardblätter daraus? German-Bashing, deutsche Spieler mit Stahlhelmen. Ach, dieser miese, gedankenlose Unfug, das ist so peinlich...

Meinen Ihre Leute das wirklich so, diese dauernden Anspielungen auf den Krieg und die Vergangenheit?

Es ist nicht ganz ernst gemeint. Aber es ist vulgär. Wissen Sie, eine der schönsten Momente in Deutschland hatte ich in Hamburg, im Hotel Atlantic. Als ich gerade mit dem Portier spreche, ruft jemand hinter mir: „Hey, John!“, und ich drehe mich um. Ganz am anderen Ende der Eingangshalle steht ein unglaublich dicker deutscher Geschäftsmann und brüllt: „Don't mention the war, ha, ha!“ - und die gesamte Lobby bricht in Gelächter aus. Das war großartig.

Sie haben sich noch andere Späße mit den Deutschen erlaubt, in der Serie „Monty Python's Flying Circus“, gab es sogar ein Fußballspiel Deutschland gegen Griechenland. Deutschland spielte damals gegen Aristoteles & Co. in der Abwehr mit Schopenhauer, im Mittelfeld mit Beckenbauer und Jaspers und mit Heidegger im Sturm...

Ja, die langen deutschen Namen. Sie hört sich so kompliziert an, diese Sprache. „Handgepäckaufbewahrung“ - so viel auf einmal im Mund! Vor Jahren bin ich in einem Zug gefahren, da stand etwas an der Tür: Auf französisch sieben Worte, auf italienisch sieben, auf deutsch: ein einziges. Viele Engländer, die wie ich ihre Jugend damit verbrachten, im Kino dauernd zu sehen, wie sich Engländer aus deutschen Kriegsgefangenenlagern befreien, denken, Deutsch sei eine Sprache, die gebellt wird. Dabei ist sie nicht hart, nur kompliziert.

Wie kamen sie auf die Idee des Fußballspiels zwischen Philosophen?

Wir fanden es einfach lustig, daß ein Spiel angepfiffen wird und nichts passiert, weil alle nur tief darüber sinnieren, was passieren könnte.

Daß wenig passiert, kommt ja im Fußball häufiger vor.

Früher war mehr Platz, mehr Zeit. Heute sind die Räume so eng, ist alles so defensiv. Und so obsessiv. Es ähnelt ein bißchen der Art, wie wir in der modernen Welt leben: Die Leute haben nicht mehr so viel Spaß wie früher. Der Streß nimmt zu, der Zeitdruck auch. Das Verhalten wird ängstlicher, besorgter und obsessiver. Man freut sich mehr am Gewinn als am Spiel. Als ich zur Schule ging, war Betrügen viel schlimmer als Verlieren. Heute ahmen die Kinder die Profis nach.

Sie vermissen also ein bißchen Cricket im Fußball?

So kann man das sagen. Aber Cricket ist auch nicht mehr, was es einmal war. Wissen Sie, was „Sledging“ ist?

Keine Ahnung.

Wenn der Werfer auf den Schlagmann einredet, um ihn nervös zu machen. Das hätte man früher als schändlich empfunden..Ich glaube, die Australier haben damit angefangen.

Und wie steht es um die Chancen der Engländer bei der WM?

Na, ja, ohne Rooney. Aber am Ende ist es doch alles eine Frage von Glück und Fehlentscheidungen.

Und warum verlieren die Engländer praktisch jedes Elfmeterschießen?

Nette Schlußfrage. Vielen Dank für das Gespräch.

Vielen Dank, Herr Cleese.

Das Gespräch führte und übersetzte Jürgen Kaube.



Text: F.A.Z., 26.05.2006, Nr. 121 / Seite 44
Bildmaterial: CINETEXT, Cinetext/Allstar

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