30. Juni 2006 Vor ein paar Wochen hat Michael Ballack einmal erzählt, daß Torgefährlichkeit auch ein Fluch sein kann. Er kam darauf zu sprechen, als er von seiner Lieblingsposition auf dem Fußballplatz erzählte. Er redete von der Position im defensiven Mittelfeld, die Position der Nummer sechs, wie man im Fußball sagt. Er erzählte davon, wie man dort das Spiel vor sich hat, wie man es lesen kann, weil man dort wenigstens manchmal ein bißchen Platz im durchorganisierten Tempofußball findet, einen Platz, auf dem man noch agieren kann, auf dem man nicht ganz so von seinen Nebenspielern abhängig ist. Er redete von diesem Platz wie von einer Trauminsel, auf der man alles findet, um als Fußballer glücklich zu werden.
Ein Spielmacher ist heute eigentlich auf der Sechser-Position angesiedelt, weiter hinten, weil er dort mehr Ballkontakte hat. Da braucht man einen Superfußballer, sinnierte er. Und dort wollte er eigentlich immer hin. Ich finde die Position super, ich würde sie ja auch gerne spielen, sagte er - und dann kam er auf jenen Fluch zu sprechen, den eigentlich nur er selbst gespürt hat, weil dieser Fluch eben nicht nur ein Fluch, sondern auch ein großer Segen ist, der ihn gleichzeitig zu einem der begehrtesten Fußballspieler Europas gemacht hat: seine Torgefährlichkeit.
Vielleicht schadet mir manchmal die eigene Torgefährlichkeit, sagte er ein bißchen traurig, darum sehen mich die Trainer lieber vorne. Vor dem Viertelfinale gegen Argentinien ist der Fluch der Torgefährlichkeit verschwunden. Zehn Treffer haben die Deutschen in vier WM-Spielen bisher erzielt, Ballack noch keinen einzigen. Dafür ist er aber seiner Trauminsel auf dem Fußballplatz nähergekommen. Die Sechser-Position ist es zwar nicht exakt, man kann eigentlich so recht gar keine genaue Bezeichnung für die Rolle finden, die Ballack derzeit bei der Weltmeisterschaft ausfüllt. Es fehlt an einem Vorbild.
Gelenk zwischen Abwehr und Angriff
Wäre man bei der Turn-WM, würde man, wie das dort mit Erfindern neuer Elemente gemacht wird, wohl von der Ballack-Rolle sprechen. In Zusammenarbeit mit Torsten Frings ist er so etwas wie das Gelenk zwischen Abwehr und Offensive, sehr weit weg von der Rolle der Nummer zehn, die er beim FC Bayern zuletzt ausfüllen mußte, entfernt aber auch von der zentralen Mittelfeldrolle mit Kontakt zur Sturmspitze wie bei der WM in Japan und Korea. Und auch ein bißchen weg von der Rolle der klassischen Nummer sechs.
Ballack hat seinen eigenen Weg und seine eigene Position bei der WM gefunden. Es ist, und das halten viele in der Mannschaft für seine größte Leistung, eine dienende Rolle. Der Erfolg der Mannschaft steht über allem. Wir werden gemeinsam alles dafür tun, um unser Glück zu erzwingen. Ich mache mich völlig frei davon, auf ein eigenes Tor zu drängen, sagte der bis zuletzt als torgefährlichster Mittelfeldspieler Europas bezeichnete Kapitän vor dem Duell gegen Argentinien. Er hat bei der WM auch persönliche Ziele, er will Tore schießen. Aber wie er sich defensiv ein- und unterordnet, das ist hervorragend, sagt Abwehrchef Christoph Metzelder, Ballacks erster Ansprechpartner in der Viererkette.
Die koordinierte Defensivarbeit
Deutschland muß nicht mehr, wie bei den vergangenen Turnieren, auf die Tore von Ballack warten, um an den Sieg zu glauben. Mit Klose und zuletzt auch Lukas Podolski hat die Mannschaft im Angriff eine seit Jahren nicht bekannte Stärke entwickelt, die es Ballack erlaubt, sich auf die eigentliche Schwachstelle des deutschen Spiels zu konzentrieren: die koordinierte Defensivarbeit.
Dafür hat er gekämpft, auch mit Worten gegen den Bundestrainer, bis in den gemeinsamen Diskussionen der neue Arbeitsplatz für den Kapitän gefunden war. Er ist ein phantastischer Kapitän. Er ist kritisch - auch mit uns, sagt der Bundestrainer über den millionenschweren Star von FC Chelsea. Frei von persönlichem Profilierungsdrang, hat sich Ballack genau an der Stelle bewährt, an der ihn das Team derzeit am meisten braucht - als disziplinierter Arbeiter an der Schnittstelle zwischen Abwehr und defensivem Mittelfeld mit bisher noch nicht endgültig ausgeschöpftem Offensivpotential.
Diesen Traum träumen wir alle
Ganz Deutschland steht hinter uns, das spürt die Mannschaft. Deshalb reicht es uns diesmal nicht, nur ein gutes Spiel zu machen. Wir wollen weiterkommen. Wir haben den Hunger, noch drei Spiele zu absolvieren, sagt der Spielführer, der die Chancen auf einen Sieg 60:40 einschätzt. Ein Erfolg gegen Argentinien wäre der letzte Schritt, der Ballack in seiner internationalen Karriere noch fehlt.
68 Länderspiele hat er zwar schon bestritten, 31 Tore erzielt - aber die Mannschaft bei einem entscheidenden WM-Spiel gegen eine große Fußballnation geführt hat er noch nie. Dazu fehlte dem WM-Torjäger 2002 bisher nur die Gelegenheit. Im WM-Finale gegen Brasilien war Ballack gesperrt. Nun will er sich gegen Argentinien erstmals in seiner neuen Rolle auf ganz großer Bühne beweisen - und am 9. Juli dann als Erster den WM-Pokal in Händen halten. Das ist mein großer Traum, diesen Traum träumen wir alle, sagt Ballack. Und wir sind überzeugt davon, daß er wahr werden kann.
Text: F.A.Z., 30.06.2006, Nr. 149 / Seite 39
Bildmaterial: AP, dpa, REUTERS
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