Odonkor sprintet ins Glück

Die Schnelligkeit als einzige Waffe

“Seine Schnelligkeit ist eine Waffe“

"Seine Schnelligkeit ist eine Waffe"

16. Juni 2006 Am Mittwoch abend war David Odonkor noch wie benebelt. Die Frage konnte lauten, wie sie wollte. Der 22 Jahre alte Außenstürmer von Borussia Dortmund und der deutschen Fußball-Nationalmannschaft antwortete immer das gleiche: „Ich bin froh, daß ich mitspielen durfte und daß wir gewonnen haben.“

Am nächsten Mittag erwarb sich der Fußballprofi auch nicht gerade den Ruf des geschliffenen Rhetorikers, als er darum gebeten wurde, seinen Beitrag am 1:0 der Nationalelf über Polen zu kommentieren. Aber da hatte Odonkor immerhin schon ein wenig Abwechslung zu bieten. „Ich bin froh, daß ich der Mannschaft geholfen habe.“

Ihn hat dieses Konzept ziemlich weit gebracht

...deshalb holte Klinsmann ihn ins Team

...deshalb holte Klinsmann ihn ins Team

Eindimensional - das ist auch das Spiel des David Odonkor. Den Ball rechts vorbei am Gegner legen und nichts wie hinterher. Dank seiner außergewöhnlichen Schnelligkeit hat ihn dieses Konzept ziemlich weit gebracht - erst in alle Nachwuchsteams des DFB, dann in die Dortmunder Bundesligamannschaft und schließlich zur WM. Klinsmanns Entscheidung, den Sohn eines Ghanaers und einer Deutschen mit der Erfahrung von null Länderspielen in sein Aufgebot zu berufen, stieß weithin auf Verwunderung. Sie hätte auch nicht größer sein können, wenn ihn der DLV für die Leichtathletik-Weltmeisterschaften nominiert hätte.

„Er bringt etwas mit, was wir dringend benötigen: Schnelligkeit, Überraschungsmomente und die Möglichkeit, bis zur Grundlinie durchzugehen und Flanken zu schlagen. Damit haben wir eine weitere Variante in unseren verschiedenen Spielfunktionen, die wir aufbauen möchten“, begründete Klinsmann vor einem Monat seine Entscheidung. Daß sich der Bundestrainer etwas dabei gedacht hat, den Sprintspezialisten ins Team zu holen, ist nach der Begegnung mit Polen auch dem letzten eingängig.

Artistisch bändigte er den Ball

Odonkor riß nach seiner Einwechslung in der 73. Minute auf rechts immer wieder Löcher in die gegnerische Abwehr. Seinen größten Auftritt hob sich der Außenstürmer für die Nachspielzeit auf. Artistisch bändigte er den Ball nach einem hohen, weiten Zuspiel von Bernd Schneider und hob ihn dann vor das polnische Tor. Dort veredelte Neuville seine Hereingabe zum 1:0, das Millionen jubeln ließ. „Ich wußte vor Freude gar nicht, wohin ich laufen sollte“, beschrieb Odonkor die ersten Sekunden des Glücks.

Sein Talent wurde schon früh sichtbar. Mit 14 holte ihn Borussia Dortmund vom SV Bünde. Der Verein richtete einen Fahrdienst ein, der die Begabung in seiner westfälischen Heimat zum Training abholte und danach wieder zurückbrachte - das machte 160 Kilometer am Tag. Früh schaffte Odonkor den Sprung zu den Profis, eine Knieverletzung im November 2004 war der erste Rückschlag seiner Karriere.

Wenn Odonkor zu einem seiner Sturmläufe ansetzt

Mittlerweile hat er es auf 73 Bundesligaspiele gebracht und die Borussen-Fans mehr Nerven gekostet als jeder andere Spieler. Ein erwartungsvolles Raunen hallt durch das Stadion, wenn Odonkor zu einem seiner Sturmläufe ansetzt, es geht allerdings allzuoft in ein enttäuschtes Seufzen über, wenn er den Ball nicht zum Mitspieler oder ins Tor bringt. Zwei Treffer bilden seine ganze Bundesliga-Ausbeute.

Im Spiel gegen Polen überzeugte Odonkor auch Skeptiker

Im Spiel gegen Polen überzeugte Odonkor auch Skeptiker

Trotz eines gewissen Mißverhältnisses zwischen Aufwand und Ertrag vertraute ihm Klubtrainer van Marwijk in dieser Saison in 33 von 34 Bundesligabegegnungen. Der Niederländer sagt: „Seine Schnelligkeit ist eine Waffe.“ Bis jetzt ist es seine einzige. Ob er vielleicht einmal so viel dazulernt, daß er nicht nur die „Rakete auf rechts“ geben könne, wurde er gefragt. Odonkor verstand nicht so recht, worauf der Journalist hinauswollte. Immerhin habe er in der Nationalelf schon eine Menge dazugelernt - sagt er: „Früher war die Defensive ein bißchen meine Schwäche, ich war zu faul, mit nach hinten zu laufen. Das kann ich jetzt.“

Seine Schnelligkeit wurde ihm in die Wiege gelegt

Seine Schnelligkeit mußte er sich nicht antrainieren, sie wurde ihm in die Wiege gelegt. Odonkor weiß zwar nicht, wie schnell er die 100 Meter läuft, und würde es auch nicht sagen, wenn er es wüßte, aber er ist sich sicher, daß er keine leichtathletische Ausbildung genoß: „Ich habe von klein auf nur Fußball gespielt. In der Schule bin ich 50 und 100 Meter gerannt. Sonst nie. Ich kann froh sein, daß ich Fußballer geworden bin und nicht Leichtathlet.“ Da kann jeder deutsche Fußballfan nur zustimmen.

Text: peh. F.A.Z., 16.06.2006, Nr. 137 / Seite 35
Bildmaterial: dpa, picture-alliance/ dpa

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Dax
Tec
Dow
Nas
23.12.2009 | 17:45
Dax 5.957,44
+0,20 %
 
        Vortag
Tops in %
Fresenius Vz +3,04%
ThyssenKrupp +1,43%
Henkel Vz +1,04%
   
Flops in %
Infineon −1,69%
K+S −1,93%
Volkswagen Vz −2,84%
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche