Von Richard Leipold
10. April 2006 Manche haben es immer gewußt oder wenigstens sehr früh: Männer wie Günter Eichberg und Peter Neururer. Der eine war vor langer Zeit Präsident, der andere Trainer des FC Schalke 04.
Beide wagten schon zu Beginn der neunziger Jahre, als der junge Jens Lehmann in der zweiten Liga Bälle fing, einen mutigen Blick in die deutsche Torwart-Zukunft; sie sagten dem Talent aus Essen eine Karriere als Nationaltorhüter voraus. Männern wie Eichberg und Neururer mag die Erde zuweilen vorkommen wie eine Scheibe - ein Fachblatt kritisierte ihre Prognose damals als "unverantwortliches Gerede". Von Lehmann aber ist überliefert, er habe die Worte seiner Vorgesetzten "voll geglaubt".
Mit der S-Bahn aus Leverkusen
Natürlich ist alles nicht so schnell gegangen, wie von manchem angenommen, sondern sehr langsam, aber Eichberg, Neururer und auch Lehmann haben recht behalten. Mit 36 Jahren im WM-Jahr 2006 ist der Schlußmann die erste Kraft im deutschen Tor, offiziell gekürt, nicht bloß demoskopisch ermittelt (auch in der öffentlichen Meinung verzeichnet er deutliche Zugewinne).
Lehmann hat manchen Umweg nehmen müssen. An einem Samstag nachmittag fuhr er, ausgewechselt nach einer miserablen ersten Halbzeit, mit der S-Bahn aus Leverkusen zurück nach Hause. Demütigungen haben bei Lehmanns Langstreckenlauf ins deutsche Tor eine größere Rolle gespielt als bei seinem oft überhöhten Rivalen Kahn, der beim FC Bayern nie in Frage stand und in der Nationalmannschaft nur zu warten brauchte, bis sein Vorgänger aus Altersgründen das Feld räumte. Wo er auch hinkam: Lehmann mußte sich immer erst durchsetzen; fast überall ist es ihm gelungen: in Schalke, in Dortmund, in London, nur in Mailand nicht, aber auch dort habe er viel gelernt über den Fußball und über das Leben, sagt er.
Ohne die Hilfe des Boulevards
Alles alte Geschichten, könnte man meinen. Aber in ihnen liegt vielleicht eine Wurzel der Selbstgewißheit Jens Lehmanns, die letztlich auf die von ihm schon vor Wochen formulierte Aussage hinausläuft: "Ich wüßte nicht, warum ich bei der WM nicht spielen sollte." Aus dieser doppelten Verneinung ist ein klares, wenn auch knappes (oder zumindest als knapp dargestelltes) Ja des Bundestrainers geworden. Vielleicht hat Lehmann den fast zwei Jahre dauernden Kampf gegen Kahn auch deshalb gewonnen, weil er mehr Rückschläge verkraften mußte als sein Mitbewerber und vor allem, weil er gestärkt aus ihnen hervorgegangen ist, ohne die Hilfe des Boulevards und ohne die Hilfe der Bayern-Manager.
Im Rückblick auf den Kampf um das deutsche Tor bleibt die Frage, woher Lehmann den Mut geschöpft hat, einen scheinbar übermächtigen, einen gar zum Titan erhobenen Gegner zu bezwingen. Natürlich gibt es einzelne Fußballspiele, die seinen Anspruch gestützt, ja getragen haben. Eines der wichtigsten war das englische Pokalfinale gegen Manchester United vor knapp einem Jahr: Erst hielt Lehmann seine Mannschaft mit einer Reihe von Paraden im Spiel, dann hielt er einen Elfmeter, und Arsenal gewann. Spätestens nach dieser Tat war der zwischendurch sogar von Trainer Wenger ausgemusterte Deutsche auch in England anerkannt. Die Zeitung "Observer" hat ihn jüngst für die Wahl zu Englands Fußballer des Jahres vorgeschlagen. "Er hat alle Zweifler überzeugt, war ein Muster an Konstanz und der auf Dauer am meisten beeindruckende Spieler seiner Mannschaft." Auch in London hat Lehmann eine junge, noch nicht gefestigte Abwehr vor sich. Zuletzt blieb er in der Champions League achtmal (!) nacheinander ohne Gegentor. Ein weiterer Grund für den Bundestrainer, ihn zu befördern.
Vielleicht lacht man später über das alles
Aber Jürgen Klinsmann hat auch Reize gesetzt, die Lehmann zugute kamen. Obwohl der Münchner drei Turniere die unumstrittene Nummer eins gewesen war, bekam Lehmann in den vergangenen 20 Monaten das Gefühl, eine Chance zu haben in diesem Zweikampf. Zum ersten Mal gab es auch nach außen sichtbare Anzeichen dafür, daß die sogenannte T-Frage offen sei: Der Bundestrainer setzte Kahn als Kapitän ab, später entließ Klinsmann den Münchner Bundestorwarttrainer Sepp Maier, einen vehementen Befürworter des Bayern-Profis, und ersetzte ihn durch Andreas Köpke, den Vorgänger Kahns. So bekamen Lehmanns Hoffnungen ein Fundament, das aus Tatsachen bestand, nicht aus Lippenbekenntnissen. Der Herausforderer glaubte nicht mehr nur an sich, sondern auch an seine Chance. Lehmann bekam bei Länderspielen (fast) so viele Einsatzzeiten wie sein Konkurrent - und nutzte sie.
An der öffentlichen Debatte beteiligte er sich immer noch fordernd, aber nicht mehr so forsch wie einst, als er sich über fehlende Chancengleichheit gegrämt hatte und zuweilen persönlich wurde, so etwa bei einer Anspielung auf die junge Freundin Kahns. Inzwischen wirkt er diplomatisch. Lehmann scheint zu klug, als daß er sich seinen großen Traum durch falsche Worte zerstören würde. Vor einer Weile hat er mit Blick auf den Kampf mit dem Titanen gesagt: "Vielleicht lacht man später über das alles, vielleicht auch nicht." Lehmann mag irgendwann über dieses einmalige Torwartduell lachen, Kahn wohl nicht.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 09.04.2006, Nr. 14 / Seite 19
Bildmaterial: AP, dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa/dpaweb, REUTERS
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