Jürgen Klinsmann

„Egoist“ und „Wunderheiler“

Vor der WM....

Vor der WM....

12. Juli 2006 So kann man sich irren - noch im Frühling wollte Fußball-Deutschland seinen Bundestrainer loswerden. Nach der Weltmeisterschaft war alles anders. Meinungen zu Jürgen Klinsmann vor der WM - und danach.

Vor der WM:

"Die Mächte sind gegen ihn. Jetzt aber muß er einsehen, daß Sturheit und Eigensinn keine Chance haben. Ein Volk von 80 Millionen Leuten steht dagegen, mit all deren Bataillonen, die jetzt aufgefahren werden. Das hält kein Mensch aus."
Bayern-Manager Uli Hoeneß im März 2006

"Er verlangt von seinen Spielern totale Aufopferung, aber dann muß er selbst auch dazu bereit sein."
Uli Hoeneß im März 2006

"Der soll hierher kommen und nicht ständig in Kalifornien rumtanzen und uns hier den Scheiß machen lassen."
Uli Hoeneß im Oktober 2005

"Er ist ein Egoist. Das hat man gesehen, wenn er ausgewechselt wurde und wie er dann die Nerven verloren hat. Heute rasiert er jeden weg, der eine eigene Meinung hat. Seine Arbeit wird überbewertet. Das Deuserband gibt es schon 144 Jahre, und ich habe schon früher damit trainiert."
Der ehemalige Nationalspieler Mario Basler im April 2006

...und nach den deutschen Erfolgen

...und nach den deutschen Erfolgen

"Es wäre schön, wenn Herr Klinsmann mal dem Sportausschuß erklären würde, was seine Konzeption ist und wie er Weltmeister werden will. Das Spiel gegen Italien war grausam, und man fragt sich schon, wie er das bis zum Sommer aufholen will. Der Bund ist der größte Sponsor der WM, insofern hätte ich gerne ein paar Antworten."
Der CDU-Sportexperte Norbert Barthle im März 2006

"Er hat Oliver Kahn auf dem kalten Weg abserviert. Dafür war Kahn einfach zu wertvoll für Deutschland, da hätte man sich einen anderen Abgang vorstellen können. Das wiederum wirft ein Licht auf Klinsmann."
Der ehemalige Schalke-Manager Rudi Assauer im Mai 2006

"Es ist unmöglich, daß ein so hochbezahlter Trainer, den wir Bundesligavereine mitbezahlen, daß der ein halbes Jahr in Kalifornien hängt. Wenn ich dann höre, ,wir machen Telefonkonferenzen' - da werd' ich bekloppt in der Birne!"
Assauer im Juni 2005

"Jeder geht mit seinem Bereich so um, wie er erzogen wurde. Er hätte hier erscheinen müssen. Das ist ein Pflichttermin, und so viele Pflichttermine hat er ja nicht. Das ist ein Unding. Als Gastgebertrainer muß man da sein. Fast alle Cheftrainer sind da, aus Brasilien kommt Carlos Alberto Parreira, Sven-Göran Eriksson kommt aus England, aber unser Chef ist nicht da. Mehr will ich dazu gar nicht mehr sagen. Denn wenn ich weiter darüber nachdenke, wird meine Wortwahl noch drastischer."
OK-Chef Franz Beckenbauer im März 2006, als Klinsmann nach der 1:4-Niederlage gegen Italien nicht am Workshop der WM-Trainer in Düsseldorf teilnahm

"Es ist ein Unding und eine Unverschämtheit, daß es Jürgen Klinsmann auch 94 Tage vor der WM immer noch nicht für nötig hält, seinen Arbeitsplatz endlich nach Deutschland zu verlegen . . . Der verantwortliche DFB-Präsident Theo Zwanziger muß jetzt sogar darüber nachdenken, ob die Krise des deutschen Fußballs nur noch mit einem Auswechseln des Bundestrainers zu beheben ist . . . Klinsmann hat mit seinem unprofessionellen Verhalten inzwischen für so viel Unruhe gesorgt, daß eine erfolgreiche WM mit ihm als Bundestrainer kaum möglich sein dürfte."
"Bild-Zeitung" im März 2006

"Wer es bisher noch nicht wußte, braucht in Zukunft nicht mehr daran zu zweifeln: Jürgen Klinsmann interessiert sich zuerst für sich und sein eigenes Wohlergehen - erst danach kommt seine Gemeinschaftsaufgabe . . . Wenn der frühere Teamchef Beckenbauer einem seiner Nachfolger jetzt eine schlechte Kinderstube unterstellt, dann wiegt dieses Urteil schwer, muß doch gerade Klinsmann auch einen erzieherischen Anspruch im Umgang mit den Nationalspielern glaubwürdig erfüllen. Diesen Maßstab aber verfehlt der schon als Spieler stark auf sich selbst fixierte Trainer-Anfänger mehr und mehr."
Frankfurter Allgemeine Zeitung im März 2006

"Während der eine oder andere Kollege über 20 Jahre Erfahrung verfügt, ist Jürgen einer, der seine erste Trainerstelle gleich in höchster Funktion erhalten hat. Das spricht nicht gegen ihn. Aber vielleicht gegen jene, die diese Entscheidung getroffen haben . . . Einige Sachen, die wir jetzt bei der Nationalelf machen, die habe ich schon wieder als antiquierte Trainingsmethoden bei mir im Schrank abgestellt."
Peter Neururer, Trainer von Hannover 96, im Juni 2006

"Wenn ich die Körpersprache und das süffisante Lächeln sehe, dann frage ich mich: Sieht Klinsmann nicht, in welchem Zustand diese Mannschaft ist? . . . Der Vorwurf geht an jene, die ihn in diese Position hineingehoben haben. Das ist doch jetzt eine sehr gut bezahlte Lehrstelle, vielleicht die bestbezahlte in Deutschland. Die Stelle des Bundestrainers. Das kann doch nicht sein."
Neururer im März 2006

Und während der WM:

„Klinsmann muß bleiben!“
Kollektiver deutscher Aufschrei

„Ich habe ihm bei der Medaillenübergabe gesagt: ,Du mußt jetzt weitermachen, deine Mannschaft wartet auf dich.' Er war zwar sehr zögerlich, sein Blick hat mir aber gesagt, daß da eine gewisse Bejahung war.“
OK-Chef Franz Beckenbauer

„Wir werden jetzt mit dem Trainer Einzelgespräche führen und versuchen, ihn davon zu überzeugen weiterzumachen - wenn er sich nicht schon entschieden hat. Er hat alle Leute spielen lassen. Das sind Gesten gegenüber der Mannschaft. Das macht ihn so beliebt.“
Kapitän Michael Ballack

„Ich hoffe, daß diese Stimmung im Lande Jürgen Klinsmann animiert weiterzumachen. Das wäre zu wünschen.“
Assistenztrainer Joachim Löw

„Jürgen Klinsmann hatte ein Ziel, und das hat er verfolgt, er hat sich nicht beirren lassen von Kritikern wie mir.“
Fernsehexperte Günter Netzer

„Es freut mich, wie das Ansehen von Jürgen Klinsmann in Deutschland gewachsen ist. Ich bin ein großer Bewunderer von ihm.“
Portugals Nationaltrainer Luiz Felipe Scolari

„Wir hatten ein wunderbares kleines Finale, ein schönes, schnelles und prickelndes Spiel. Unsere Jungs haben gewonnen. Für Jürgen Klinsmann würde ich aus eigener Erfahrung darum bitten, daß man ihm ein bißchen Zeit läßt, um sich zu entscheiden.“
Bundeskanzlerin Angela Merkel

„Klinsmann und seine Mannen haben etwas erreicht und etwas für den Fußball getan. Wenn ich Jürgen Klinsmann wiedersehe, werde ich ihm sagen, daß er weitermachen soll.“
Fifa-Präsident Joseph Blatter

„Die Nationalmannschaft wirkt sehr viel frischer und moderner als in vergangenen Jahren. Das ist ganz sicher das Verdienst von Klinsmann. Seinen Weg hat er mit einem beachtlichen Maß an Mut und Sturheit durchgesetzt. Das ist toll, und deswegen wünsche ich mir, daß er weitermacht.“
Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble

„Ein kluger Mensch verzeiht und macht seine Entscheidung nicht davon abhängig, ob er vorher kritisiert wurde.“
DFB-Sportdirektor Matthias Sammer

„Vielen Dank, Jürgen Klinsmann.“
Kurt Beck, Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz

„Danke, Jürgen Klinsmann.“
Roland Koch, Ministerpräsident von Hessen

„Jürgen Klinsmann hat sich geöffnet gegenüber der angewandten Wissenschaft, genau angeschaut, was sinnvoll und verwertbar ist, hat sich auf seinem Weg nicht beirren lassen und ist dennoch intern kritikfähig geblieben.“
Eike Emrich, Vizepräsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes

„Jürgen Klinsmann hat klare und ehrgeizige Ziele gesteckt, Selbstvertrauen durch Vertrauen in die Spieler gestärkt, eine Mannschaft geformt, sich durch Widerstände nicht beirren lassen. Das ist nicht nur für jede Sportart ein gutes Modell, sondern weit über den Sport hinaus übertragbar.“
Rudolf Scharping, Präsident des Bundes Deutscher Radfahrer

„Jürgen Klinsmann ist offensichtlich jemand, der als Mensch begeistern kann. Er ist inspirierend. Diese Leidenschaft haben die Spieler aufgesogen.“
Manfred Thiesmann, Bundestrainer des Deutschen Schwimm-Verbandes

„Dieser Klinsmann ist ein Wunderheiler.“
Gotthilf Fischer, Leiter der „Fischer-Chöre“



Text: F.A.Z. vom 10. Juli 2006
Bildmaterial: AP, dpa

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