Daimler-Chrysler

Hubbert: „Mitsubishi schnellstmöglich helfen"

Mercedes-Chef Hubbert: Vor einer starken Expansion

Mercedes-Chef Hubbert: Vor einer starken Expansion

07. März 2004 Der Autokonzern Daimler-Chrysler arbeitet mit Hochdruck an einem neuen Geschäftsplan für Mitsubishi. „Wir müssen sehen, wie Mitsubishi schnellstmöglich geholfen werden kann", sagte Mercedes-Benz-Chef Jürgen Hubbert im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Herr Hubbert, Mercedes sorgt konstant für den Daimler-Chrysler-Gewinn. Was machen Sie besser als die Verlustbringer Chrysler und Mitsubishi?

Mercedes-Benz ist als führende Pkw-Marke im Luxussegment weltweit etabliert. Wir hatten die Chance, unsere Marke über die letzten hundert Jahre erfolgreich zu pflegen. Auch wir hatten unsere Schwierigkeiten, zum Beispiel zu Beginn der neunziger Jahre. Wir haben dann neue Produkte entwickelt, unsere Strukturen und Kosten verbessert und vor allem hart gearbeitet, so wie es unsere Kollegen in Amerika und in Japan heute tun.

Mit unterschiedlichem Erfolg. Chrysler und Mitsubishi sind heute Sanierungsfälle.

Das ist nicht die treffende Beschreibung. Mit dem Einblick, den ich im Vorstand habe, kann ich nicht erkennen, daß insbesondere Chrysler ein Sanierungsfall sein soll. Es gab eine Zeit, da fehlten Chrysler attraktive Autos. Jetzt sind sie da. Chrysler hat eine solide Basis und wird die in den nächsten Jahren eindrucksvoll demonstrieren.

Und Mitsubishi?

Dort stellt sich die Frage, ob man etwas Ähnliches erreichen kann wie bei Chrysler. Deshalb ist jetzt ein hochqualifiziertes Team vor Ort, um Rolf Eckrodt bei der Analyse zu unterstützen.

Welche Alternative haben Sie?

Wir müssen sehen, wie Mitsubishi schnellstmöglich geholfen werden kann. Das Team arbeitet an einem Geschäftsplan, und über den werden wir uns Mitte April unterhalten.

Reden wir über Sie und Mercedes. Sie hören im Herbst auf, hätten sich doch mit einem Rekordergebnis verabschieden können.

Nun, wir hatten jetzt mit 3,1 Milliarden Euro Gewinn ein Rekordergebnis, übrigens das sechste in Folge. Ich selbst habe zwölf Jahre daran gearbeitet, Mercedes auf die Zukunft vorzubereiten - das ist eindeutig wichtiger als mein Abschied.

Wie sieht die Zukunft bei Mercedes aus?

Hier in Genf können Sie unser Potential in Augenschein nehmen. Wir gehen konsequent in Nischen oder definieren neue. Der CLS ist so ein Auto, das die Lücke zwischen Coupe und Limousine schließt und in diesem Herbst auf den Markt kommt. Spätestens Ende 2005 schieben wir die Großraumlimousine GST nach.

Was ist noch denkbar?

Die Definition ist eindeutig: Kein Mercedes unterhalb der A-Klasse und keiner oberhalb der S-Klasse. Dazwischen wird uns noch eine Menge einfallen, einige Ideen sind schon in der Umsetzungsphase.

Zum Beispiel eine neue A-Klasse mit kurzem und langem Radstand?

Diesmal kommt die neue A-Klasse mit unterschiedlicher Anzahl von Türen. Es wird einen sportlichen Dreitürer geben und eine A-Klasse, die andere Kundenbedürfnisse erfüllt.

Es gibt Gerüchte über eine M-Klasse als Pick-up für Amerika.

Das verweise ich ins Reich der Fabel.

Die neuen Modelle führen Mercedes in eine neue Größenordnung.

Ja, wir haben uns vorgenommen, die Marke Mercedes in den nächsten Jahren zu einem Absatzvolumen von 1,4 bis 1,5 Millionen Einheiten pro Jahr zu führen. Wir werden dabei ein exklusiver Anbieter bleiben.

Die Fusion mit Chrysler hat Jürgen Schrempp einst damit begründet, Mercedes sei mit 800000 Autos ein Nischenanbieter. Hat er das Potential der Marke unterschätzt?

Es gab aber noch andere gute Gründe für die Fusion. Denken Sie nur an die notwendige Entwicklungen in unserer Branche, für die zukünftige Erfüllung von Sicherheitsvorschriften oder die Einhaltung von Verbrauchs- und Emissionsrichtlinien. Die Tatsache, daß wir zum Beispiel bis heute mehr als 1 Milliarde Euro in die Brennstoffzellenentwicklung investiert haben, ohne einen einzigen Cent zurückbekommen zu haben, und das auch noch in den nächsten Jahren so bleiben wird, zeigt, daß man international zusammenarbeiten und in allen Teilen der Welt präsent sein muß. Um die Volumenchancen in Asien, China, Osteuropa und in Lateinamerika abzudecken, braucht man mehr als eine Marke Mercedes, die ist mit derzeit 1,1 Millionen Autos und einem Weltmarktanteil von 2,5 Prozent dafür zu exklusiv.

Leidet Mercedes in der Fusion unter dem Sparzwang, von dem Chrysler jetzt profitiert?

Ach, wissen Sie, es wird immer so getan, als sei Mercedes in seinen Möglichkeiten begrenzt, weil Chrysler so viel Geld braucht. Dabei wird nie berücksichtigt, daß Chrysler viel Geld in die Fusion eingebracht hat. Unterm Strich ist das noch immer ein positives Ergebnis - und, viel wichtiger, es fließt seit Jahren ein positiver, freier Cash-flow, und das nach Investitionen. Chrysler hat nie zu unseren Lasten gelebt. Mercedes-Benz hat immer das investiert, was notwendig war.

Ohne Mercedes wäre Chrysler 2001 pleite gewesen.

Nur weil das damals in einigen Zeitungen stand, muß es nicht stimmen. Ich versichere Ihnen, daß Mercedes in den letzten Jahren keine Investition und kein Projekt hat einschränken müssen. Das genaue Gegenteil war der Fall, was sich eindrucksvoll an unserer ersten und zweiten Produktoffensive festmachen läßt.

Der VW-Konzern muß jetzt schon ein Milliarden-Sparprogramm auflegen. Ist das nur der Anfang, werden weitere Autohersteller in dem schwachen Gesamtmarkt zum Sparen verdammt sein?

Das ist kein Branchenthema. Wir stehen nicht unter einem solchen Zwang. Dagegen spricht unser Markterfolg, insbesondere in Deutschland, wo Mercedes nach wie vor den zweiten Platz in der Zulassungsstatistik einnimmt. Das Szenario, das Sie beschreiben, sagt aber etwas über den Standort Deutschland aus, und das sollte an anderer Stelle die Alarmglocken läuten lassen, damit sich etwas verändert. Wir haben die Möglichkeiten des Tarifrechts genutzt. Unsere Entwickler werden wieder 40 Stunden pro Woche arbeiten, wir holen mehr aus unserem Potential heraus, werden wettbewerbsfähiger gegenüber den Japanern. Das haben wir im übrigen gemeinsam mit unseren Betriebsräten umgesetzt.

Toyota hängt Mercedes in puncto Zuverlässigkeit und Kundenzufriedenheit ab. Schrillen angesichts der Qualitätsprobleme nicht bei Ihnen die Alarmglocken?

Wir nehmen das Feedback unserer Kunden sehr ernst und arbeiten hart an all diesen Punkten. Sie rühren zum Teil aus Innovationen, insbesondere die Elektronik stellt uns, wie im übrigen die gesamte Autobranche, vor Herausforderungen. Das liegt auch daran, daß insbesondere die deutschen Hersteller bei der Elektronik eine Vorreiterrolle übernommen haben. Wir wissen, daß ein Mercedes-Kunde besondere Ansprüche stellt, und arbeiten intensiv daran, Kritikpunkte zu beseitigen.

Haben die Probleme damit zu tun, daß Sie stark an der Preisschraube bei den Zulieferern gedreht haben?

Diese vereinfachende Darstellung trifft nicht zu. Wir müssen unsere komplexen Systeme beherrschen, genauso wie es ein Zulieferer sollte. Darum geht es. Wir arbeiten gemeinsam daran.

Die Zulieferer beklagen einen Verfall der Sitten. Mercedes verlangt sogar Rabatte auf Teile, die schon längst geliefert wurden.

Das ist grober Unfug. Wir haben klare bilateral ausgehandelte Vereinbarungen mit unseren Partnern. Die wissen, was wir von ihnen unter dem zunehmenden Wettbewerbsdruck erwarten. Diese Vereinbarungen berücksichtigen die Situation des einzelnen Lieferanten, und wir prüfen gemeinsam Möglichkeiten, unsere Ziele zu erreichen.

Warum gibt es so wenig Synergien zwischen Mercedes und Chrysler?

Mercedes-Benz ist eine einzigartige Marke, auch in ihrem Wert und Kundenanspruch. Dies ist in unserer Markenstrategie von zentraler Bedeutung Trotzdem gibt es Felder, auf denen wir mit unseren Partnern erfolgreich zusammenarbeiten, um Skaleneffekte zu erzielen.

Mercedes SLK und Chrysler Crossfire haben 40 Prozent baugleiche Teile. Die E-Klasse und der neue Chrysler 300C teilen sich jetzt nur eine gemeinsame Lenksäule. Sie verschenken Kostenvorteile.

Den Fall SLK/Crossfire wird es so nicht mehr geben, er stellt eine Ausnahme dar, weil wir Chrysler unterstützen wollten, ein imageträchtiges Modell schnellstmöglich auf den Markt zu bringen. Diese Unterstützung braucht Chrysler heute nicht mehr. Da, wo es das Markenimage erlaubt, tauschen wir Komponenten aus, etwa zwischen Mitsubishi und Smart und zwischen Chrysler und Mitsubishi.

Trotzdem werben Chrysler-Händler in Amerika für ihre Autos mit "made by Mercedes".

Wir kennen solche Einzelfälle, aber die aufgestellte Behauptung ist schlichtweg falsch. Mercedes-Benz hat eine herausragende Stellung und ist die weltweit führende Premium-Marke. Deshalb setzen wir im Konzern alles daran, diese Marke zu schützen.

Wie sehen Sie Ihren Nachfolger Wolfgang Bernhard?

Als meinen Wunschkandidaten. Es ist eingetroffen, was ich gehofft habe, was Jürgen Schrempp und ich dem Aufsichtsrat vorgeschlagen haben. Insofern bin ich dankbar, daß alle Gremien unserem Vorschlag gefolgt sind, der Kontinuität und Dynamik verspricht.

Das Gespräch führte Henning Peitsmeier.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 07.03.2004, Nr. 10 / Seite 39
Bildmaterial: dpa

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