Volkswagen und Porsche

Und immer wieder: Ferdinand gegen Wendelin

Von Susanne Preuß

05. März 2008 Jetzt ist Ferdinand Piëch am Ziel, denkt man: Er hat das Porsche-VW-Imperium nach seinem Geschmack geformt, und nun könnte in Ruhe an der gewinnträchtigen Fortentwicklung gearbeitet werden. Doch es bahnt sich schon wieder etwas an - kaum merklich, aber schon bestätigt. Die Nachricht kommt wie eine nüchterne Personalie daher: Ferdinand Piëch, 70 Jahre alt, zieht sich zurück aus dem Aufsichtsratspräsidium der Porsche Automobil Holding SE; jener noch neuen Holding in Stuttgart, unter der er seine unternehmerische Vision wahr gemacht hat. Diesen Platz überlässt er seinem 66 Jahre alten Bruder Hans Michel Piëch, dem Sprecher des Piëch-Clans.

Ferdinand Piëch wird doch nicht amtsmüde sein? Dann müsste konsequenterweise bald auch der Rückzug bei den Dax-Konzernen Volkswagen und MAN folgen, wo er jeweils Vorsitzender des Aufsichtsrats ist. „Warten Sie ein paar Wochen, dann werden Sie es verstehen“, orakelte Ferdinand Piëch am Dienstag auf dem Genfer Autosalon. Und Wolfgang Porsche, Aufsichtsratschef von Porsche, riet den Journalisten: „Nehmen Sie das für bare Münze.“

Piëch wird irgendetwas dafür bekommen

Das klingt nach Kuhhandel: Piëch wird irgendetwas dafür bekommen, dass er sich bei der so wichtig gewordenen Porsche Automobil Holding SE aus dem wichtigsten Aufsichtsgremium zurückzieht. Diese Logik erschließt sich aus der Beobachtung der Familienstämme Porsche und Piëch: Da schenkt sich niemand etwas; der eine Clan dem anderen nicht und die Familienmitglieder untereinander nicht, schon weil sie - mittlerweile in der vierten Generation - höchst unterschiedliche Interessen haben. Nur scheinbar hat Ferdinand Piëch eine bedeutendere Rolle als alle anderen.

Nur weil er durch öffentlichkeitswirksame Funktionen als Vorstandschef des Volkswagen-Konzerns (seit 1993) und später als Aufsichtsratsvorsitzender (seit 2002) bekannt ist, wollen sich die übrigen Familienmitglieder nicht von Ferdinand Piëch vorschreiben lassen, was sie zu denken haben; zum Beispiel über Wendelin Wiedeking, der die Familien Porsche und Piëch zu Milliardären gemacht hat. Ferdinand Piëch sieht in dem erfolgreichen Porsche-Chef Wiedeking aber auch einen ernsthaften Konkurrenten um den Titel des Superstars. Die am Dienstag veröffentlichten Halbjahreszahlen von Porsche sind wieder ein Beleg dafür: Der Umsatz stieg in der Zeit um 14 Prozent auf 3,5 Milliarden Euro, der Gewinn um 44 Prozent auf 1,29 Milliarden Euro - verbunden mit traumhaften Renditen.

Ein familienfremder Manager mit einer großen Aufgabenliste

Wiedeking begann bei Porsche im Jahr 1983 als Assistent des Produktionsvorstands. Er erwarb sich später Meriten als Sanierer des Autozulieferers Glyco. Als er 1991 wieder zu Porsche kam, wurde er selbst Produktionsvorstand und schon 1992 an die Spitze des schwer angeschlagenen Stuttgarter Sportwagenherstellers berufen, der inzwischen um die Existenz kämpfen musste.

Wiedekings Autorität wurde damals in Frage gestellt, weil er „nur“ zum Vorstandssprecher berufen wurde und nicht zum Vorstandsvorsitzenden. Das war kurz nachdem Ferdinand Piëch selbst als VW-Chef designiert worden war. Damals waren die Rollen klar verteilt: Ferdinand Piëch war an der Spitze des größten europäischen Autokonzerns angelangt, mit dem er sich auch familiär verbunden sah - schließlich hatte sein Großvater Ferdinand Porsche dereinst in Stuttgart den ersten Prototyp eines Volkswagens gebaut. Zugleich war Ferdinand Porsche Miteigentümer der Porsche Holding Salzburg, jenes großen VW-Händlers, den seine Mutter Louise Piëch aufgebaut hatte. Und er war beteiligt an Porsche in Stuttgart. Was war Wendelin Wiedeking dagegen? Nichts als ein familienfremder Manager mit einer großen Aufgabenliste.

Namen werden auch gleich ins Spiel geworfen

Vor dem Hintergrund dieser Geschichte und weil Ferdinand Piëch kalt lächelnd schon so manchen erfolgreichen Manager abserviert hat, gedeihen Spekulationen, dass er den Emporkömmling Wiedeking opfern wolle: Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen. Nichts, so scheint es, hat Ferdinand Piëch dafür getan, in Wolfsburg für die neue Macht aus Stuttgart-Zuffenhausen zu werben. Im Gegenteil: Der mächtige VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh, dem ein enges Verhältnis zu Piëch nachgesagt wird, feuerte immer wieder auf Wendelin Wiedeking, ohne dass Piëch ihn zurückpfiff. Er überlasse dem Betriebsrat die Drecksarbeit, damit man nach einiger Zeit sagen könne: Das Klima sei nachhaltig vergiftet, eine Befriedung wäre nur mit einem neuen Mann an der Spitze der Porsche Automobil Holding möglich.

Wer solche Spekulationen treibt, wirft auch gleich Namen ins Spiel: Wolfgang Reitzle beispielsweise wird genannt, der schon bei BMW nicht Vorstandschef wurde und es auch bei Ford nicht an die Spitze schaffte, zuletzt aber mit dem Umbau des Linde-Konzerns Furore machte. Doch den anderen Porsche-Aktionären ist das Risiko zu hoch, Wiedeking zu opfern, dessen Vertrag übrigens erst im vergangenen Jahr bis 2012 verlängert wurde. Sie sehen, dass der Maschinenbauingenieur Wiedeking genau das mitbringt, was VW voranbringen könnte: einen klaren Blick für alles, was schiefläuft.

Wie hoch Ferdinand Piëch auch pokert, letztlich ist er nicht Herr der Lage

„Der sieht eine Fabrik, und in dem Augenblick fängt es zu rattern an“, heißt es bei Porsche. Keine Frage, dass Wiedeking sofort in den VW-Aufsichtsrat einziehen wollte, als Porsche vor zweieinhalb Jahren die ersten Anteile von VW kaufte. Nur so konnte er die richtigen Fragen stellen. Zum Beispiel: Warum braucht VW zwölf Motoren, das ewig leuchtende Vorbild Toyota aber nur vier Motoren? Jeder einzelne Vorstandsbeschluss von VW, so wird gemunkelt, wird inzwischen von Wiedeking akribisch beäugt. Mit Holger Härter hat er, sowohl im Vorstand der Porsche Automobil Holding SE wie auch im Aufsichtsrat von VW, einen Kollegen an der Seite, dem geradezu geniale Fähigkeiten in Finanzdingen nachgesagt werden. So gesehen ist es vielleicht gar nicht mehr wichtig, wer für Porsche noch in den VW-Aufsichtsrat einziehen wird, wenn die Stuttgarter in Wolfsburg erst einmal die Mehrheit haben. Vielleicht liegt in dieser zukünftig zu regelnden Personalie auch das Gegengeschäft für Ferdinand Piëchs Rückzug aus dem Porsche-Aufsichtsratspräsidium: Vielleicht will Ferdinand Piëch da noch einmal ein Wörtchen mitreden, um wenigstens den direkten Einfluss Wiedekings in Wolfsburg ein bisschen einzudämmen.

Wie hoch Ferdinand Piëch auch pokert, letztlich ist er nicht Herr der Lage, woran auch sein Bruder Ernst schuld ist. Dieser war in Geldnöte geraten und verkaufte deshalb 1983 seine Porsche-Aktien an Kuwait - der „Ernst-Fall“, sagt man heute noch in Zuffenhausen zu diesem Ereignis. Die restlichen Familienmitglieder kratzten schleunigst Geld zusammen und kauften die Anteile wieder zurück. Seither haben die Porsches eine leichte Mehrheit im Imperium. Machtkämpfe verhinderte das nicht, aber meist drang von den Händeln nichts an die Öffentlichkeit. „Wir sind ein ziemlich unauffälliges Unternehmen. Darüber sind wir sehr froh“, sagte Hans Michel Piëch einmal. Die Zeiten sind aber vorbei.



Text: F.A.Z., 05.03.2008, Nr. 55 / Seite 15
Bildmaterial: ddp, F.A.Z.

 
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