20. Juni 2007 Der Plan klang tollkühn, wenn nicht größenwahnsinnig: Eine Familie kauft Europas größten Autohersteller. Porsche greift nach Volkswagen. Inzwischen kontrolliert der Stuttgarter Sportwagenbauer den fünfzehnmal größeren Konzern in Wolfsburg. Und das Publikum staunt noch immer, schon deshalb, weil die Geschichten in der Wirtschaft meist dem konträren Muster folgen: Pionier gründet Firma. Die wächst und wird irgendwann verkauft. Aus dem Familienunternehmen wird ein Konzern. So ist der gewöhnliche Lauf der Dinge.
Nun ist am Porsche-Clan nichts gewöhnlich. Die Familie hält es für die logischste Sache der Welt, dass aus dem VW-Konzern ihr Privateigentum wird. Ohne Porsche kein Volkswagen, so lautet der offizielle Anspruch der Sippe, die sich auf zwei Zweige, die Porsches und die Piëchs, verteilt: Ferdinand Porsche hat den VW-Käfer konstruiert. Sein Schwiegersohn Anton Piëch das erste Werk in Wolfsburg geleitet. Enkel Ferdinand Piëch gebärdet sich als VW-Vorstandsvorsitzender wie als Aufsichtsratschef wie der Alleinherrscher in Wolfsburg.
Einheit von Volkswagen, Familie und Geld
Trickreich, ruppig und bisweilen grausam hat der genialische Techniker sein großes Ziel verfolgt - die Einheit von Volkswagen, Familie und Geld. Die gehässigsten seiner Gegner unterstellen ihm gar, er habe den Konzern im Verbund mit den Gewerkschaften erst heruntergewirtschaftet, damit er für die Familie erschwinglich wurde. Die Rentabilität der VW-Werke war bis vor kurzem jedenfalls lausig, der Aktienkurs im Keller, die Kaufgelegenheit für den Clan günstig.
Jetzt, da Milliardär Piëch triumphiert, könnte er die Steigbügelhalter von der IG Metall, mit denen ihn nie wirklich etwas verband, wieder abschütteln. Die Möglichkeit dazu schafft er mit der Gründung der Porsche-Holding, einer Aktiengesellschaft nach europäischem Recht mit Sitz in Stuttgart. Die europäische AG ist höchst mobil, sagt der Hamburger Wirtschaftsprofessor Michael Adams. Die deutsche Mitbestimmung kann so ausgehebelt werden, der Sitz an einen steuerlich günstigeren Ort verlegt werden. Beides habe der Konzern nicht vor, schwören sie in Zuffenhausen. Wer das behauptet, hat Porsche nicht verstanden.
100 Prozent an Porsche, 31 Prozent an VW
Noch verfügt die Holding nicht mal über eine genaue Adresse, es gibt keine Büros und keine Angestellten. Groß wird der Apparat nicht werden, zehn bis zwanzig Finanzprofis genügen, um die Beteiligungen zu steuern: 100 Prozent an Porsche plus momentan 31 Prozent an Volkswagen. Den Chefposten übernimmt Wendelin Wiedeking, in Personalunion mit seinem bisherigen Job als Vorstandsvorsitzender beim Sportwagenbauer (ob der Spitzenverdiener unter Deutschlands Top-Managern sein Gehalt damit nochmals aufbessert, ist nicht zu erfahren).
Vorsitzender des Aufsichtsrates wird nicht Ferdinand Piëch, das lassen die fein austarierten Machtverhältnisse im zweigeteilten Clan nicht zu: Solange ein Porsche lebt, muss ein Porsche an der Spitze von Porsche stehen.
Wolfgang Porsche rückt an die Spitze
Der mächtigste Porsche heißt im Moment mit Vornamen Wolfgang, ist Piëchs Cousin, lebt mit seiner Frau, einer Filmemacherin, in München (was ihm zu seinem Ärger manchen Eintrag in bunten Blättern beschert) und hat zu Beginn seines Berufslebens Yamaha-Motorräder nach Europa importiert. Dieser Wolfgang Porsche, ein gemütlich wirkender Herr Anfang 60, rückt jetzt an die Spitze von drei Aufsichtsräten: in der neuen Holding, der alten Sportwagen-AG sowie der Porsche-Handelsholding in Salzburg; dahinter verbirgt sich immerhin Europas größter Autohändler mit einem zweistelligen Milliardenumsatz. In anderthalb Dutzend Ländern verkaufen die Österreicher die Fahrzeuge der Familie: vom Polo bis zum Phaeton, vom Audi bis zum Bentley, vom Seat bis zum Skoda, vom Porsche bis zum Lamborghini. Und vielleicht führen sie bald auch noch Lastwagen.
Denn nebenbei schmiedet der Clan einen der gewichtigsten Nutzfahrzeugkonzern: An MAN wie Scania ist die Familie über Volkswagen maßgeblich beteiligt, eine Fusion der beiden ist der erklärte Wunsch. Insgesamt erreicht das von der Familie beherrschte Imperium bald einen Umsatz von 150 Milliarden Euro. Knapp eine halbe Million Menschen werden dort beschäftigt.
Porsche-Aktie verhalf manchem Schwaben zum Häusle
Die rechtliche Voraussetzung für die neue Automobil-Holding soll eine außerordentliche Porsche-Hauptversammlung am 26. Juni in der Stuttgarter Porsche-Arena beschließen. Dass sie dies tun wird, steht außer Frage: 100 Prozent der Stimmrechte sind im Besitz des Clans. Die übrigen Anteilseigner mit Vorzugsaktien dürfen sich an dem Gedanken ergötzen, Teil einer sagenhaften Erfolgsgeschichte zu sein - mehr nicht. Wer bei meinem Amtsantritt vor 15 Jahren 10.000 Euro investiert hat, besitzt heute eine halbe Million, tönte Wendelin Wiedeking beim vergangenen Aktionärstreffen Ende Januar - seither hat der Kurs schon wieder um ein Drittel zugelegt. So hat der Porsche-Chef manchem schwäbischen Aktionär zum Häusle verholfen. Und manchem Clan-Mitglied zum Schloss. Ein erklecklicher Teil der Dividende, welche die Porsches und Piëchs aus Zuffenhausen überwiesen bekommen - 80 Millionen Euro allein dieses Jahr -, stecken sie in Immobilien, besonders gerne in Hotels.
Auf mehr als 60 Mitglieder ist die Verwandtschaft mittlerweile angewachsen. Ihre Anteile an Porsche halten sie nicht direkt, als Einzelperson, sondern über vertrackte Konstruktionen, steuersparende Privatstiftungen und Beteiligungsgesellschaften. Nie, gar nie geben sie dabei auch nur ein Promille aus der Hand.
Ernst Piëch ließ sich auszahlen - ob er es bereut?
Diese Regel haben sie eingeführt, als Ernst Piëch, Ferdinands ältester Bruder, es Anfang der achtziger Jahre wagte, seine Porsche-Aktien arabischen Investoren anzubieten. Die Familie tobte und hat ihn mit einem dreistelligen Millionenbetrag ausbezahlt. Die hat der Aussteiger in einem britischen Weingut angelegt. So viele Trauben können die Reben freilich nicht tragen, als dass daraus ein lohnendes Geschäft hätte werden können - Ernst Piëchs Anteil an Porsche wäre heute Milliarden wert.
Abgesehen von den Automobilfirmen, gehören den Mitgliedern des Clans heute 356 Gesellschaften, 15 engbeschriebene Seiten umfasst die einschlägige Liste: Jede Menge Beteiligungsfirmen finden sich dort, gerne mit Sitz in Lichtenstein oder Panama. Die Familienmitglieder betätigen sich als Weinhändler, als Seilbahnbetreiber, Uhrenfabrikanten oder Produzenten von Märchen-DVDs für Kinder.
Porsche kann aufstocken, ohne es melden zu müssen
Alles nett, aber unerheblich im Vergleich zum Kerngeschäft Auto. Fünf Milliarden Euro hat es Porsche netto gekostet, den VW-Konzern unter Kontrolle zu bringen. Auf das Übernahmeangebot, das der Konzern bei Erreichen der 30-Prozent-Schwelle abgeben musste, hat - wie erhofft - kaum ein VW-Aktionär reagiert. Jetzt kann die Porsche-Holding das Paket bis zu 50 Prozent aufstocken, ohne es melden zu müssen. Eilig hat es Porsche damit nicht. Die VW-Vorstände kapieren auch so, wem sie zu dienen haben - im Zweifel den Familien Porsche und Piëch.
Den Beginn seiner automobilen Geschichte datiert der Clan auf den 3. September 1875. An diesem Tag wird im böhmischen Maffersdorf Ferdinand Porsche geboren. Als Gottlieb Daimler mit seinem Gefährt die ersten Runden dreht, ist Porsche elf Jahre alt und beweist bereits sein technisches Talent: Der Junge installiert elektrische Klingeln am Elternhaus und versorgt die Wohnung mit elektrischer Beleuchtung.
Wolfsburg: Stadt des KdF-Wagens
Zur Jahrhundertwende entwickelt er in Diensten des k. u. k. Hoflieferanten Jacob Lohner sein erstes Fahrzeug - ein Automobil mit Radnabenmontor, das auf der Pariser Weltausstellung als Lohner-Porsche Aufsehen erregt. 1923 zieht Porsche, inzwischen Vater von zwei Kindern, nach Stuttgart, wo er bei Daimler einen Posten als Technischer Direktor antritt. Nach der Fusion der Firmen Benz und Daimler kehrt er 1926 nach Österreich zurück - als Chef der Steyr-Werke, damals Österreichs größter Autofabrik.
Als die Firma in Turbulenzen gerät, verursacht durch den Bankrott der Hausbank, wechselt Porsche fünf Jahre später wieder nach Stuttgart, gründet dort ein eigenes Konstruktionsbüro und erhält schließlich von den Nazis den Auftrag zur Entwicklung eines "Volkswagens"; des späteren Käfers. 1938 wird in der "Stadt des KdF-Wagens", dem heutigen Wolfsburg, der Grundstein für die Produktionshallen gelegt.
Der Kein für spätere Zerwürfnisse
Noch während des Zweiten Weltkrieges verlegen die Porsches ihren Sitz nach Österreich. Meine Mutter hat den Krieg schon 1942 verlorengegeben und die Wurzeln der Familie amtlich in Österreich festgelegt, berichtet Ferdinand Piëch. So entgeht der Clan der Enteignung durch die Alliierten. Alle männlichen Familienmitglieder werden als vermeintliche Helfer der Nazis eingesperrt, die Geschäfte führt derweil Louise Piëch. Als die Männer nach Hause kommen, muss sie erst mal wieder an den Herd. Welches der beiden Kinder - Louise oder Ferry - er als Erben eher für geeignet hielt, ließ der Clan-Gründer Ferdinand Porsche offen und legte damit den Keim für spätere Zerwürfnisse. Das Verhältnis zwischen seiner Mutter und dem Onkel beschreibt Ferdinand Piëch als außergewöhnlich: "Sie liebten und hassten sich auf dichtere, heftigere Art, als es zwischen Bruder und Schwester üblich ist."
Gemildert wurde der Konflikt durch eine Teilung der Verantwortung: Ferry Porsche erhielt die Zuständigkeit für das Stuttgarter Werk, Louise Piëch für den österreichischen Handelsbetrieb. Besitz und Gewinn an den beiden Gesellschaften teilte sich der Clan, die inzwischen je vier Kinder des Porsche- und des Piëch-Zweigs.
Da gerieten wir uns voll in die Wolle
Als diese dritte Generation in die Unternehmen drängte, eskalierten die Streitigkeiten und gipfelten im Jahr 1970 in einer gruppentherapeutischen Sitzung am Familiensitz. Da gerieten wir uns voll in die Wolle, erzählt Ferdinand Piëch. Als Konsequenz zog sich die Sippe komplett aus dem aktiven Management ihrer Firmen zurück.
Die Verwandtschaft war damit fürs Erste befriedet, auch wenn die Harmonie bis heute nicht stärker ausgeprägt sein dürfte als in anderen Familien. Strikt achten die Porsches und Piëchs darauf, dass kein Zweig zu kurz kommt.
Peter Daniell Porsche ist der Rebell
Wer in der nächsten, der vierten Generation die Geschicke des Clans bestimmt, zeichnet sich erst allmählich ab. Auf der Piëch-Seite wird Ferdinands Ältester genannt, ebenso Ernst Piëchs Sohn Florian, der sich in der Venture-Capital-Szene tummelt und nebenbei Oldtimer-Rennen mit einem 20 Jahre alten 911er Carrera fährt. Einen Sitz im Aufsichtsrat erhielt bisher nur ein Vertreter der anderen Fraktion: Ferdinand Oliver Porsche, Sohn des Designers Ferdinand Alexander Porsche und verheiratet mit einer Tochter aus der Familie Voith, dem Maschinenbaukonzern von der Schwäbischen Alb.
Unstrittig besetzt ist in der jüngsten Generation die Rolle des Rebellen: Peter Daniell Porsche, Musiktherapeut und Kapitalismuskritiker, geißelt die Gewinne des Konzerns als verwerflich - und steckt den an ihn ausgeschütteten Anteil in eine Waldorfschule samt angeschlossenem Bio-Restaurant in der Nähe von Salzburg. Mit dem Autogeschäft der Familie hat er nichts im Sinn, außer dass er einen Porsche Cayenne fährt.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 17.06.2007, Nr. 24 / Seite 46
Bildmaterial: action press, AP, ddp, dpa, dpa/dpaweb, F.A.Z., obs
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