Ferdinand Piech

Das Denkmal bröckelt

Von Henning Peitsmeier

Ferdinand Piech

Ferdinand Piech

12. Juli 2005 Die Hauptversammlung von Volkswagen am 16. April 2002 war so ein Tag ganz nach dem Geschmack des Ferdinand Piech. In einem ultraleichten Prototyp, der auf 100 Kilometer nur einen Liter Kraftstoff verbrauchen sollte, fuhr der scheidende VW-Vorstandschef vor, mit seinem designierten Nachfolger Bernd Pischetsrieder auf dem Rücksitz.

Piech, der VW fast ein Jahrzehnt geprägt hatte, feierte noch einmal die Spitze deutscher Ingenieurskunst. Es war ein Moment, in dem sich der ebenso geniale wie medienscheue Konstrukteur gern von allen Kameras ablichten ließ. Mit einem sparsamen, schmalen Lächeln verkündete er das beste Ergebnis der Konzerngeschichte und erntete stehende Ovationen.

Nicht wenige Aktionäre würden Piech aus dem Amt jagen

Drei Jahre später wird mit Piechs Erbe aufgeräumt. Staatsanwälte und Wirtschaftsprüfer tragen Aktenberge zusammen, prüfen, werten aus. Und es gibt nicht wenige Anteilseigner, die den 68 Jahre alten Aufsichtsrat am liebsten aus dem Amt jagen würden, die jetzt auf sein Rücktrittsangebot warten, nachdem bereits Personalvorstand Peter Hartz am vergangenen Freitag die persönliche Verantwortung in der Korruptionsaffäre übernommen hatte.

Um Piech ist es einsam geworden. Seine Ehrenerklärung für Hartz, den er 1993 als Personalvorstand zu VW holte, überdauerte nicht mal eine Woche. Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff, Vertreter des größten VW-Aktionärs, riskiert die offene Konfrontation mit dem Denkmal Piech. Diejenigen, die "Persilscheine" ausstellten, müßten im Fall der Fälle ebenfalls Konsequenzen ziehen, hatte Wulff auf Piechs Rückendeckung für Hartz geantwortet. Jetzt, da Hartz hingeworfen hat, ist Wulffs Antwort nichts anderes als eine Aufforderung zum Rücktritt.

Unter Piech konnte sich der Filz ausbreiten

Piech steht für das "System Volkswagen". Unter ihm als Aufsichtsratsvorsitzenden konnte sich jener Filz ausbreiten, der dem Unternehmen nun so zusetzt. Piech wechselte 2002 vom Vorstandsvorsitz nahtlos an die Spitze des Kontrollgremiums. Schon solch ein Vorgang ist all denen, die die Regeln der Corporate Governance streng auslegen, ein Dorn im Auge. Früheren Konzernlenkern wird die Neigung nachgesagt, als Aufsichtsratsvorsitzende ihre eigene Vergangenheit im glänzenden Licht erscheinen zu lassen.

Größenwahn eines technikverliebten Ingenieurs?

Piech hat es sich bei Volkswagen schön eingerichtet. Die Machtverhältnisse in der Autostadt schienen ausbalanciert. Der Betriebsrat billigte Piechs Modellpolitik, die sich weit entfernt hatte vom früheren Anspruch, preiswerte Autos fürs Volk zu bauen. Der milliardenschwere Kauf von Rolls-Royce und Bentley, die Entwicklungen der Luxuslimousine Phaeton mit 12 Zylindern oder des Supersportwagens Bugatti mit 1001 PS erscheinen heute im Rückblick wie der Größenwahn eines technikverliebten Ingenieurs, der wie sein Großvater Ferdinand Porsche in die Geschichte eingehen wollte.

Hat deshalb Betriebsratschef Klaus Volkert solch ein fürstliches Gehalt bekommen? 360000 Euro auch dafür, daß er Piech gewähren ließ und die Belegschaft beruhigte? Noch ist in der Affäre um Schmiergelder, Tarnfirmen und leichte Mädchen in Brasilien nichts bewiesen. Auch nicht, ob Piech, der als Aufsichtsratsvorsitzender gern an seinem Wohnsitz in Salzburg weilt, wirklich davon Kenntnis haben konnte.

Die „Reporting Lines“ nach Salzburg funktionieren noch

Der "Alte", sagen VW-Manager, sei gut informiert, die erprobten "Reporting Lines" funktionierten auch heute noch. Damit dürfte vor allem die Überwachung seines Vorstandsvorsitzenden Bernd Pischetsrieder gemeint sein. Piech mißfalle es, wie sein Nachfolger die Luxusstrategie scheibchenweise auf Eis gelegt habe, sagt ein Vertrauter. Er hatte dem Bayern unmittelbar nach dessen Demission bei BMW den Vorstandsposten angeboten.

Nach dem Debakel mit Rover war es Pischetsrieders zweite Chance. Und im ersten Jahr nach der Amtsübernahme handelte der Neue im Sinne des "Alten", indem er nichts änderte. Doch dann wagte sich Pischetsrieder aus der Deckung, feuerte drei Vorstände, ersetzte sie durch eigene Gefolgsleute und holte mit Wolfgang Bernhard einen Manager, der sich zum "Eroberer der Wolfsburg" aufschwingen will. Zumindest gilt VW-Markenchef Bernhard als starker Mann hinter Pischetsrieder, der all jene Kräfte um sich schart, die den VW-Konzern erneuern wollen.

Nach den Zahlen übergab Piech einen blitzsauberen Konzern

So kompromißlos und ehrgeizig wie Bernhard ist auch der junge Piech an die Arbeit gegangen. Mit 26 Jahren trat der in Österreich geborene Ingenieur in das Familienunternehmen Porsche ein und entwickelte vor allem Rennmotoren. Nach der Trennung von Familie und Management ging Piech zu Audi, rückte dort drei Jahre später in den Vorstand auf. Als Entwicklungschef sorgte er bei der in den achtziger Jahren noch biederen Automarke für bessere Produkte. Und als er 1988 Audi-Chef wurde, hatte die Marke mit den vier Ringen nach zahlreichen Ralley-Triumphen das Hosenträgerimage längst abgestreift.

Damit wäre sein Weg an die VW-Spitze nur logisch gewesen, doch Konzernchef Carl Hahn installierte zunächst noch den schöngeistigen Daniel Goeudevert im Vorstand. Doch als VW 1993 in der Krise steckte, übernahm Piech das Ruder und sanierte so erfolgreich, daß er 2002 allein von den Zahlen her Pischetsrieder einen blitzsauberen Konzern übergeben konnte. Die milliardenschweren Fehlentwicklungen in der Modellpolitik waren zu dem Zeitpunkt vielleicht nur zu erahnen.

Piechs Job ist nicht getan

In seiner Autobiographie hat Piech beschrieben, wie er seinen Job als Aufsichtsratschef sieht: "Wenn die Kassa stimmt und die große Linie paßt, dann ist mein Job getan." Heute nähert sich das VW-Ergebnis der Nullinie, und die klare Strategie wird noch vermißt. Piechs Job ist nicht getan.

Aus aufsichtsratsnahen Kreisen ist zu hören, daß Piech keine weitere Verlängerung seiner Amtszeit anstrebe. Dann wäre in zwei Jahren, wenn Piech seinen 70. Geburtstag feiert, Schluß. Ob es noch einmal stehende Ovationen geben wird, ist heute fraglicher denn je. Wie ehrenvoll das Ende der Ära Piech bei VW sein wird, bestimmt Piech womöglich nicht mehr selbst. Vielleicht muß er sogar vorzeitig abtreten - wie sein langjähriger Weggefährte Hartz.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12. Juli 2005
Bildmaterial: picture-alliance / dpa/dpaweb

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