Bsirske im Lufthansa-Tarifstreit

Schimanski und die Bodentruppen

Von Sven Astheimer

25. Juli 2008 Es ist derzeit auffallend ruhig um Frank Bsirske. Zumindest zu der Urabstimmung des Bodenpersonals der Lufthansa und dem für kommende Woche angekündigten Streik ist vom ersten Mann der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft, kurz Verdi, kein Wort zu vernehmen.

Nun wäre es vermutlich falsch, würde man aus dieser Beobachtung den Schluss ziehen, der Gewerkschaftsfunktionär, der nicht nur wegen des markanten Schnauzers an den Tatort-Kommissar Schimanski erinnert, hätte in dieser Sache inhaltlich nichts beizutragen. Ebenso wie der Ruhrpott-Fahnder ist auch der Tarifverhandler meistens für ein offenes Wort gut, wenn es um die Sache geht. In diesem Fall um die 9 Prozent Gehaltszuschlag, die Verdi von der Kranich-Airline fordert.

Interessenkonflikt: Aufsichtsrat oder Verdi-Vorsitzender?

Bsirskes spezielle Lohnzurückhaltung dürfte vielmehr seiner Sonderrolle in dieser Tarifrundenaufführung geschuldet sein. Denn der 56 Jahre alte Niedersachse gehört als Arbeitnehmervertreter auch dem Aufsichtsrat der Lufthansa an, ist sogar der Stellvertreter des Vorsitzenden Jürgen Weber. Diese besondere Konstellation befeuerte unter Juristen schon ausgiebige Debatten, vor allem nachdem die Hauptversammlung im Jahr 2003 Bsirske die Entlastung verweigert hatte.

Die Aktionäre hatten ihm vorgeworfen, in der vorangegangenen Tarifauseinandersetzung mit seinen Aufrufen zu Warnstreiks der Lufthansa Schäden in zweistelliger Millionenhöhe eingebrockt zu haben. Die Frage, ob sich jemand wie Bsirske in einem solchen Interessenkonflikt eher seinem Mandat im Unternehmen oder der Führungsaufgabe innerhalb seiner Gewerkschaft verpflichtet fühlen muss, ist bis heute nicht abschließend geklärt. Der Modus operandi im Falle Lufthansa scheint jedenfalls gefunden, indem die Verdi-Kommentare von anderer Stelle abgegeben werden.

Vom großen Kuchen ein zu kleines Stück

Dabei würde gerade dieser Arbeitskampf eine perfekte Kulisse für einen begabten Redner wie Bsirske abgeben. Auf der einen Seite ein Vorzeigeunternehmen mit einer glänzenden Bilanz, auf der anderen Seite das Heer von Technikern und Caterern, die seit Jahren das Gefühl haben, vom großen Kuchen ein zu kleines Stück abbekommen zu haben. In dieser Klientel genießt Verdi noch einen hohen Organisationsgrad, mit einem guten Abschluss für das Bodenpersonal könnte Bsirske verlorenen Boden wiedergutmachen. Denn die Piloten kämpfen längst unter dem Dach der Gewerkschaft Cockpit für ihre Privilegien, und das Kabinenpersonal hat sich als „Ufo“ abgekapselt.

Der Mikrokosmos der Lufthansa repräsentiert auch die schwierige Gesamtlage, in der sich Verdi befindet. Denn das monatelange Tauziehen zwischen der Lokführergewerkschaft GDL und der Deutschen Bahn entfachte unter Tarifexperten und Gewerkschaftsbeobachtern die Diskussion, welche Spezialistengruppe wohl als nächste aus der solidarischen Lohnpolitik ausscheren und ihr eigenes tarifpolitisches Süppchen kochen würde. Am gefährdetsten, da war man sich meist einig, sei Verdi, Deutschlands zweitgrößte Einzelgewerkschaft, in deren Bauchladen von der Krankenschwester über den Briefträger und die Verwaltungsleute bis eben hin zum Flughafenpersonal viele Gruppen vertreten sind.

Schweigend, aber kampfeslustig

Genau auf diese Ängste vieler Mitglieder ging Bsirske in seiner Rede auf dem Bundeskongress in Leipzig im vergangenen Oktober ein. Er warnte vor der Spaltung, hob die Bedeutung des Solidarprinzips hervor, indem die Starken für die Anliegen der Schwächeren mitstreiken. Die überaus hohe Bestätigung durch 94 Prozent der Stimmen, die er durch die Delegierten im Kongresszentrum erfuhr, gab ihm ein klares Mandat für die dritte Amtszeit mit auf den Weg. Eine personelle Alternative, auch das wurde klar, hat die Organisation nicht.

Seitdem verfolgt Bsirske eine aggressive und expansive Strategie. Nach dem Motto: Wenn die Lohnabschlüsse nur hoch genug sind, denkt auch keiner über Abspaltung nach. Die gute Konjunktur macht’s derzeit möglich. Mit breitem Kreuz forderte Bsirske für den zuvor an Nullrunden gewöhnten öffentlichen Dienst satte 8 Prozent Aufschlag und drohte entgegen den sonstigen Gepflogenheiten schon vor Verhandlungsbeginn mit Streiks. Die Anhebung in zwei Stufen um 5,1 Prozent in diesem und 2,8 Prozent im kommenden Jahr haben die Kampfbereitschaft wachsen lassen. Deshalb sollte sich die Lufthansa darauf einstellen, dass Verdi ihre Forderungen kampfeslustig verteidigen wird. Auch wenn der Vorsitzende schweigt.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp

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