IKB Deutsche Industriebank

9 Milliarden zum Frühstück

Von Holger Appel

Bank in Not

Bank in Not

27. Dezember 2007 Es war ein entspanntes Frühstück an jenem 29. Juli 2007. Der Bankvorstand sitzt mit Familie und Bekannten auf der Terrasse eines zauberhaften Urlaubshotels, als sein Handy klingelt. Der Mann verlässt den Tisch, um einige Minuten später wiederzukommen. "Es gibt ein Problem mit einer Bank in Deutschland. Wir sind es nicht", sagt er. Am nächsten Morgen lernt ganz Deutschland, was Subprime ist. Der Düsseldorfer Mittelstandsfinanzierer IKB Deutsche Industriebank ist deshalb in existenzbedrohlicher Schieflage. Es ist der Auftakt zur größten Bankenkrise seit 1931, wie Bankenaufseher Jochen Sanio später sagen wird, in deren Sog amerikanische Banken viele und europäische Banken einige Milliarden abschreiben müssen, die Sachsen LB ihre Eigenständigkeit verliert und in Düsseldorf ein zuvor als grundsolide eingestuftes Institut sein Ende sieht.

Über das Wochenende hatte die Deutsche Bank ihrem Handelspartner IKB den Kreditzugang gesperrt, nachdem deren Händler ein nach ihrer Ansicht untragbar hohes Engagement der IKB in immer wertloser werdenden Papieren auf amerikanische Hypothekenkredite ausgemacht und ihren Vorstandsvorsitzenden Josef Ackermann informiert hatten. Hinter den Kulissen tobt seither eine heiße Debatte, ob die Deutsche Bank ihrem Geschäftspartner den Boden entzogen und daran womöglich noch verdient oder schlicht wie ein umsichtiger Profi gehandelt und einen Bankchef gestoppt hat, der jegliches Maß für angemessenes Risiko verloren hatte. Jedenfalls folgten hektische Gespräche mit der Bankenaufsicht, der Bundesbank, dem Finanzministerium und dem größten Anteilseigner der IKB, der staatseigenen Förderbank KfW.

Es droht noch immer die Insolvenz

Die KfW sprang kurzerhand ein, stellte eine Liquiditätslinie zur Verfügung und spannte einen milliardenschweren Risikoschirm über die IKB. Der ist, wie man heute weiß, nicht groß genug gewesen, was die Vorstandssprecherin der KfW, Ingrid Matthäus-Maier, kürzlich zu der Aussage veranlasste, wenn sie gewusst hätte, was da auf die KfW zukommt, hätte sie die Rettungsaktion nicht unternommen. Wie viel das Düsseldorfer Debakel am Ende kosten wird, ist noch immer unklar. Das maximale Risiko wird auf rund 9,5 Milliarden Euro taxiert. 5 Milliarden davon deckt die KfW mit einer Ausfallbürgschaft derzeit ab.

Was aber geschieht, wenn der Verlust über diese Summe hinaussteigt? Dann wäre wohl eine Kapitalerhöhung für die IKB erforderlich - oder eine für die KfW oder für beide. Die Kapitalerhöhung für die KfW schließt deren Vorstand bislang kategorisch aus, wissend um den politischen Sprengstoff, der in solch einem Vorhaben steckte, sollte noch mehr Steuergeld die Rettung einer privaten Bank finanzieren - ohne aber eine Antwort geben zu können, woher weiteres Geld kommen soll. Die privaten Banken, die sich mit einigen hundert Millionen Euro an der Rettung der IKB beteiligen, haben klar zu verstehen gegeben, dass sie eine Grenze erreicht sehen. Sie wollen kein zusätzliches Geld mehr in ein Fass werfen, dessen Boden sie nicht sehen können. Im schlimmsten Fall droht der IKB also noch immer die Insolvenz.

Aktienkurs halbiert

Die Börse hat darauf reagiert, die Aktie hat sich nach der ersten Krisenmeldung halbiert und in jüngster Zeit, als klar wurde, dass die Schwierigkeiten noch viel größer sind, abermals die Hälfte ihres Wertes verloren. Die prekäre Lage führt inzwischen dazu, dass die einstmals heißbegehrte IKB nicht mehr allerorten auf dem Wunschzettel steht. Der neue Commerzbank-Chef Martin Blessing hat in einem Gespräch mit dieser Zeitung angedeutet, dass seine Zuneigung erkaltet ist. Im Markt wird denn auch damit gerechnet, dass die KfW, die sich nach den Aufräumarbeiten aller Voraussicht nach von der IKB trennen wird, nur Angebote erhalten wird, die sie als inakzeptabel empfinden dürfte.

Und was dann? In der Förderbank gab es schon einmal die Idee, die IKB auf die hauseigene Projekt- und Exportfinanzierungsgesellschaft Ipex zu verschmelzen. Letztere ist zum Jahreswechsel aus der KfW ausgegliedert und in die Selbständigkeit (obgleich sie sich weiterhin voll über die KfW refinanziert) entlassen worden, weil sie Wettbewerbsgeschäft betreibt. Gemeinsam mit der IKB könnte die Ipex einen kraftvollen Mittelstandsfinanzierer bilden, der später an die Börse gebracht werden könnte und der KfW selbst mit einem Anteil von unter 50 Prozent noch genügend Erträge erwirtschaften würde, damit die Förderbank eine Zukunft nicht allein am aus Berlin verordneten Tropf des Staatshaushaltes hat.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt

Für viele hat das Desaster Folgen, nicht nur für den entlassenen IKB-Chef Stefan Ortseifen und seine ebenfalls entlassenen Vorstandskollegen. Matthäus-Maier steht unter Druck, weil die Aufklärung schleppend läuft, sie immer neue Hiobsbotschaften verkünden muss, das Fördergeschäft durch den finanziellen Aderlass eingeschränkt zu werden droht und sie zuvor als Vorstand der KfW nichts bemerkt hat. Ihr Vorgänger Hans Reich muss fürchten, dass sein guter Ruf von dem Debakel beschädigt wird, denn in seiner Amtszeit hat das Drama seinen Anfang genommen. KfW-Vorstand Detlef Leinberger drohen Schwierigkeiten, denn er hat im IKB-Aufsichtsrat offenbar nichts von den risikoreichen Geschäften bemerkt. Der Aufsichtsratsvorsitzende Ulrich Hartmann hat alle Mühe, Schaden von seinem Lebenswerk fernzuhalten, denn auch er hat nichts gemerkt. Gleiches gilt für die Finanzdienstleistungaufsicht Bafin, die Bundesbank sowie die KfW-Dienstherren im Finanz- und Wirtschaftsministerium, obgleich Eventualverbindlichkeiten in Milliardenhöhe im Geschäftsbericht ausgewiesen worden waren. Bislang versichern die Aufpasser glaubhaft, der IKB-Vorstand habe die Risiken verschwiegen. Ob er das wissentlich oder aus Ahnungslosigkeit getan hat, steht dahin. Die Staatsanwaltschaft ermittelt.

Auch für die Staatsbank selbst hat das Debakel ihrer Beteiligung Folgen. Der KfW steht eine neue Aufsichtsstruktur ins Haus, auf dass der mit 37 Mitgliedern überbesetzte und schwerfällige Verwaltungsrat effektiver und professioneller werde. Ihm soll ein Prüfungsausschuss vorgesetzt werden. Der aus Berlin verordnete Missbrauch der Förderbank als industriepolitisches Vehikel für Einstiege etwa beim Luftfahrtkonzern EADS wird damit freilich nicht abgestellt. Und ob all das reicht, damit Vorstände im Urlaub künftig unbesorgt frühstücken können, ist auch noch nicht ausgemacht. Es gibt namhafte Banker, die mahnen, im Frühjahr kämen noch einmal schlechte Nachrichten.



Text: F.A.Z., 27.12.2007, Nr. 300 / Seite 14
Bildmaterial: REUTERS

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