Daimler

Angriff der gierigen Aktionäre

Von Rainer Hank und Georg Meck

Was passiert mit dem guten Stern aus Stuttgart?

Was passiert mit dem guten Stern aus Stuttgart?

07. September 2008 Ein Vorstandsvorsitzender kann sich seine Eigentümer nicht aussuchen. Nicht einmal, wenn er Dieter Zetsche heißt und Daimler-Chef ist. Einen mächtigen Schutzpatron, neuerdings "Ankerinvestor" genannt, hat Daimler nicht. Also muss sich der Chef mit jedem Aktionär gutstellen, egal, wie unverschämt er dessen Ansinnen findet. "Ich begrüße jeden Investor", sagt Zetsche tapfer.

Aggressive Aktionäre setzen dem Daimler-Management zu; 15 bis 20 Prozent der Aktien liegen schon in Händen von Hedge-Fonds: Das sind Kapitaleinsammler, die riskant investieren und ihren Anlegern extrem hohe Renditen versprechen. Nachdem sich der Börsenwert von Daimler halbiert hat, genügt eine Handvoll Milliarden, um dem Vorstand mit der Zerschlagung seines Unternehmens zu drohen.

Nach diesem Muster ist "Cevian Capital", eine gerade fünf Jahre alte schwedische Investorenfirma, nach Informationen der Sonntagszeitung bei dem Stuttgarter Traditionskonzern eingestiegen, zunächst mit einem Aktienpaket unterhalb der gesetzlichen Meldeschwelle von drei Prozent. Eine offizielle Bestätigung gibt es daher nicht, weder von Cevian noch von Daimler.

Daimler-Investoren: weg mit den Brummis!

Doch die Ziele der Schweden liegen auf der Hand: Bei jeder ihrer Beteiligungen hat sich der Wert binnen dreier Jahre zu verdoppeln, so verlangen sie forsch. Die beiden Cevian-Gründer, Christer Gardell und Lars Förberg, nehmen Einfluss auf Personal wie Portfolio. So war es schon bei der schwedischen Modekette Lindex wie beim Lkw-Hersteller Volvo zu besichtigen.

Die naheliegende Idee der Investoren für Daimler: weg mit den Brummis, den Trucks! Die Summe der Teile ist mehr wert als das Ganze, heißt die Philosophie, also müsse die Nutzfahrzeugsparte abgespalten werden. Wie ernst Dieter Zetsche die Drohung nimmt, beweist die Tatsache, dass er das Szenario durchrechnen ließ. Das Ergebnis war zu erwarten: Eine Abspaltung mache keinen Sinn; Lkws und Autos müssten einander befruchten und im Konzern bleiben.

Cevian-Gründer Lars Förberg attackiert Daimler-Chef Dieter Zetsche

Cevian-Gründer Lars Förberg attackiert Daimler-Chef Dieter Zetsche

Der Daimler-Betriebsrat ruft, Zetsche beispringend, schon den Heuschreckenalarm aus. "Wer dem Vorstand die Pistole auf die Brust setzt und eine Zerschlagung fordert, der hat auch die Arbeitnehmer gegen sich", warnt der stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende Erich Klemm. "Gegen die Mitarbeiter ist kein Unternehmen auf der Welt zu führen." Das wäre auch für die Aktionäre tödlich. Wer nur auf kurzfristigen Profit aus sei ohne Rücksicht darauf, wie er Daimler zurücklasse, der müsse mit massivem Widerstand der Arbeitnehmer rechnen, droht Klemm.

Mercedes erwirtschaftet derzeit mehr Gewinn als die Konkurrenz

Eines ist Dieter Zetsche nicht vorzuwerfen: dass er seit seinem Amtsantritt vor zwei Jahren die Wünsche des Kapitalmarktes ignoriert hätte. Im Gegenteil: Zetsche hat Chrysler abgespalten. Damit hat er den Konzern schon einmal zerschlagen. Bis heute wurde nicht geklärt, was Zetsche damals zu der raschen Trennung getrieben hat: die Einsicht, dass er den maroden Partner in Amerika nie flottbekommt? Oder doch die Furcht vor einer feindlichen Übernahme?

Der Druck der Investoren war jedenfalls gewaltig, und Zetsche ließ nichts unversucht, sie zu besänftigen. Die Verwaltung hat er ausgedünnt und Hunderte Millionen an Kosten gespart. Für Milliarden hat er eigene Aktien zurückgekauft, jeder seiner Sparten ehrgeizige Renditeziele verordnet. Nach Jahren mäßiger Profitabilität fahren die Autos mit dem Stern im Moment mehr Gewinn ein als alle Konkurrenz (den Spezialfall Porsche ausgenommen). Nur hilft das alles nichts.

Vorbild Deutsche Börse

Was Daimler heute droht, hat die Deutsche Börse AG schon hinter sich. Ausgerechnet hier, bei dem 1585 in Frankfurt gegründeten Wertpapiermarktplatz, haben sich vor drei Jahren britische und amerikanische Hedge-Fonds auf aggressive Weise eingekauft. Der Film lief genauso ab, wie Daimler es jetzt befürchtet.

Klar ist: Mit aggressiven Fonds ist nicht zu spaßen. Das weiß die Deutsche Börse heute besser als andere. TCI ("The Childrens Investment Fonds"), gemanagt von dem umtriebigen Londoner Wunderkind Chris Hohn, und Atticus, eine unter anderem von Rothschild-Nachfahren verwaltete Anlagegesellschaft, besitzen an der Börse gut 19 Prozent der Anteile. Allein mit der Drohung ihrer Stimmrechtsmacht haben die Angelsachsen vor drei Jahren das Topmanagement und den halben Aufsichtsrat aus dem Amt gejagt, die Übernahme der Londoner Börse durch die Deutschen verhindert und stattdessen selber kräftig Kasse gemacht.

Die neue Führungsmannschaft war den aggressiven Großaktionären stets zu Diensten. Insgesamt drei Milliarden Euro haben Reto Francioni, der neue Vorstand, und Kurt Viermetz, sein oberster Aufsichtsrat, über ein Aktienrückkaufprogramm ihren Anteilseignern gezahlt. Hinzu kommen historisch einmalige Dividenden. Was will ein Aktionär mehr?

Der Börsen-Chef ist hypernervös

Denn immerhin hatte der Aktienkurs der Deutschen Börse sich lange prächtig entwickelt; 2007 war das Unternehmen mit Abstand der Gewinner im Dax. Bei einer Umsatzrendite von 64 Prozent wird anderen Managern schwindelig. Wie Zetsche hat auch Francioni die Kosten deutlich gedrückt (180 Millionen weniger im Jahr) und aus steuerlichen Gründen sogar Frankfurt verlassen zugunsten des neuen Firmensitzes in der hässlichen Bürostadt Eschborn.

Genützt hat es nichts. Anstatt vor Dankbarkeit über den Geldsegen auf die Knie zu fallen, nörgeln die Angelsachsen schon wieder am Management der Börse herum. Vorwand ist der Kurs der Aktie, der seit Jahresbeginn von 136 Euro auf 63 Euro gefallen ist. Dass das seit Amtsantritt Francionis immer noch eine Wertsteigerung von 83 Prozent ist, befriedigt die geldhungrigen Aktionäre nicht. Vorige Woche haben TCI und Atticus gemeldet, ihre Interessen künftig gemeinsam wahrzunehmen.

Francioni ist hypernervös. Denn das Zerschlagungsszenario wird konkret. Ein Verkauf von Clearstream, einem Teilbereich, in dem der Börsenhandel abgewickelt und die Aktien verwaltet werden, könnte immerhin 5,5 Milliarden Euro bringen. Gemunkelt wird, den Fonds stehe das Wasser bis zum Halse und ihre mit saftigen Renditen verwöhnten Investoren drohten, das Geld abzuziehen. "Da ist nichts dran", ließ der sonst schweigsame Atticus-Gründer prompt vermelden.

Die Dax-Konzerne greifen in der Not nach jedem Anker

Zur Beruhigung der Deutschen trägt das nicht bei. Aufsichtsratschef Kurt Viermetz pocht auf die deutsche Unternehmenskultur ("Corporate Governance"), wonach Aktionäre sich nicht direkt in Investitionsentscheidungen einmischen dürfen. Viele im Aufsichtsrat stellen sich hinter ihn. Dort sitzen Leute wie der CDU-Politiker Friedrich Merz, der früher als Anwalt der Angelsachsen galt.

"Wenn die Fonds den Machtkampf wollen, können sie ihn haben", sagt ein Aufsichtsrat kämpferisch. Schon wird über Strategien der Kriegsführung sinniert. Die einen wollen die Investoren von TCI und Atticus aufstacheln, statt Franicioni lieber das eigene Fondsmanagement zu feuern, andere appellieren an die Politik: Für den Unterhalt einer Börse braucht es in Deutschland eine Lizenz der Landesregierung. Die könne auch entzogen werden, heißt die Drohung. Eine Börse sei schließlich "not just another company", pflegt Francioni zu sagen.

Selbst eingefleischte Kapitalisten am Finanzplatz betrauern inzwischen, dass die deutschen Banken vor Jahren ihre Anteile an der Deutschen Börse für gutes Geld verkauft haben. Gäbe es sie noch, taugten sie heute als "Ankeraktionäre". Er hoffe, dass sich die deutschen Banken wieder als Großaktionäre bei der Deutschen Börse betätigten, ließ Roland Koch vor nicht allzu langer Zeit ausrichten. "Dann kann auch nicht bei jeder Hauptversammlung eine neue Mehrheit auftauchen."

Bei Daimler-Chef Zetsche klingt das ein wenig anders: "Ich habe keine Vorbehalte gegen ausländische Staatsfonds." Die deutschen Dax-Konzerne greifen in der Not nach jedem Anker - Araber, Russen, Chinesen oder Deutsche. Bloß keine angelsächsischen Hedge-Fonds.



Text: F.A.S.
Bildmaterial: ddp, F.A.Z., F.A.Z. / Helmut Fricke

Kursabfrage 
NamePunkteProzent
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